Streit um SS-Bekenntnis Grass attackiert die "FAZ"

Günter Grass hat sich mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" überworfen. Auf der Buchmesse beschuldigte er die Blattmacher, im Zusammenhang mit seiner SS-Mitgliedschaft sein Urheberrecht verletzt zu haben, die guten Sitten des Journalismus zu verhunzen und Methoden wie "Bild" anzuwenden.


Frankfurt am Main - Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" habe sich im Umgang mit seinen Kriegserinnerungen nicht korrekt verhalten, sagte Grass, 79, auf der Frankfurter Buchmesse. Laut Nachrichtenagentur dpa hat der Literaturnobelpreisträger über seinen Anwalt Paul Hertin am Berliner Landgericht einen Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung gegen die "FAZ" gestellt.

Autor Grass: "Wider bessere Kenntnis ein Bekenntnis"
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Autor Grass: "Wider bessere Kenntnis ein Bekenntnis"

Der Schriftsteller wirft der Zeitung eine Verletzung des Urheberrechts vor. Die "FAZ" hatte vor genau einer Woche zwei Briefe von Grass an den früheren Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller aus den Jahren 1969 und 1970 abgedruckt. Darin hatte Grass an den SPD-Politiker appelliert, seine NS-Vergangenheit offen zu legen. Die von der "FAZ" im Zusammenhang mit der Enthüllung der SS-Vergangenheit Grass' veröffentlichten Briefe seien "persönlich" gewesen und hätten nicht publiziert werden dürfen, sagte Grass in Frankfurt.

Der Angriff gegen das Blatt ging noch weiter: Die "FAZ" "verhunze" die guten Sitten des Journalismus. Sie trete als gutbürgerliches Blatt auf, greife jedoch zu Methoden, wie er sie nur von der "Bild"-Zeitung kenne. Er empfinde "Ohnmachtsgefühle" gegenüber der Medienmacht dieses Blattes, sagte Grass bei einem öffentlichen Interview mit dem "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo.

Auch das Aufsehen erregende SS-Geständnis sei nicht von ihm selbst initiiert worden. Die "FAZ" habe aus Passagen seines Erinnerungsbuchs "Beim Häuten der Zwiebel" "wider bessere Kenntnis ein Bekenntnis gemacht". Dass er Mitglied der Waffen-SS gewesen sei habe er keineswegs der "FAZ" gestanden, sagte Grass: "Das steht im Buch drin." Trotz der Aufregung über sein Geständnis würde er die Passage in seinem Buch heute noch genauso schreiben. "Ich würde mich aber nicht mehr mit der 'FAZ' einlassen."

Die "FAZ" hat die von Grass geforderte Unterlassungserklärung nicht unterschrieben. "Das öffentliche Interesse an diesen Briefen ist evident", sagte "FAZ"-Geschäftsführer Roland Gerschermann der dpa. "Deshalb hat sich die FAZ für eine Veröffentlichung entschieden, zumal die Briefe in einer Dissertation zitiert werden." Im Übrigen seien sie nicht an den Privatmann Karl Schiller gegangen, sondern an seine Dienstadresse als Bundeswirtschaftsminister in Bonn adressiert gewesen. Es gehe hier, so Gerschermann, um die Glaubwürdigkeit der öffentlichen Person Günter Grass, der die Debatte durch sein verspätetes Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, selbst ausgelöst habe.

Dagegen sieht Grass-Anwalt Hertin einen gravierenden Verstoß gegen das Urheberrecht. "Wenn das Schule macht, unveröffentlichte Briefe abzudrucken, dann müsste man allen Schriftstellern und sonstigen Urhebern sowie ihren Erben dringend empfehlen, unveröffentlichte Korrespondenzen umgehend aus allen Archiven abzuziehen."

Bei der Zeitung hält man die ganze Aufregung des Schriftstellers für unangebracht. Denn schließlich habe Grass durch das von ihm redigierte Interview in der "FAZ" die Öffentlichkeit vor Erscheinen seines Buches über seine Vergangenheit im Dritten Reich informieren wollen. "Grass hat die öffentliche Rezeption vollkommen unterschätzt", sagte "FAZ"-Feuilleton-Chef Patrick Bahners zu SPIEGEL ONLINE. Im Verhalten des Schriftstellers zeige sich die "tiefe Verletzung" Grass', aber auch seine Hilflosigkeit. "Er wusste ja, was er tat", sagte Bahners. "Er wollte das Interview bei der 'FAZ' veröffentlichen, und jetzt will er uns zum Sündenbock machen."

bor/dpa



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