Streitschrift "Wachstumswahn" Runter vom Gas!

Höher, schneller, weiter: Christine Ax und Friedrich Hinterberger stören sich am Wachstumswahn unseres Wirtschaftssystems. Sie plädieren für ein schlankeres Leben mit weniger Arbeit, weniger Konsum, weniger Besitz. Und versprechen: Es tut gar nicht weh.

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Autoren Hinterberger und Ax: gegen die herrschende Wachstumsideologie

Autoren Hinterberger und Ax: gegen die herrschende Wachstumsideologie


Der Kronzeuge dieses Buches heißt Ludwig Erhard: "Ich glaube nicht", schrieb der Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler 1957 in seinem Werk "Wohlstand für alle", "dass es sich bei der wirtschaftspolitischen Zielsetzung der Gegenwart gleichsam um ewige Gesetze handelt. Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtleistung auf diesen Fortschritt, mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen."

Christine Ax und Friedrich Hinterberger nehmen Erhard beim Wort. Geht es nach ihnen, dann ist der Zeitpunkt gekommen, über den der große alte Mann der frühen Bundesrepublik noch vage phantasierte: "Die Wirtschaft dient nicht mehr uns, wir dienen ihr", schreiben sie in ihrem neuen Sachbuch "Wachstumswahn". Und fragen: "Wäre es wirklich schlimm, wenn das Wachstum auf dem heutigen Niveau stagnieren würde?"

Ax saß im Vorstand der Grünen und im Aufsichtsrat von Greenpeace, heute arbeitet sie im Berliner Büro für zukunftsfähige Entwicklung und Kommunikation. Hinterberger war Leiter für Ökologische Ökonomie und Wirtschaftspolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, bevor er das Sustainable Europe Research Institute (SERI) gründete.

In den Fünfzigern war Platz nach oben

Beide sind also Experten für Fragen nachhaltigen Wirtschaftens. In ihrem populärwissenschaftlichen Buch streifen sie zunächst durch die bundesdeutsche Geschichte, um die Wurzeln des aktuellen Wachstumswahns zu ergründen. Ihre These: Das Wirtschaftswunder der fünfziger und sechziger Jahre habe unser Bild vom Wirtschaftswachstum geprägt. Positiv geprägt. Und das nicht unbedingt zu Unrecht: Es herrschte enormer Nachholbedarf. Oder anders gesagt: Es war viel Platz nach oben. Viel Platz zum Wachsen.

Die ausgehungerten Menschen konnten mehr konsumieren. Maschinen übernahmen mehr und mehr die harten, körperlichen Arbeiten. Auch die Wochenarbeitszeit konnte verringert werden. Das steigende Bruttoinlandsprodukt sorgte für sozialen Ausgleich, weil es den Ausbau des Sozialstaats finanzierte. Durch Handel und Reisen beförderte das Wachstum zudem indirekt die Verständigung der Völker nach dem Weltkrieg. Natürlich verschmutzte das Wachstum auch damals schon die Umwelt. Aber das war noch kein Thema.

Heute ist es das schon, und heute haben sich auch die anderen Rahmenbedingungen verändert: Aus Wohlstand wurde Überkonsum, aus Arbeit Überarbeitung, aus staatlichen Leistungen Staatsverschuldung, aus halbwegs überschaubarer Ressourcennutzung Raubbau an der Natur. Ax und Hinterberger ziehen daraus den Schluss: "Wirtschaftswachstum hat keineswegs immer etwas mit einem Zuwachs an echtem Wohlstand und Lebensqualität zu tun." Endloses Wachstum sei in einer endlichen Welt nun einmal nicht möglich. Oder kurz: Unsere Wirtschaft ist ausgewachsen.

Ax und Hinterberger verknüpfen theoretische Passagen mit biografischen, sehr persönlichen Exkursen. Das macht ihr Buch lebensnah, aber auch etwas geschwätzig, und so wünscht man sich an manchen Stellen dieses Nachhaltigkeitsplädoyers einen etwas nachhaltigeren Umgang mit der Zeit des Lesers. Statt 368 Seiten hätten vielleicht auch 200 genügt, um genauso schlüssig zu argumentieren. Dennoch: Das Buch ist lesenswert, denn Ax und Hinterberger gelingt es, die herrschende Wachstumsideologie mit klugen Einwürfen zu kontern.

Bioprodukte helfen nicht unbedingt

Stichwort Konsum, einer der Treiber jedes Wirtschaftswachstums: Wenn die Verbraucher einer Volkswirtschaft nicht immer mehr konsumieren, könne das drei Gründe haben, schreiben sie. Erstens: Die Unternehmen haben die falschen Produkte hergestellt. Zweitens: Die Verbraucher haben nicht genügend Geld. Drittens, und dieser Punkt wird oft gar nicht bedacht: Die Verbraucher sind mit dem zufrieden, was sie haben. "Viele Österreicher und Deutsche haben letztlich alles, was sie wirklich brauchen", schreiben die Autoren. Ihnen gehen nicht die Euros aus, sondern die Wünsche. So befinden sich nach Schätzung des Umweltbundesamts in einem durchschnittlichen deutschen Haushalt an die 10.000 Gegenstände. Eine Zahl, die für unsere Wirtschaftswunder-Großeltern unvorstellbar gewesen wäre.

Würden wir das Wirtschaftswachstum mit wachsendem Konsum weiter anheizen, würde diese Zahl weiter wachsen - und auch für uns bald unvorstellbar groß werden. Ax und Hinterberger rechnen vor, was es bedeuten würde, wenn wir bis ins Jahr 2037 jährlich drei Prozent mehr konsumieren würden: doppelt so viel essen wie heute, doppelt so viel Bier trinken, doppelt so viele Quadratmeter bewohnen, doppelt so oft ein neues Auto kaufen, doppelt so oft fliegen. Es wäre verrückt.

Wer glaubt, die Autoren würden einfach nur für mehr Öko-Effizienz und für nachhaltigeren Konsum plädieren, der liegt falsch: "Öko-Effizienz allein kann und wird den Ressourcenverbrauch nicht in dem Umfang absenken, wie es erforderlich wäre, solange ein stetiger Zuwachs an wirtschaftlichen Aktivitäten alle Effizienzgewinne wieder auffrisst." Konkret: Ein stromsparender Laptop bringt gar nichts, wenn wir uns doppelt so oft ein neues Modell zulegen. Auch wer biologische Produkte kaufe, macht nicht unbedingt alles richtig, schreiben Ax und Hinterberger: Haushalte mit niedrigen Einkommen lebten oft umweltfreundlicher als konsumfreudige Lohas - einfach weil sie weniger kauften. "Mag sein, dass nachhaltiger Konsum besser ist als nicht-nachhaltiger Konsum. Noch besser wäre aber, wir würden überhaupt weniger konsumieren."

Sie plädieren daher für den Verzicht auf weiteres Wachstum. Die Bürger sollen schlanker leben, also weniger konsumieren und auch weniger nach Besitz streben: Sie nutzen Carsharing, teilen sich darüber hinaus Waschmaschinen, Trockner und Rasenmäher; sie legen ihr Geld in nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen an; sie essen wenig oder gar kein Fleisch; sie kaufen Obst und Gemüse aus regionalem Anbau; sie kaufen langlebige Non-Food-Produkte, die sich reparieren lassen. Es ist ein Plädoyer für den Verzicht, aber gleichzeitig auch eine Ode an die Dinge: an Dinge mit Qualität und Seele.

Die Vision von Ax und Hinterberger zielt aber nicht nur auf private Bürger, sondern auch auf die Akteure in Staat und Wirtschaft. Der Staat soll unter anderem Konsum statt Arbeit besteuern, ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen und Subventionen abbauen, die nicht-nachhaltige Strukturen begünstigen: Massentierhaltung zum Beispiel. Die Arbeitgeber und die Gewerkschaften sollen Lebensarbeitszeitkonten einführen: die Wochenarbeitszeit soll verkürzt, das Rentenalter erhöht und die Arbeit insgesamt auf mehr Menschen verteilt werden. "Wir könnten unseren Wohlstand mit höchstens 20 bis 25 Stunden Arbeit pro Woche erzeugen, wenn wir das Arbeitsvolumen gleichmäßig auf die Erwerbsbevölkerung verteilen."

Ax und Hinterberger sind überzeugt davon, dass sich mit ihren Vorschlägen zwei Dinge verbinden lassen würden: niedriges oder gar ausbleibendes Wachstum und steigende Lebensqualität. "Nicht wachsen muss nicht automatisch wehtun!"


Christine Ax/Friedrich Hinterberger: Wachstumswahn: Was uns in die Krise führt - und wie wir wieder herauskommen. Ludwig Verlag, München; 368 Seiten; 17,99 Euro.

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