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Studentenrevolte: Ein Skandal, der die Republik veränderte

Von Reinhard Mohr

Opfer werden zu Tätern gemacht – und Täter zu Opfern: Am 2. Juni 1967 schießt Polizist Kurras dem unbewaffneten Benno Ohnesorg eine Kugel in den Kopf. Doch die Öffentlichkeit macht nicht den Totschläger verantwortlich, sondern die Studenten. Das ist der Beginn der Revolte von 1968.

Unmittelbar nach Ohnesorgs Tod verbreitet die Polizei die Legende von zuvor abgegebenen "Warnschüssen", blitzenden Demonstranten-Messern und einer angeblichen "Notwehrsituation", in der sich Kurras befunden haben soll. Als sei dies nicht genug der Vernebelung, wurde noch am Abend das Gerücht gestreut, ein Demonstrant hätte einen Polizisten erstochen. Eine glatte Falschmeldung.

Die Morgenzeitungen der Springer-Presse wussten es natürlich wieder einmal ganz genau. Kein Wort vom Todesschuss in der Krummen Straße, dafür sehr viel erregte Meinung vom Schreibtisch aus: "Blutige Krawalle: 1 Toter" lautete die Schlagzeile der "Bild"-Zeitung, und unter dem groß aufgemachten Foto eines am Kopf blutenden Polizisten stand: "In Berlin gab es bisher Terror nur östlich der Mauer. Gestern haben bösartige und dumme Wirrköpfe zum ersten Mal versucht, den Terror in den freien Teil der Stadt zu tragen." Im Kommentar ging es im gleichen Stil weiter: "Sie müssen Blut sehen. Hier hören der Spaß und der Kompromiss und die demokratische Toleranz auf. Wir haben etwas gegen SA-Methoden. Die Deutschen wollen keine braune und keine rote SA."

Im klirrenden Gleichklang urteilte die "B.Z.": "Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen." Und die "Berliner Morgenpost" war sich ganz sicher: "Die Polizei trägt keine Schuld an den Zusammenstößen, die eindeutig von den Krawallradikalen provoziert wurden." Noch zwei Tage danach behauptete die "Welt am Sonntag", Kurras sei von den Demonstranten "in einen Hof abgedrängt", dort festgehalten und "mit Messern bedroht" worden.

Auch der Regierende Bürgermeister Albertz reihte sich in die Front der Wahrheitsverdreher ein: "Die Geduld der Stadt ist zu Ende", hieß es in einer über den Rundfunk verbreiteten Erklärung. "Einige Dutzend Demonstranten" hätten nicht nur einen ausländischen Staatsgast beleidigt – "auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte". Ausdrücklich billigte Albertz das Vorgehen der Sicherheitskräfte. Durch "eigenen Augenschein " habe er sich davon überzeugen können, dass "sich die Polizei bis an die Grenze des Zumutbaren zurückgehalten hat".

Ein Hohn auf die Wirklichkeit. Auch heute noch bezeugt Friederike Hausmann, inzwischen Lehrerin, Buchautorin und Übersetzerin: "Die Polizisten haben geprügelt wie blöd." Doch im Zusammenspiel von Senat, Polizei, Presse und großen Teilen von "Volkes Stimme" wurden die Opfer zu Tätern gemacht – und die Täter zu Opfern. Die vereinigte Staatsmacht hatte mit der angekündigten "Dresche" den "Krawallmachern" und "Radikalinskis" eine Lektion erteilt – so glaubte sie jedenfalls.

In Wirklichkeit hatten die Studenten eine Lektion gelernt, allerdings eine ganz andere als von Albertz & Co. geplant. Ein Repräsentant des demokratischen Rechtsstaats hatte einen unbewaffneten Menschen erschossen, und die Öffentlichkeit machte nicht den Totschläger verantwortlich, sondern sein Opfer und dessen Mitstreiter. Nach dem Tod eines Kommilitonen war dies der zweite große Schock des 2. Juni 1967: Die Übermacht der organisierten Lüge in einer Gesellschaft, die so stolz war auf Menschenrechte, Freiheit und Demokratie.

Während Fritz Teufel wegen eines angeblichen Steinwurfs vor der Oper bis zu seinem Freispruch im Dezember monatelang in Untersuchungshaft genommen wurde, blieb Karl-Heinz Kurras bis zur Pensionierung im Polizeidienst, als sei nichts geschehen. Von vornherein sowieso nur der "fahrlässigen Tötung" angeklagt, wurde er ein halbes Jahr später, am 21.11.1967, von der 14. Großen Strafkammer des Moabiter Landgerichts freigesprochen.

Trotz immer neuer unglaubwürdiger Versionen des Angeklagten, trotz aller Widersprüche, in die er sich verwickelte, und trotz der Tatsache, dass er Benno Ohnesorg auch nach Meinung der Kammer zweifelsfrei und "rechtswidrig" durch einen Schuss aus seiner Pistole getötet hatte, wollte das Gericht nicht ausschließen, dass Kurras aus eingebildeter, "putativer Notwehr", also weder absichtlich noch fahrlässig gehandelt habe. "Es hat sich sogar nicht ausschließen lassen, dass es sich bei dem Abdrücken der Pistole um ein ungesteuertes, nicht vom Willen des Angeklagten beherrschtes Fehlverhalten gehandelt hat", sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung.

Ein psychiatrisches Gutachten hatte ihm für den Abend des 2. Juni zudem eine "eingeschränkte Kritik- und Urteilsfähigkeit" attestiert. Dass dies nicht nur für jene Nacht galt, konnten die Zeitgenossen einem Interview von Kurras im "Stern" entnehmen, dem er wenige Wochen nach der Tat anvertraute: "Wenn ich gezielt geschossen hätte, wie es meine Pflicht gewesen wäre, wären mindestens 18 Mann tot gewesen."

Alles in allem ein Freispruch dritter Klasse aus "Mangel an Beweisen", der in zwei weiteren Prozessen, der letzte vor dem Bundesgerichtshof, bestätigt wurde. Doch es war und blieb ein Skandal, der die Republik veränderte.

Nicht einmal eine spontane Trauerkundgebung war gestattet

Als sich am Morgen des 3. Juni einige hundert Studenten vom Campus der FU zum Rathaus Schöneberg aufmachen wollten, wurden sie von der Polizei gestoppt. Am Nachmittag waren es dann schon zweitausend Menschen mit schwarzen Armbinden, schwarzen Fahnen, manche in Trauerkleidung, die sich an der Uni versammelten. Starke Polizeikräfte kesselten die Trauernden ein, Rektor Lieber ordnete die Schließung der FU an. Ein Dekan ließ jedoch eigenmächtig Räume und Hörsäle öffnen. Sofort trafen sich überall diskutierende Gruppen. Ein "Teach-in" jagte das andere; Flugblätter und Plakate wurden gedruckt und die Gründung eines Ermittlungsausschusses beschlossen, an dem auch Rechtsanwalt Horst Mahler teilnahm. Er vertrat die hochschwangere Witwe Benno Ohnesorgs, für die in kurzer Zeit fast 10.000 Mark gesammelt wurden. Auf Antrag von Rudi Dutschke forderten die empörten Studenten den Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters, des Innensenators und des Polizeipräsidenten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ach du dicker Hund!
papppfaffe 04.02.2008
---Zitat--- Rund tausend DDR-Bürger, darunter viele FDJler, die Jugendorganisation der SED, erwiesen dem Toten die Ehre: "Wir verneigen uns vor den Opfern des Neonazismus " stand auf Transparenten und "Wir gedenken aller Opfer des Westberliner Polizeiterrors". Ein seltener deutsch-deutscher Augenblick. ---Zitatende--- Ich krieg mich gar nicht mehr ein... Ansonsten mag ich Mohr, und der Artikel ist sehr lesenswert, aber dieser Absatz schlägt dem Fass den Boden aus: Wenn da Leute demonstriert haben, und insbesondere FDJler, war das bestimmt *keine* spontane Sympathiekundgebung, sondern eine typische Ost-"Demonstration", d.h. eine organisierte politische Manifestation. Mit anderen Worten wurden diese Leute, und auch der Tod vom Ohnesorg, von der DDR politisch *instrumentalisiert*. Das, finde ich, hätte in einem solchen Artikel durchaus erwähnt werden können.
2. Entnazifizierung wegen mangelnder Teilnahme abgesagt.
descartes101, 04.02.2008
Zitat von sysopOpfer werden zu Tätern gemacht – und Täter zu Opfern: Am 2. Juni 1967 schießt Polizist Kurras dem unbewaffneten Benno Ohnesorg eine Kugel in den Kopf. Doch die Öffentlichkeit macht nicht den Totschläger verantwortlich, sondern die Studenten. Das ist der Beginn der Revolte von 1968. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,532502,00.html
...und er lebte glücklich bis an sein Lebensende, ohne als der Mörder, der er ist, verurteilt oder auch nur aus dem Polizeidienst entfernt zu werden. So werden demokratische Märchen mit Happy End geschrieben. Ohne diese allgegenwärtige organisierte Lüge, Leugnung, Verschleierung und Behinderung einer bereits behinderten Justiz zusammengesetzt aus alten Nazi-Schergen, hätte vielleicht das Gedankengut der RAF keinen so fruchtbaren Boden gefunden. Vielleicht sollte sich ein Schäuble heute daran erinnern, wenn er den Rechtsstaat abschaffen will.
3. Oh je, da wird jemand alt
Ridcully 04.02.2008
und schreibt sich "seine" Zeit zurecht. In bester schwarz-weiss-Manier. Hach, wie furchtbar dramatisch das alles war. Und wie wichtig sind wir doch gewesen. Und überhaupt, ohne uns wäre alles nicht so frei, so kreativ, so menschlich, so blablabla. Und dabei war alles doch nur der typisch eingedeutschte Rattenschwanz der 26 Fuß von Berkley. Nicht mal das haben sie ohne die Amis hinbekommen. Und leider hat meine Generation diese aufgeblasenen, verlogenen Wichtigdenker jetzt als Auslaufmodell an der Pflegebacke. Dumm gelaufen.
4. dicht vorbei ist auch daneben und zwar VOLL
kamau 04.02.2008
Zitat von papppfaffeIch krieg mich gar nicht mehr ein... Ansonsten mag ich Mohr, und der Artikel ist sehr lesenswert, aber dieser Absatz schlägt dem Fass den Boden aus: Wenn da Leute demonstriert haben, und insbesondere FDJler, war das bestimmt *keine* spontane Sympathiekundgebung, sondern eine typische Ost-"Demonstration", d.h. eine organisierte politische Manifestation. Mit anderen Worten wurden diese Leute, und auch der Tod vom Ohnesorg, von der DDR politisch *instrumentalisiert*. Das, finde ich, hätte in einem solchen Artikel durchaus erwähnt werden können.
sie sind auf stand der springerpresse von 1968 stehengeblieben. die schreckensmeldung "die russen/ddr-ler kommen" mag als angstmacher-schlagzeile 1968 gedient haben, war aber schon damals völlig absurd. demos waren damals spontan, z.b. die schweigemärsche nach der ermordung (nicht tod, sondern hinrichtung) ohnesorgs oder die demos nach dem attentat auf dutschke. eine organisation durch die ddr oder ähnliches war nicht notwendig. nach der ermordung ohnesorgs trafen sich in meiner heimatstadt z.b. junge menschen sponat, ohne handy-rundruf, internet usw - allein der mief der sechziger jahre trieb uns damals auf die strasse
5. Auch in der DDR?
papppfaffe 04.02.2008
Zitat von kamausie sind auf stand der springerpresse von 1968 stehengeblieben. die schreckensmeldung "die russen/ddr-ler kommen" mag als angstmacher-schlagzeile 1968 gedient haben, war aber schon damals völlig absurd. demos waren damals spontan, z.b. die schweigemärsche nach der ermordung (nicht tod, sondern hinrichtung) ohnesorgs oder die demos nach dem attentat auf dutschke. eine organisation durch die ddr oder ähnliches war nicht notwendig. nach der ermordung ohnesorgs trafen sich in meiner heimatstadt z.b. junge menschen sponat, ohne handy-rundruf, internet usw - allein der mief der sechziger jahre trieb uns damals auf die strasse
Ich spruch ja von der "Demo" die sich *auf der DDR-Seite* von Dreilinden versammelt hatte. An Mohrs Beschreibung der Ereignisse in West-Berlin habe ich nichts unmittelbares auszusetzen, aber dass es *in der DDR* spontane Demos gegeben hätte, würde mich dann doch stark überraschen ;)
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