London-Porträt 24-Stunden-Therapie für zwei verlorene Seelen

Sie trockene Alkoholikerin, er ernüchterter Romantiker: Beide suchen im Moloch London ihren Platz im Leben. A.L. Kennedys Roman ist das bitterböse Großstadt-Porträt der Stunde.

Blick auf London
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Blick auf London

Von Britta Schmeis


Zwei geschundene Menschen, zwei verlorene Seelen taumeln durch eine Stadt. Eine Stadt, die ständig in Bewegung ist, den Rhythmus ihrer Bewohner vorgibt. Diese zwei Menschen werden mal von unsichtbaren Mächten, mal von ganz realen Menschen getrieben, wandeln wie in einem Kokon, während sich die Welt um sie herum immer schneller dreht - auf der Suche nacheinander und zu sich selbst, mal voller Wut, mal voller Zärtlichkeit.

Ziemlich genau 24 Stunden dauert diese Suche durch London, von der A.L. Kennedy in "Süßer Ernst" erzählt. Eine Zeitspanne, in der sie eine fast kitschige und doch schmerzhafte Romanze entfaltet, einen Großstadtroman erzählt und zugleich ein Gesellschaftsporträt.

Autorin A.L. Kennedy
Peter-Andreas Hassiepen

Autorin A.L. Kennedy

Zwei Menschen stellt die 1965 im schottischen Dundee geborene Autorin in den Mittelpunkt: Meg, die 45-jährige Alkoholikerin, seit einem Jahr trocken, die ihren Job als Wirtschaftsprüferin längst verloren hat, ihre Würde und ihre Hoffnung auf Glück und Zuneigung auch. Geschunden an Körper und Geist. Und da ist der 59-jährige Jon, hochrangiger Staatsbeamter der britischen Regierung, von seiner Frau gedemütigt und verlassen, um jegliche Karrierechancen gebracht. Ein Mann alter Schule, der den Glauben an eine gerechte Welt und auch an sich selbst längst verloren hat.

Diese beiden ungleichen Menschen treffen aufeinander, weil Jon irgendwann begonnen hat, auf Bestellung Liebesbriefe an fremde Frauen zu schreiben, die, wenn sie wollen, zurückschreiben können. (Das Postfach, das er dafür benutzt, dient auch für Informationen, die er an einen Journalisten durchsticht.) Meg ist eine dieser Frauen, und sie passt Jon eines Tages am Postfach ab.

Bei ihren Treffen, von denen der Leser in den Rückblicken erfährt, herrscht eine Vertrautheit, die sie sich so sehr wünschen, der sie aber nicht trauen. In den Briefen erfinden sie sich neu, sind so, wie sie sein möchten oder vielleicht tatsächlich einst waren.

#MeToo und Brexit sind schon zu erahnen

Kennedy schickt Meg und Jon jeweils allein diese 24 Stunden lang durch die britische Hauptstadt, durch schäbige Gegenden, durch das feine Regierungsviertel, muffige Pubs, trostlose Gemeindezentren, in denen Meg zu Treffen der Anonymen Alkoholikern geht. Dabei schafft Kennedy eine rastlose Hast, indem sie den Roman mit kursiv gedruckten inneren Monologen der beiden durchzieht, die einen tiefen Einblick in die von Selbstzweifeln zerfressenen Seelen geben - mal in Gedankenfetzen, mal in langen Passagen, immer ein wenig zu schnell, wie Gedanken eben fliegen.

Zugleich sind Meg und Jon und alle Menschen um sie herum ständig in Bewegung, im Taxi, in der U-Bahn oder zu Fuß. Kennedy erzählt von vielen U-Bahnszenen, in denen die Menschen zur Ruhe kommen und die Stadt doch an ihnen vorbeirast. Meg und Jon sehnen sich nach Langsamkeit, nach Ruhe und einer vergangenen Zeit. Die altmodischen Briefe mit Sätzen wie "Sie sind lieb" oder "In Deinem Herzen ist so viel Freundlichkeit", handgeschrieben, per Post verschickt und manchmal erst nach Wochen beantwortet, sind dafür ein schönes Bild.

Geschickt spielt Kennedy mit der Sprache. Neben den eilenden Gedanken ihrer Protagonisten lässt die Stadt agieren, die Menschen sind ihr ausgeliefert. Die Autorin fügt kurze London-Episoden ein von ganz unterschiedlichen Menschen und entwirft so ein Kaleidoskop Londons. Für diese Episoden wählt sie das Präsens, was unmittelbar in die Szene hineinzieht.

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A. L. Kennedy:
Süßer Ernst

übersetzt aus dem Englischen von Ingo Herzke, Susanne Höbel

Hanser, 400 Seiten, 28 Euro

Kennedys Roman ist auch die Geschichte einer von Männern dominierten Gesellschaft, mit Anzüglichkeiten und zotigen Witzen. Vor seinem schmierigen Chef spielt Jon das Machogehabe mit, in seinen Gedanken spricht er Sätze wie "Vergewaltigungsdrohungen als Partygespräch, fordern, dass jede Frau nackt sein soll, und ganz selbstverständlich den Schuft geben. So sollte ein Mann nicht sein." 2016 ist "Süßer Ernst" in Großbritannien erschienen, der Hashtag #MeToo war noch nicht erfunden.

2016 war auch das Jahr des Brexit-Referendums, die Auswirkung der Entscheidung längst nicht absehbar, und doch bietet Kennedy eine pessimistische Sicht auf die Regierung, für die Jon täglich unmoralisch handeln muss - und auf die Gesellschaft allgemein: "Großbritannien geht den Bach runter", heißt es an einer Stelle. Man könnte meinen, sie hätte die Brexit-Entscheidung und ihre Folgen vorausgesehen.

"Süßer Ernst" ist ein komplexer, großartiger Roman voll schräger Typen und skurriler Situationen, mit bitterböser Komik und einem Hauch von Agentengeschichte. Ein Roman über Liebe und Politik, über den Schmerz und das Glück von Beziehungen, von Menschen die heilen und geheilt werden wollen. Fast schmerzhaft folgt man Jon und Meg, die erst nach einem langen, langen Tag endlich zusammenfinden.

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