Ulla Unseld-Berkéwicz Suhrkamp-Chefin wechselt in den Aufsichtsrat

Sie kündigte den Schritt bereits Anfang des Jahres an. Jetzt tritt Suhrkamp-Chefin Unseld-Berkéwicz von ihrem Amt zurück und wechselt in den Aufsichtsrat. Damit wird ein jahrelanger Streit endgültig beigelegt.

Zieht sich mit dem heutigen Tag vom Chefposten des Suhrkamp-Verlags zurück: Ulla Unseld-Berkéwicz
DPA

Zieht sich mit dem heutigen Tag vom Chefposten des Suhrkamp-Verlags zurück: Ulla Unseld-Berkéwicz


In einer Pressemitteilung teilt der Suhrkamp-Verlag mit, dass sich Ulla Unseld-Berkéwicz mit dem heutigen Tag aus dem operativen Geschäft zurückzieht und den Aufsichtsratsvorsitz der Suhrkamp Verlag AG übernimmt. Der neue Aufsichtsrat habe Dr. Jonathan Landgrebe zum alleinigen Vorstand der Suhrkamp AG bestellt.

Es ist der letzte Schritt in einem Streit, der die deutsche Literatur-Szene über Jahre in Atem gehalten hatte. Die von der Suhrkamp-Chefin geplante Umwandlung des Hauses in eine Aktiengesellschaft hatte der Minderheiteneigentümer Ernst Barlach durch alle Gerichtsintsanzen bekämpft.

Im Dezember 2013 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass der Suhrkamp Verlag zur Aktiengesellschaft umgebaut werden darf. Daraufhin stieg die Darmstädter Unternehmerfamilie Ströher als neuer Aktionär ein. Sylvia Ströher sitzt ebenfalls im Aufsichtsrat.

Die Mehrheit der Aktien gehört künftig der Familienstiftung von Unseld-Berkéwicz und der Familie Ströher gemeinsam. Die Stimmrechte ihrer Aktien seien vertraglich gebündelt, ließ der Verlag schon im Januar 2015 wissen. In diesem Bündnis verfüge die Familienstiftung über die Stimmrechtsmehrheit und könne deshalb auch fortan die Geschicke des Verlags lenken.

Suhrkamp
Chronologie des Machtkampfs
Im Suhrkamp Verlag schwelt seit Jahren ein Kampf zwischen den Gesellschaftern. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hält heute 61 Prozent der Anteile, der Unternehmer Hans Barlach den Rest. Inzwischen geht es um die Existenz des traditionsreichen Verlags, der 2010 von seinem langjährigen Stammsitz in Frankfurt am Main nach Berlin zog.
2014
24. Oktober: In einem endgültigen Beschluss vom 20. Oktober weist das Landgericht die Beschwerde schließlich zurück. Es gibt damit grünes Licht für das Sanierungskonzept von Unseld-Berkéwicz.

21. Juli: Der Bundesgerichtshof teilt mit, er habe die beiden Entscheidungen der Vorinstanz aufgehoben, das Landgericht müsse neu über die Zulässigkeit der Beschwerde befinden.

30. Januar: Barlach legt Beschwerde gegen das Sanierungskonzept ein, die im Februar und im April in zwei Entscheidungen vom Landgericht zurückgewiesen wird.

15. Januar: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg billigt die Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft. Die Kammer bestätigt damit die Zustimmung der Gläubiger zum Insolvenzplan.
2013
13. November: Unseld-Berkéwicz und Barlach scheitern mit dem Versuch, sich gegenseitig als Gesellschafter des Verlags auszuschließen. Das Landgericht Frankfurt weist zwei entsprechende Klagen zurück, stellt jedoch fest, dass beide Seiten erhebliche Treuepflichtverletzungen zum Nachteil des Verlags begangen hätten.

22. Oktober: Eine zweite Gläubigerversammlung entscheidet über den Insolvenzplan, der diese Umwandlung vorsieht.

12. Oktober: Barlach kündigt an, auf Schadenersatz zu klagen, sollte der Verlag wirklich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.

3. Oktober: Das Oberlandesgericht Frankfurt hebt die Entscheidung vorläufig auf, nach der Unseld-Berkéwicz nicht über den Insolvenzplan abstimmen darf.

1. Oktober: Eine erste Gläubigerversammlung votiert weitgehend einvernehmlich für die Fortsetzung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung.

26. September: Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren drohen Barlach mit einem Ausstieg aus dem Verlag, sollte er «maßgeblichen Einfluss» auf das Haus behalten - u.a. Sibylle Lewitscharoff, Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein und Uwe Tellkamp.

10. September: Das Landgericht Frankfurt verbietet der Verlegerin in einer einstweiligen Verfügung, bei der Gläubigerversammlung ihrem eigenen Insolvenzplan zuzustimmen.

6. August: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eröffnet das Insolvenzverfahren. Auf Vorschlag von Unseld-Berkéwicz soll der Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Barlach verlöre dadurch weitreichende Mitspracherechte.

27. Mai: Der Verlag beantragt eine Unternehmenssanierung nach dem neuen Insolvenzrecht. Das sogenannte Schutzschirmverfahren soll verhindern, dass Gewinne an die Anteilseigner ausgezahlt werden.

24. April: Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz kassiert eine weitere Niederlage: Das Landgericht Frankfurt am Main gibt einer Klage der Medienholding AG des Minderheitsgesellschafters Hans Barlach statt, strittig waren Informationsrechte und Gesellschafterbeschlüsse.

20. März: Das Landgericht Frankfurt am Main verurteilt die von der Suhrkamp-Chefin geführte Familienstiftung zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Bilanzgewinn von 2010 und die Erlöse aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.

13. Februar: Das Landgericht Frankfurt am Main vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.

8. Februar: Barlach beharrt als Voraussetzung für einen Kompromiss auf dem Rückzug der Geschäftsführung.

24. Januar: Die Suhrkamp-Chefin lehnt einen Rücktritt ab.

10. Januar: In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.

4. Januar: Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
2012
30. Dezember: Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.

17. Dezember: Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.

15. Dezember: Renommierte Suhrkamp-Autoren wie Uwe Tellkamp stellen sich hinter Unseld-Berkéwicz und drohen mit einem Wechsel des Verlags, falls Barlach dort die Macht bekommt.

13. Dezember: Barlach verlangt eine neue Geschäftsführung.

10. Dezember: Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen entsprechenden Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Die Verlegerin soll wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus auch 282.500 Euro Schadensersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.

5. Dezember: Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor einer Handelskammer des Landgerichts Frankfurt am Main, sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
2011
Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter vorher zu fragen.
2009
Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding. 2010: Der Verlag verlegt seinen Sitz von Frankfurt am Main nach Berlin.
2006
Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den 29-Prozent-Anteil des Schweizers Andreas Reinhart gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.
2002
Nach dem Tod von Suhrkamp-Leiter Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung. Diese leitet seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart. 2003: Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

kae

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
orthonormalbürger 10.12.2015
1. zum Glück!
Barlach wollte den wichtigsten Verlag ruinieren, konnte man im Spiegel auch mal detailliert nach lesen. Kritische und gute Literatur sollte immer einen Platz haben der nicht nur versucht Geld rauszuholen
kategorien 10.12.2015
2. Anfänger
Nun, ich besitze mehrere Unternehmen -- und die Suhrkamp-Posse riecht danach, dass Unseld-Berkewicz sich als Dilettant (naiverweise überrascht) in eine Situation manövrierte, aus welcher heraus sie (Gesichtswahrung, vermutliche aufrichtig gemeinte Suhrkamp-Rettung) eine Reihe von Fehler machte, bevor sie erkannte, dass eine AG hilft. GmbHs sind ein hartes Thema. Wenn sie nun in den Aufsichtsrat wechselt -- werden wir erst in 5-10 Jahren erkennen, ob daraus für Suhrkamp oder Leser ein Vorteil erwuchs. Zweifellos wird sie hierbei rechtlich viel gelernt haben und vlt. den einen oder anderen Snobismus abgelegt haben. Der Suhrkamp-Verlag ist schon lange nicht mehr das, was er mal war, bis auf stw vielleicht, insofern ist abzuwarten, ob sich die Verlagschef(s) wieder stärker auf Literatur besinnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.