Volker Braun zum Suhrkamp Verlag: "Dem Zugriff des Kapitals ausgesetzt"

Dichter statt Richter: Im juristischen Streit um Suhrkamp ergreifen die Autoren des Verlags das Wort. Auf SPIEGEL ONLINE verwahren sich Friederike Mayröcker, Volker Braun, Thomas Meinecke und Thomas Rosenlöcher gegen die Entmachtung von Ulla Berkéwicz.

Ich bin seit mehr als 40 Jahren (und mit mehr als 40 Büchern) im Suhrkamp Verlag. Als mich Helene Weigel mit Siegfried Unseld zusammenbrachte, gab es für mich keine andere Wahl als den Verlag von Brecht, Peter Weiss, Enzensberger, Max Frisch. Ich sah mich als deutscher Autor arbeitend in einem großen Raum emanzipatorischen Denkens. In dieser Zeit der Druckgenehmigungsprozeduren in Ostberlin war der Zuspruch und die Geduld des souveränen Verlegers in Frankfurt ein Halt, und nach dem Umbruch 1990 konnte er mich leicht mit allen Rechten gewinnen.

Dieses zutrauende Interesse, das ganz der Arbeit und Wirkung des Autors gilt, ist auch Ulla Unseld-Berkéwicz als Verlegerin eigen. Es ist, meine ich, das Kerngeschäft des Verlags, die einzig relevante Betriebsgröße und Berechnunsgrundlage der kulturellen Leistung.

Ich bin, nach den Erfahrungen der deutschen Vereinigung, nicht sicher, ob Suhrkamp, bei dem jetzigen Rechtsstreit, in seiner Substanz erhalten bleibt. Er ist nicht in der schutzlosen Lage jener Handvoll bedeutender DDR-Verlage, die dem Zugriff des Kapitals ausgesetzt waren. Aber wie der Feldzug der Treuhand gegen die Industrie eines ganzen Landesteils die kriminellen Energien der Konzerne trainiert hat, so scheint die Abwicklung auf dem Feld der Kultur auch da sportliche Ehrgeize geweckt zu haben. Die Gesellschaft kann ohne den (utopisch großen) Verlag Volk und Welt leben, aber schlechter, viel schlechter; ohne Suhrkamp aber: ganz schlecht. Ein Machtkampf, der die Beschädigung des Verlags in Kauf nimmt, ist ein unzulässiger Handel.

Wird man jetzt mit Kleist sagen können: "Es gibt noch Richter in Berlin"? Es wird sich zeigen, ob Deutschland Instanzen hat, die seinen kulturellen Besitz zu verteidigen wissen. Ich bin mir dessen nicht absolut gewiß. Die Autoren, die Lektoren stellen sich vor ihren Verlag und ihre Verlegerin.

Volker Braun

Der Schriftsteller, Jahrgang 1939, veröffentlichte bei Suhrkamp zuletzt die Erzählung "Die hellen Haufen" und "Werktage I, Arbeitsbuch 1977-1989".

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