Suhrkamp-Insolvenzverfahren Entmachtung des Querulanten

Das Sanierungsverfahren bei Suhrkamp kommt überraschend - ist womöglich aber ein genialer machiavellistischer Schachzug: Gesellschafter Barlach, Erzfeind der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, ist vorerst zum Zusehen verdammt.

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Das "Handelsblatt" mag nicht das wichtigste Organ des literarischen Lebens in Deutschland sein. Im Februar 2012 aber veröffentlichte die Wirtschaftszeitung ein Interview, das sich nun als entscheidend erweisen könnte für das Schicksal des wichtigsten deutschen Literaturverlags. Frank Kebekus, Insolvenzverwalter aus Düsseldorf, sprach darin über die Novellierung des Insolvenzrechts und das sogenannte Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG), das am 1. März desselben Jahres in Kraft treten sollte. Dabei verwandte Kebekus eine Formulierung, die schon damals in den Ohren der Suhrkamp-Geschäftsführung süßer geklungen haben muss als das zarteste Liebesgedicht ihrer Hausautorin Wislawa Szymborska. Denn Kebekus sagte: "Es ist jetzt leichter, sich von Querulanten zu befreien."

Aus Sicht der Suhrkamp-Geschäftsführung dürfte es vor allem einen Querulanten geben: Hans Barlach, Hamburger Geschäftsmann und Enkel des Bildhauers Ernst Barlach. Die Familienstiftung der Erben des langjährigen Suhrkamp-Patrons Siegfried Unseld, in der Öffentlichkeit verkörpert durch Unselds Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz, liefert sich mit Barlach seit Jahren einen immer schärfer werdenden Streit, der seit einem Gerichtsurteil im Dezember 2012 eskaliert ist. Suhrkamp-Autoren stellten sich dabei vehement auf Seiten Unseld-Berkéwiczs. Peter Handke bezeichnete Barlach in der "Zeit" gar als "Satan".

Funktion des Schutzschirmverfahrens

Im März 2013 wurde Barlach dann auf dessen juristisches Bestreben per Gerichtsbeschluss eine Gewinnausschüttung von 2,2 Millionen Euro zugestanden. Dies führte am Montag indirekt zu einem weiteren Gerichtsbeschluss, diesmal beantragt von der Suhrkamp-Geschäftsführung: Ein Schutzschirmverfahren soll die Existenz des Verlags retten - andernfalls drohe die Insolvenz, weil der Verlag überschuldet wäre im Fall einer Millionenausschüttung an Barlach, die aus juristischen Gründen eine noch höhere Ausschüttung an die Familienstiftung um Unseld-Berkéwicz nach sich zöge.

Und so ist es diesmal an einem für das literarische Leben in der Bundesrepublik deutlich bedeutsameren Organ als dem "Handelsblatt", ein Interview mit Frank Kebekus zu publizieren: der "Zeit". Doch der Insolvenzrechtler spricht diesmal nicht allein als Fachmann. Er ist Partei geworden. Suhrkamp hat ihn zum Generalbevollmächtigten bestellt. Neben der bestehenden Geschäftsführung, der unter anderem Unseld-Berkéwicz angehört, ist er nun verantwortlich dafür, innerhalb von drei Monaten einen Sanierungsplan zu entwickeln. Überwacht wird Kebekus dabei von einem vom zuständigen Gericht berufenen Sachwalter, dem Berliner Insolvenzrechtler Rolf Rattunde.

Nicht vertreten in diesem Gremium ist Hans Barlach.

Das Schutzschirmverfahren bedeutet eine Schwächung seiner Position, dem Drama um Suhrkamp könnte es eine völlig neue Wendung geben. Zum jetzigen Zeitpunkt wirkt es wie ein genialer machiavelistischer Coup. Denn Barlach, der sich in einer Pressemitteilung "entsetzt" zeigte und von einem "abgestimmten Plan zum Nachteil des Verlags" sprach, bleibt derzeit nur ein Platz im sogenannten Gläubigerausschuss, der auch Mitarbeiter und Autoren umfasst. Der Ausschuss ist es, der über den Sanierungsplan befindet - per Mehrheitsbeschluss. Barlach wäre nur einer von mehreren Stimmberechtigten.

Möglicher neuer Anteilseigner - Hubert Burda

Ausschüttungen werden nach Kebekus' Angaben in dieser Zeit nicht ausgezahlt. Es ist sogar fraglich, ob Barlach seine Millionenforderung überhaupt noch erfüllt bekommt: "Seine Forderungen an das Unternehmen müssten nun insolvenzrechtlich behandelt werden", so Kebekus zur "Zeit", "jedoch wären sie dann nachrangig zu behandeln."

Vielleicht auch deshalb zeigt man sich im Suhrkamp Verlag nun optimistisch. "Wir rechnen mit einem guten Ausgang", sagte eine Verlagssprecherin SPIEGEL ONLINE. "Der Gesellschafterstreit liegt nun auf Eis." Sie deutete zudem eine Lösung an, die am Ende des Sanierungsprozesses stehen könnte: "Das Insolvenzrecht schließt Investoren nicht aus."

Das deckt sich mit einer Meldung, die der SPIEGEL publiziert hatte: Ein dritter, von außen kommender Anteilseigner könnte Teile oder gar die Mehrheit von Suhrkamp übernehmen.

In der "Welt" wurde bereits ein Name genannt: Hubert Burda. Als Illustriertenverleger ("Bunte") mag Burda auf den ersten Blick fast ebenso wenig mit dem anspruchsvollen Literaturbegriff von Suhrkamp gemein haben, wie das "Handelsblatt". Als "Querulant" oder gar "Satan" aber dürfte ihn zumindest Peter Handke, der berühmteste und meinungsmächtigste der noch lebenden Suhrkamp-Schriftsteller, nicht sehen - die beiden sind gut befreundet.

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insgesamt 25 Beiträge
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volker_morales 28.05.2013
1. Querulant?
Der Berichterstattung von SPON folgend, scheint Barlach lediglich seine Gesellschafterrechte auszuüben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine vorgeschobene Unternehmenssanierung sich dafür eignet, Rechte von Minderheitsgesellschaftern zu umgehen. Auch das Urteilsvermögen von Literaten wie Handke in Sachen Unternehmensführung erscheint mir - vorsichtig formuliert - eher unterentwickelt.
fruehling2013 28.05.2013
2. Ohne Machiavelli ist es ein Artikel
Machiavelli dient wieder einmal nur dafür, ein Thema emotional aufzuladen. Ein genialer Schachzug. Ja. Ein genialer Coup. Meinetwegen. Aber lassen Sie bitte Niccoló Machiavelli dort, wo er hingehört: Staatskunde. Danke.
avenida 28.05.2013
3. avenida
Bin hoch erfreut über diese Nachricht! Nicht in der Hauptsache wegen einer vorurteilsmäßigen Parteinahme für die Witwe Unselds, sondern weil es nun überraschend so aussieht, als ob diesmal eben nicht die kalte Berechnung und die unselige Unverschämtheit siegt, wie man es schon fast automatisch in dieser unserer Gesellschaft erwartet!
Das Grauen 28.05.2013
4. Was ist im Interesse des Fortbestands der Arbeitsplätze?
Darum geht es doch, das sollte die Insolvenzwerwalter leiten, und eben nicht eine von Unseld-Berkewicz angestrengte Machtintrige. Die Geschäftsführerin hat sich in der Vergangenheit viel stärker von ihrem Kampf mit Barlach als von der Sorge um die Mitarbeiter leiten lassen und sollte ersetzt werden. Beide Streithähne raus aus der Arena, das wäre der beste Weg um den Fortbestand des Verlags zu sichern, finde ich!
filder 28.05.2013
5. Kampagne
Zitat von sysopDPADas Sanierungsverfahren bei Suhrkamp kommt überraschend - ist womöglich aber ein genialer macchiavellistischer Schachzug: Gesellschafter Barlach, Erzfeind der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz, ist vorerst zum Zusehen verdammt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/suhrkamp-schutzschirm-insolvenzverfahren-nach-streit-mit-barlach-a-902345.html
Dass SPON und Spiegel sich frühzeitig auf die Seite der Unseld-Witwe geschlagen haben und als deren Kampagnenorgane fungieren, ist ja nichts Neues. Und so fehlt dann auch die zweite Hälfte der Nachricht: Zum Zusehen ist auch Berkéwicz verdammt. Es sei denn natürlich, es wäre vorher fleissig gekungelt worden ... aber dass SPON da nachhakt und recherchiert, ist wohl ausgeschlossen ...
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