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Suhrkamp: Umbau in eine Aktiengesellschaft steht

Suhrkamp-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse (Archiv): Endlich AG Zur Großansicht
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Suhrkamp-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse (Archiv): Endlich AG

Wie der Verlag bekannt gab, steigt die Unternehmerfamilie Ströher als neuer Aktionär ein. Suhrkamp-Chefin Unseld-Berkéwicz tritt von ihrem Amt zurück und wechselt in den Aufsichtsrat.

Berlin/Hamburg - Im Dezember hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass der Suhrkamp Verlag zur Aktiengesellschaft umgebaut werden darf. Jetzt ist die Umwandlung des Unternehmens unter Dach und Fach.

Wie Suhrkamp mitteilte, steigt die Darmstädter Unternehmerfamilie Ströher als neuer Aktionär mit ein. Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz will in den kommenden Monaten ihr Amt abgeben und in den Aufsichtsrat wechseln.

Die Mehrheit der Aktien gehört den Angaben zufolge künftig der Familienstiftung von Unseld-Berkéwicz und der Familie Ströher gemeinsam. Die Stimmrechte ihrer Aktien seien vertraglich gebündelt, hieß es. In diesem Bündnis verfüge die Familienstiftung über die Stimmrechtsmehrheit und könne deshalb auch fortan die Geschicke des Verlags lenken.

Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft soll die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Minderheitseigentümer Hans Barlach beendet werden. Barlach war gegen die Pläne der Verlagschefin, das Haus zu einer Aktiengesellschaft umzuwandeln, durch alle Instanzen bis vor das oberste deutsche Gericht gezogen.

Denn für den Hamburger Medienunternehmer, Enkel des Bildhauers Ernst Barlach, bedeutet die Umwandlung einen weitgehenden Verlust seiner Mitspracherechte, so könnte er durch die Konstruktion der Aktiengesellschaft mit Geschäftsführung und Aufsichtsrat nicht mehr in das Alltagsgeschäft des Verlages eingreifen.

Das von Peter Suhrkamp 1950 gegründete Haus gilt als einer der wichtigsten Verlage der Bundesrepublik mit namhaften Autoren aus Literatur und Wissenschaft.

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cbu/dpa

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Die Schäden werden erheblich sein
Kismett 21.01.2015
Ich bezweifele, dass dieses Gezerre aus persönlichen Eitelkeiten -verbunden mit gerichtsnotorischen Unterschleif der Geschäftsführerin (also Betrug)- dem Renommee des Unternehmens gut getan hat. Als seriöser Autor kann man doch seine Werke dort nicht verlegen lassen, wo es darum geht mit miesen Tricks einen Gesellschafter aus dem Unternehmen zu drängen. Denn solche Tricks werden dann auch gegen Autoren angewandt. Als Bestseller bei Suhrkamp gelten heute schon solche Bücher wie " Isabel Allende, Amandas Suche" mit einer Auflage von 10.000. Das sehr schnell aus der Spiegel-Bestsellerliste verschwand (trotz der guten Kontakte) und nun -04/2015- nicht mehr enthalten ist.
2. Suhrkamp
Nachtheinigte 21.01.2015
Man kann sich über das Karlsruher Urteil nur freuen, selten aber tatsächlich hat die Vernunft (die Richter wogen Vorteile und Nachteile ab) über das Gewinnstreben eines Erben eines großen deutschen Künstlers mittels Boulevard-Massenware, mit wahrscheinlich geringem Niveau. Auch da wäre der Markt nicht so einfach, denn dort gibt es schon genug Anbieter. Und es ist eben so mit guter Literatur, man kann dort keine Rekordgewinne machen. Die Schäden werden wohl nicht erheblich sein, denn die Suhrkamp-Autoren werden wohl eher nicht abspringen, sondern im Gegenteil andere hinzugewinnen, und der Verlag wird nachdem nun Ruhe eingekehrt ist, durch aus Autoren mit Titeln gewinnen, die größere Auflagen ermöglichen.
3. Barbarians at the Gate
wauz 21.01.2015
Man darf bei der ganzen Sache die Vorgeschichte nicht vergessen: Barlach gehörte zu einer Gruppe von vier Leuten, die sich mit einem juristischen Trick die Mehrheit über den Verlag sichern wollten. Diese Finte ist von deutschen Gerichten als Prozessbetrug erkannt worden. Dazu noch hatte einer der "Investoren" kein Geld. Die anderen sind auch abgesprungen - Barlach blieb. Mit mehr Schulden, als der Verlagsanteil wert war. Unglücklicherweise gehörte und gehört dieser Anteil nicht ihm selbst, sondern einer AG, die ihm gehört. Die ihrerseits aber verschuldet ist, was bedeutet, dass bei einer Liquidation nicht soviel herausgekommen wäre, wie Barlach gebraucht hätte. Wer diese Zusammenhänge kennt, wundert sich nicht mehr, dass Barlach ein solches Geschrei angefangen hat. Ein Gauner, der in der selbst gestellten Falle sitzt. So sieht das aus.
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Suhrkamp: Aufruhr der Autoren

Suhrkamp
Chronologie des Machtkampfs
Im Suhrkamp Verlag schwelt seit Jahren ein Kampf zwischen den Gesellschaftern. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hält heute 61 Prozent der Anteile, der Unternehmer Hans Barlach den Rest. Inzwischen geht es um die Existenz des traditionsreichen Verlags, der 2010 von seinem langjährigen Stammsitz in Frankfurt am Main nach Berlin zog.
2014
24. Oktober: In einem endgültigen Beschluss vom 20. Oktober weist das Landgericht die Beschwerde schließlich zurück. Es gibt damit grünes Licht für das Sanierungskonzept von Unseld-Berkéwicz.

21. Juli: Der Bundesgerichtshof teilt mit, er habe die beiden Entscheidungen der Vorinstanz aufgehoben, das Landgericht müsse neu über die Zulässigkeit der Beschwerde befinden.

30. Januar: Barlach legt Beschwerde gegen das Sanierungskonzept ein, die im Februar und im April in zwei Entscheidungen vom Landgericht zurückgewiesen wird.

15. Januar: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg billigt die Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft. Die Kammer bestätigt damit die Zustimmung der Gläubiger zum Insolvenzplan.
2013
13. November: Unseld-Berkéwicz und Barlach scheitern mit dem Versuch, sich gegenseitig als Gesellschafter des Verlags auszuschließen. Das Landgericht Frankfurt weist zwei entsprechende Klagen zurück, stellt jedoch fest, dass beide Seiten erhebliche Treuepflichtverletzungen zum Nachteil des Verlags begangen hätten.

22. Oktober: Eine zweite Gläubigerversammlung entscheidet über den Insolvenzplan, der diese Umwandlung vorsieht.

12. Oktober: Barlach kündigt an, auf Schadenersatz zu klagen, sollte der Verlag wirklich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.

3. Oktober: Das Oberlandesgericht Frankfurt hebt die Entscheidung vorläufig auf, nach der Unseld-Berkéwicz nicht über den Insolvenzplan abstimmen darf.

1. Oktober: Eine erste Gläubigerversammlung votiert weitgehend einvernehmlich für die Fortsetzung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung.

26. September: Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren drohen Barlach mit einem Ausstieg aus dem Verlag, sollte er «maßgeblichen Einfluss» auf das Haus behalten - u.a. Sibylle Lewitscharoff, Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein und Uwe Tellkamp.

10. September: Das Landgericht Frankfurt verbietet der Verlegerin in einer einstweiligen Verfügung, bei der Gläubigerversammlung ihrem eigenen Insolvenzplan zuzustimmen.

6. August: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eröffnet das Insolvenzverfahren. Auf Vorschlag von Unseld-Berkéwicz soll der Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Barlach verlöre dadurch weitreichende Mitspracherechte.

27. Mai: Der Verlag beantragt eine Unternehmenssanierung nach dem neuen Insolvenzrecht. Das sogenannte Schutzschirmverfahren soll verhindern, dass Gewinne an die Anteilseigner ausgezahlt werden.

24. April: Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz kassiert eine weitere Niederlage: Das Landgericht Frankfurt am Main gibt einer Klage der Medienholding AG des Minderheitsgesellschafters Hans Barlach statt, strittig waren Informationsrechte und Gesellschafterbeschlüsse.

20. März: Das Landgericht Frankfurt am Main verurteilt die von der Suhrkamp-Chefin geführte Familienstiftung zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Bilanzgewinn von 2010 und die Erlöse aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.

13. Februar: Das Landgericht Frankfurt am Main vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.

8. Februar: Barlach beharrt als Voraussetzung für einen Kompromiss auf dem Rückzug der Geschäftsführung.

24. Januar: Die Suhrkamp-Chefin lehnt einen Rücktritt ab.

10. Januar: In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.

4. Januar: Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
2012
30. Dezember: Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.

17. Dezember: Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.

15. Dezember: Renommierte Suhrkamp-Autoren wie Uwe Tellkamp stellen sich hinter Unseld-Berkéwicz und drohen mit einem Wechsel des Verlags, falls Barlach dort die Macht bekommt.

13. Dezember: Barlach verlangt eine neue Geschäftsführung.

10. Dezember: Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen entsprechenden Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Die Verlegerin soll wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus auch 282.500 Euro Schadensersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.

5. Dezember: Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor einer Handelskammer des Landgerichts Frankfurt am Main, sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
2011
Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter vorher zu fragen.
2009
Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding. 2010: Der Verlag verlegt seinen Sitz von Frankfurt am Main nach Berlin.
2006
Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den 29-Prozent-Anteil des Schweizers Andreas Reinhart gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.
2002
Nach dem Tod von Suhrkamp-Leiter Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung. Diese leitet seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart. 2003: Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.

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