Superman zum 65. Geburtstag Retter ohne Rentenanspruch

Superman, der Urvater aller Superhelden, geht ins Rentenalter. Von einem geruhsamen Feierabend auf dem Altenteil kann jedoch keine Rede sein - der Mann wird noch gebraucht.


Übermensch Superman (Christopher Reeves): Ohne Ausbildung eine Anstellung als Journalist

Übermensch Superman (Christopher Reeves): Ohne Ausbildung eine Anstellung als Journalist

Er wird es nicht nötig haben, seinen Schreibtisch aufzuräumen. Oder sich von seinen Kollegen zu verabschieden. Keine Krawattennadel als Abschiedsgeschenk vom Boss, zu Hause wird keine Frau auf ihn warten, die mit ihm alt geworden ist. Briefmarkensammeln und Modelleisenbahnbauen können ihm gestohlen bleiben. Ein Glückspilz? Superman, der Schutzheilige des amerikanischen Comics, ist soeben 65 Jahre alt geworden. Und somit rentenreif. Feierabend darf er jedoch noch lange nicht machen.

Mitte Juni 1938 erschien die erste "Superman"-Story, damals noch innerhalb der Reihe "Action Comics". Fliegen konnte das außerirdische Überwesen, das als galaktisches Findelkind im amerikanischen Westen aufwuchs, damals nicht, nur springen. Sogar über Hochhäuser. Aber das reichte völlig, denn Amerika steckte in der Depression, und große Sprünge konnte sich kaum einer leisten. Sechs Millionen Arbeitslose verzeichnete die Statistik damals. Der Übermensch Superman bewies seine Phantastik dann auch nicht nur im roten Cape, sondern vor allem dadurch, dass er einfach in die Redaktion des "Daily Planet" gehen konnte, wo er sofort und ohne Ausbildung eine Anstellung als Journalist bekam.

Aus den hölzernen, schlecht gedruckten Seiten der Comics erwuchs der depressionsgeplagten Bevölkerung damit ein rettender Engel, dem das Unmögliche jederzeit möglich war. Der groß und stark und von gefestigter Moral war. Sogar das Fliegen lernte er irgendwann. Gerade rechtzeitig, um über den großen Teich zu gehen und die amerikanischen Jungs beim Kampf gegen Hitler zu unterstützen.

Vom Außerirdischen zum Bauernburschen auf der Farm der Zieheltern zum Starjournalisten in einem Sprung: in diesem Moment begann der amerikanische Traum sich selbst zu träumen. Der erste "Superman"-Comic war die Geburtstunde eines Massenmediums, das wie kein anderes hemmungslos die Wünsche und Träume der amerikanischen Bevölkerung in Bilder übertrug. Es waren unerträgliche Allmachtsphantasien dabei, aber auch viele bunte, wilde, romantische Träume. Nicht gefesselt durch die Grenzen des technisch Machbaren wie beim Film. Ein Volk lag gemeinsam auf der Couch - und las Comics.

"Action Comic" von 1938: Fliegen konnte er damals nicht, nur springen

"Action Comic" von 1938: Fliegen konnte er damals nicht, nur springen

Aus solchen Ursprüngen wächst die Legende. Superman ist festes Eigentum des Comicverlages DC, der wiederum zum Entertainment-Multi AOL Time Warner gehört. Ein Sklave, der mindestens monatlich, teilweise sogar wöchentlich, in den Kampf gegen das Böse geschickt wird. In guten wie in schlechten Zeiten, zu Land, zu Luft und auf der See, Amen. Die Zahl der Comics mit ihm geht inzwischen in die Tausende. Schwach sein gilt nicht, altern darf er natürlich auch nicht.

Das ist ein weiterer Teil des amerikanischen Traums, den Superman verkörpert. In Terry Gilliams wunderbarem Film "Brazil" sehen wir die Mutter des Helden (der davon träumt, ein Superheld zu sein), wie sie sich regelmäßig die Haut straffen lässt. Mit großen Klammern wird alles nach hinten gezogen, bis die Falten verschwinden. Das nützt natürlich nichts, zögert den Zusammenbruch nur hinaus. Auch Superman wurde bereits regelmäßig radikal geliftet. Nur dass hier im Bedarfsfall schon mal das gesamte (Comic-)Universum auf Null zurückgedreht wird, um den scheinbaren Widerspruch der Zeitlosigkeit des Helden aufzuklären, der in einer sich wandelnden Welt nicht alt werden darf.

Superman-Heft von 2003: Der Traum muss weitergehen

Superman-Heft von 2003: Der Traum muss weitergehen

Damit steht er natürlich nicht allein da. Bereits im nächsten Jahr wird ihm Batman ins Rentenalter folgen, hiernach Wonder Woman, Captain America und wie sie alle heißen. Anmerken wird man ihnen allen nichts davon. Die Riege der rüstigen Rentner wird uns erspart bleiben. Der Traum muss weitergehen.

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