Country-Noir aus deutscher Provinz Niemand käme darauf, hier Urlaub zu machen

Das Gegengift zu banalen Regiokrimis: Sven Heuchert bringt die deutsche Provinz auf die Landkarte der ernstzunehmenden Kriminalliteratur. "Dunkels Gesetz" ist ein Western aus strukturschwachen Gegenden.

Dorf in Deutschland (Symbolbild)
Getty Images

Dorf in Deutschland (Symbolbild)


Im Noir leiden die Helden viel und lernen wenig dazu. Und am Ende wartet der Tod. So ein Schmerzensmann ist Richard Dunkel. Ein ehemaliger Söldner, im (Un-)Ruhestand, seit die Frau, die er liebte und beschützen sollte, in Burundi von einer Granate zerfetzt wurde.

Ein Mann, der nichts mehr erwartet vom Leben, traumatisiert und leer. Der nur aufgrund ökonomischer Notwendigkeiten überhaupt noch etwas tut. Und weil er aktuell Geld braucht, kehrt er aus dem spanischen Exil zurück in die rheinländische Provinz. Im Niemandsland kurz vor der belgischen Grenze soll er auf eine stillgelegte Mine aufpassen, nachdem hier ein Junge zu Tode gekommen ist.

Fast wie ein Western beginnt Sven Heucherts Debütroman "Dunkels Gesetz": das unterjochte Dörfchen, der geheimnisvolle Fremde, der die Hoffnung zurückbringen könnte, eigentlich eine Erlöserfigur. Doch das Dorf Altglück trägt, wie auch Dunkel, sein Schicksal schon im Namen.

Die Tankstelle verkauft mehr Korn als Benzin

Hier leben Verlorene und Vergessene, in einer Abwärtsspirale gefangen, einem fatalistischen Bund wider Willen. Sie zehren von ein paar verblassenden Erinnerungen und wissen eigentlich, dass die bessere Zukunft, von der sie manchmal, nach ein paar Bieren und billigem Schnaps, fabulieren, eine Chimäre ist.

Heuchert füllt mit seinem Roman eine Lücke, er bringt die deutsche Provinz auf die Landkarte der ernstzunehmenden Kriminalliteratur. "Dunkels Gesetz" ist an amerikanischen Vorbildern geschulter Country Noir. Mit maximal verdichteter Sprache und wenigen Erklärungen, konsequent dem Erzählprinzip des "show, don't tell" folgend.

"Fast erzählerloses Erzählen" nennt Heuchert diesen minimalistischen Stil, seine Vorbilder von Raymond Carver bis Pete Dexter schimmern immer wieder durch. "Dunkels Gesetz" wird so zu einer Art Gegengift zu all den banalen Regiokrimis aus Oberbayern oder Niedersachsen, Ostfriesland oder Berchtesgaden, die massenhaft auf den anscheinend nimmersatten Markt geworfen werden, von Verlagen, die neue Autoren mit Slogans wie "Morden, wo andere Urlaub machen" anwerben.

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Sven Heuchert:
Dunkels Gesetz

Ullstein Verlag, 192 Seiten; 14,99 Euro

Niemand würde auf die Idee kommen, in Altglück Urlaub zu machen. Einer dieser Orte in einer vergessenen strukturschwachen Region, wo die nächste Polizeistation 30 Kilometer entfernt ist und die einzige Tankstelle mehr Kippen und Korn als Benzin verkauft. Trostlose Orte aus einer Handvoll Häuser, die sich gegenüberstehen "wie in die Jahre gekommene Feinde. Windschief, verwittert, nur noch aufs Ende wartend", unter einem Himmel, der die Farbe von Stahl hat. Orte, die Heuchert gut kennt, er stammt aus dieser Gegend.

Auch seine extremsten Figuren haben reale Vorbilder: Einer seiner Bekannten ist Waffenhändler wie Anheuser, Dunkels einziger Freund. Falco, den ebenso jovialen wie brutalen Zuhälter, modellierte Heuchert nach einem legendären Kölner Luden. Und Typen wie den Tankstellenbesitzer und Kleindealer Achim gibt es sowieso überall - skrupellose Mistkerle, die auch mal zum Baseballschläger greifen, um ein bisschen was abzubekommen vom Kuchen, der doch längst verteilt ist. "Ein paar wenige gewinnen. So sind die Regeln. Das ist das Gesetz", sagt Dunkel.

"Nächte, deren Samt immer rauer geworden war"

Zu diesen wenigen will Achim gehören. Unbedingt. Also plant er einen Coup, will Drogen kochen im großen Stil. Dafür braucht er das Geld von Falco und den Grundstoff von den Rumänen. Was er nicht brauchen kann, ist Dunkel, der zufällig auf Achims Drogenlabor stößt. Viel mehr an Handlung benötigt Heuchert nicht, diese Grundkonstellation leuchtet er fast in Zeitlupe aus - seine Figuren bestimmen die Story.

Autor Heuchert
Gerald von Foris

Autor Heuchert

Wo waidwunde Kerle an der Welt verzweifeln, ist im Noir die Femme fatale nicht weit. Die Frau, die Erlösung verspricht, aber letztlich den Untergang beschleunigt, kommt hier in ziemlich ramponierter Variante daher: als verblühte Schönheit, die bei Achim Unterschlupf gefunden hat, nach einem Leben voller "Nächte, deren Samt immer rauer geworden war". Seiner Gewalttätigkeit ausgesetzt, dröhnt sie sich zu, mit allem, was sie kriegen kann, Schnaps und Speed meistens. Manchmal auch mit anderen Männern, und ob sie bezahlen oder nicht, ist letztlich egal.

Nicht vollkommen egal ist ihr einzig das Schicksal ihrer Tochter Marie. Die ist 16 Jahre alt, und bereits jetzt reißen sich die Kerle darum, sie "anzuspitzen". "Würd mir passen - tut mir jeden Morgen erst ma 'n Gefallen, danach schick ich sie auf die Weide", tönt Achim vor seinen Kumpels, die "'n ganzen Monatslohn springen lassen würden für 'ne Nummer mit Marie".

Das Mädchen wird das Töten am Ende des Romans überleben, ob ihr Leben glücklicher verlaufen wird als das ihrer Mutter lässt Heuchert offen. Auch was mit Dunkel passiert, bleibt unklar: "Er würde in die Ungewissheit zurückkehren, zu einem Leben, das von Vergangenheit und Erinnerung bestimmt wurde und vor dem es kein Entrinnen, aus dem es keinen Ausweg gab." Aber Dunkel wird wiederkommen, verspricht Heuchert. Und das ist gut so, der oft allzu biedere deutsche Kriminalroman braucht solche Figuren, braucht solche Geschichten.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Miles Railinc 07.09.2017
1. Spoiler?!
Ich lese die Rezensionen ja immer gerne, aber könnt ihr es euch in Zukunft bitte sparen, zu erzählen, wer überlebt und wer nicht - und welches Schicksal die Hauptfiguren ereilt? Ist ja immer noch ein Krimi - und der soll doch spannend bleiben, oder?
Newspeak 07.09.2017
2. ...
Klingt jetzt auch nicht viel besser als die anderen Regiokrimis. Halt die "Malteser Falke" Nummer. Aber wieso einen Deutschen lesen, wenn man Chandler, Hammett und Woolrich haben kann? Das ist dann, fuerchte ich so, wie wenn die Muencher Kripo auf NYPD macht.
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