Sven Regeners Buchmesse-Blog Ohne Roger ist alles Asche!

Bestseller-Autor Sven Regener bloggt auf SPIEGEL ONLINE von der Frankfurter Buchmesse. Im Hotel die große Enttäuschung: Roger ist nicht da! Genausowenig wie ein funktionierendes Internet. Kein Willemsen, kein W-Lan, das fängt ja gut an...


16. Oktober 2008

Ohne Roger ist alles Asche!

Auf diesen Fluren wandelt irgendwo das W-Lan!
Sven Regener

Auf diesen Fluren wandelt irgendwo das W-Lan!

1.49 Uhr: Ja, es war nicht immer einfach. Die lange Zugfahrt, die vielen Leute, wie schnell kommt man da als Blogger, wenn man nicht aufpaßt, ans Klagen, aber Klagen will ich nicht, schön war’s doch eigentlich, wie der Zug in Frankfurt einrauschte, und Frau Esther, die ja in der zweiten Klasse und also weit hinter uns weilte, aus dem Zug stieg und – Sackbahnhof hin, Sackbahnhof her – bei D auf uns wartete, die wir bei A auf sie warteten, soll man sowas überhaupt erzählen? Ist das köstlich komisch oder einfach nur abgeschmackt banal? Und hat das Wort "köstlich" in Kombination mit "komisch" nicht irgendwie was Ekliges? Ist nicht überhaupt das Wort "köstlich" eines, das mehr oder weniger mal abgeschafft gehört, zusammen mit den genauso muffigen Verwandten "geruhsam", "gesellig" und "behaglich"? Und sind das nicht ziemlich viele Anführungszeichen auf einmal jetzt? Hätte man das lieber kursiv schreiben sollen, wenn nicht gar müssen?

Keine Meta-Ebenen bitte. Am Ende war’s so: Rein ins Hotel, allerschlimmste Schwierigkeiten mit dem Internetzugang und dann ab auf die Messe, zwei Interviews, drei, vier, fünf Bier, da redet man sich natürlich um Kopf und Kragen, da mag man gar nicht drüber nachdenken. Danach: beim Inder Buße tun mit extra scharfem Essen. Überhaupt Inder, was da alles wieder hochkommt, die 87er Platte Try To Be Mensch zum Beispiel, während deren Aufnahme wir, weil in London, fast immer indisch aßen, gerade so wie bei der Weißes Papier, 93, da war das gerade der neue Trend in Berlin. Chicken Curry und guter Sound, das sind Cousins und Cousinen, ich schwör’s.

Später schönes Konzert von Gustav im Mousonturm und dann in die Hotelbar. Dort: Roger Willemsen nicht da, als Blogger ist man damit ja quasi schon aus dem Geschäft, da hat man ja schon keine Lust mehr, ohne Roger ist alles Asche, und so wäre es auch geblieben, wenn nicht der Kontakt mit dem Internet komplett und endgültig zusammengebrochen wäre, denn das führte zu einem eineinhalbstündigen 1a-Computersmalltalk mit einem sehr, sehr netten Mann aus Washington D.C., der im Auftrag der Fa. Swisscom versuchte, mir bei meinem Problem zu helfen und mit mir zusammen solidarisch hinabstieg in die Kellergewölbe meines Computerbetriebssystems, wo wir dann über TCP/IP, IP-Adressen, DHCP-Server, Konfigurationen, Ethernet und all das konferierten.

Und als das alles nichts brachte, gab er da auf? Nein, das tat er nicht, er beriet sich, während er die Leitung offen ließ, und das ging auf seine Rechnung, mit seinen Kollegen und kam zurück mit einem Feuerwerk neuer Ideen, und am Ende war ich es, der aufgab, der gegen 1.41 Uhr nach einer von Washington vorgeschlagenen längeren Wanderung durch die Hotelgänge mit aufgeklapptem Laptop, aktivierter Air-Port-Karte und versuchsweisem Anklicken des Browsers zurück in sein Zimmer fand, den unglaublich geduldigen, liebenswürdigen Mann um Urlaub bat, um Entlassung aus dem Dienst am W-Lan, unter dem nur ungern gegebenen Eingeständnis dringender Müdigkeit.

Eine Kapitulation war das, ein Scheitern, eine computertechnische Schattenparkerei quasi, aber mein Gott, in Washington D.C. hatte man sogar dafür Verständnis, obwohl es bei denen gerade mal acht oder sieben Uhr abends war, ganz genau weiß ich das nicht, ich habe ja keinen Internet-Zugang. Weiß die Swisscom eigentlich, was die da für tolle Leute haben?

Wobei: Swisscom? Sind das nicht Schweizer? Was ist da los? Wieso muß da der wackere Mann aus Washington ran? "Wenn es Nacht ist bei Ihnen", sagte er, "dann machen wir das." So wandert quasi die Swisscom mit der Sonne immer weiter nach Westen und um die ganze Welt. Sie ist immer da, im Sonnenschein und im Schatten. Wo ist eigentlich Christian Kracht, der muß doch irgendwo sein, dem könnte man jetzt gut den Simmelwitz erzählen, vielleicht funzt der bei ihm. Das ist jetzt mal ein Wort, das ich schon immer mal verwenden wollte, nur um mich zu gruseln, so wie man manchmal nicht widerstehen kann, an den beiden Polen einer 9-Volt-Batterie zu lecken!

Ich glaub, ich geh noch mal runter in die Bar, vielleicht ist da irgendwo ein W-Lan offen!



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