Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch "Es gibt im PEN keine Freiheit des Wortes mehr"

Die Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch hat den russischen PEN-Club verlassen - aus Protest. Die weißrussische Autorin über die Spaltung des Zentrums, die dunkle Seite der Macht und die "roten Menschen".

Swetlana Alexijewitsch
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Swetlana Alexijewitsch

Ein Interview von , Moskau


Es reicht, sagt Swetlana Alexijewitsch. Die weißrussische Schriftstellerin hat das russische PEN-Zentrum verlassen - mit deutlichen Worten: Einer Organisation, die der Staatsmacht die Stiefel lecke, schrieb sie, wolle nicht mehr angehören. Inzwischen behauptet die Leitung des PEN, die Nobelpreisträgerin, die auf Russisch publiziert, sei nie Mitglied in dem Klub gewesen.

Zur Person
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    Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch, 1948 in Stanislaw, heute Iwano-Frankiwsk, in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren. Sie wuchs in Weißrussland auf. Nach dem Journalistik-Studium arbeitete sie als Journalistin für Lokalzeitungen. Sie machte sich unter anderen mit Werken wie "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" (1985) über Rotarmistinnen im Zweiten Weltkrieg und "Zinkjungen" (auf deutsch 1992 erschienen) über den sowjetischen Afghanistankrieg einen Namen. 2013 erschien ihr Buch "Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus". 2015 erhielt Alexijewitsch den Nobelpreis für Literatur. Seit 2011 lebt sie, nach Jahren im Ausland, wieder in Weißrussland.

Die 68-Jährige nennt das "lächerlich". Sie ist gerade auf ihrer Datscha angekommen, 30 Kilometer von Minsk entfernt, dort arbeitet sie. "Ich habe in meinem Schaukelstuhl Platz genommen", sagt sie: "Lassen Sie uns mit den Fragen loslegen".

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das russische PEN-Zentrum jetzt verlassen?

Alexijewitsch: Der russische PEN hat feige all das aufgegeben, wofür er gegründet wurde: Dass wir dem Guten, der Freiheit des Wortes dienen sollen. In der Zeit der Perestroika waren wir stolz auf unseren Klub, jetzt schämen wir uns für ihn. Die russischen Schriftsteller haben sich - wie auch die Gesellschaft in Russland - in zwei Lager gespalten. Im PEN-Club hat leider die dunkle Seite gesiegt.

SPIEGEL ONLINE: Dunkle Seite?

Alexijewitsch: Das sind die Patrioten, die sogenannten Staatsleute, Großmacht-Anhänger. Sie unterstützen das, was in der Ostukraine passiert, die Kämpfe der Separatisten, die russische Besetzung der Krim, Russlands Kriegseinsatz in Syrien. Sie stehen absolut hinter Putins Politik. Als ich in einer Stellungnahme geschrieben habe, dass der PEN-Club heute die Stiefel der Macht lecke wie zu Stalin-Zeiten, hat einer dieser Patrioten geantwortet: "Stiefel lecken? Nein, wir verbeugen uns vor der Größe der Macht. Und vor der Größe desjenigen, der Russland wieder aufbaut, zur Weltmacht macht." Also Putin. Es musste ja so weit kommen. Es ist fast zwei Jahre her, dass der Kampf im PEN begonnen hat.

SPIEGEL ONLINE: Kampf, das klingt nach harten Auseinandersetzungen. Sind sie eskaliert, weil der Journalist und Blogger Sergej Parchomenko ausgeschlossen wurde?

Alexijewitsch: Ja. Parchomenko war für mich der informelle Anführer der hellen Seite, derjenigen, die die Werte des PEN-Clubs verteidigten. Er hat sich starkgemacht für Nadija Sawtschenko, die ukrainische Soldatin, als sie noch in russischer Haft saß, oder für den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow, ein Gegner der Annexion der Krim. Der wurde zu 20 Jahren Lagerhaft wegen angeblichen Terrorismus verurteilt. Parchomenko hat deshalb Protestschreiben des PEN angeregt. Und nun musste er Ende Dezember gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde das begründet?

Alexijewitsch: "Provokative Aktivitäten" heißt es in der Erklärung. Was für eine Wortwahl! Ich fühle mich wie in einer Zeitmaschine, 50 Jahre zurückversetzt. Und so eine Stellungnahme kommt von der Leitung einer Institution, die sich für die Pressefreiheit starkmachen soll. Das zeigt, dass es innerhalb der Organisation keine Freiheit des Wortes mehr gibt.

SPIEGEL ONLINE: 30 Autoren sind inzwischen ausgetreten, darunter neben Ihnen der Kriminalautor Boris Akunin und Lujdmila Ulizkaja. Haben Sie mit der Entscheidung lange gehadert?

Alexijewitsch: Immer wieder wurde ich vom hellen Flügel gebeten: "Swetlana, gehen Sie nicht. Wenn Sie gehen, dann wird die andere Seite uns leicht zermürben." Die letzten Wahlen für den Vorstand des PEN-Clubs haben leider gezeigt, dass die dunkle Seite nun Überhand hat. Deshalb möchte ich da nicht mehr mitspielen. Und nun wurde sogar erklärt, ich sei gar kein Mitglied des PEN gewesen, weil ich Weißrussin und Russophobin sei.

SPIEGEL ONLINE: Kein Mitglied?

Alexijewitsch: Ja, einfach lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange waren Sie dabei?

Alexijewitsch: Genau weiß ich es nicht mehr, aber seit den Perestroika-Jahren. Aus irgendwelchen Gründe bin ich vor vier oder fünf Jahren aus der Mitgliederliste verschwunden. Erst, als später jemand nachgefragt hat, wo ist Alexijewitsch geblieben, wurde ich wieder in die Liste aufgenommen - mit der Begründung, dass jemand mich zufällig gestrichen habe. Bizarr ist das.

SPIEGEL ONLINE: Putin ist nicht nur im russischen PEN-Club beliebt, Umfragen sehen seine Zustimmungswerte bei über 80 Prozent. Wieso funktioniert sein Patriotismuskonzept so gut?

Alexijewitsch: Der Kreml bemüht sich darum, in alle Institutionen einzudringen, um sie unter Kontrolle zu bringen - auch in den PEN-Club. Das klappt, weil wir keine Erfahrungen mit der Freiheit hatten.

SPIEGEL ONLINE: Die Neunzigerjahre versprachen doch Demokratie und Reformen.

Alexijewitsch: Wir waren damals naiv, dachten: Morgen kommt die Freiheit. Als ob einer, der sein ganzes Leben lang in einem Straflager verbracht hat, einfach Freiheit erlangen kann, sobald er das Lagertor hinter sich lässt. Jetzt haben wir begriffen, dass das nicht möglich ist. Die roten Menschen sind diejenigen, die wieder bestimmen.

SPIEGEL ONLINE: Unter "roten Menschen" verstehen Sie die den sowjetischen Menschen, die sowjetische Mentalität?

Alexijewitsch: Genau. Wenn man sich mit den Unterlagen des PEN-Zentrums der vergangenen Jahren vertraut macht, lesen sie sich wie Dokumente aus dem Jahr 1937. Es geht darin um "destruktive Kräfte" oder "Volksfeinde", all die bewährten Begriffe aus der Stalin-Zeit. Beängstigend.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben in dieser Atmosphäre kritische Autoren noch Platz?

Alexijewitsch: Eine sehr schwierige Frage. Ich denke darüber sehr ungern nach.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren vor Kurzem in den USA. Am Freitag wird Donald Trump in sein Amt eingeführt, die russischen Staatsmedien feiern den künftigen US-Präsidenten als guten Partner. Haben Sie Angst vor der Annäherung Putins und Trumps?

Alexijewitsch: Die Angst ist überall zu spüren, in den USA, in Europa. Trumps Präsidentschaft ist eine Bewährungsprobe für Amerika und die Welt. Ich hoffe sehr, dass die USA um ihre demokratischen Werte kämpfen, sie nicht so ohne Weiteres aufgeben.

Mitarbeit: Wladimir Schirokow

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
galbraith-leser 18.01.2017
1. Nachdenkliche Worte einer herausragenden Autorin
Gerade das zuletzt genannte Buch - Secondhand-Zeit, Leben auf den Trümmern des Sozialismus - kann ich uneingeschränkt empfehlen für diejenigen, die sich mit dem heutigen Russland auseinandersetzen wollen. Dass Putin bei seinen Landsleuten so beliebt ist, ist aber nicht nur gute Propaganda, sondern ein Ergebnis der chaotischen Ukraine-Politik der USA und der EU.
exhaider 18.01.2017
2. Wert des Nobelpreis
Obama hat auch einen Nobelpreis bekommen. Und der Pen-Club ist ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert.
Freier.Buerger 18.01.2017
3. Wehret den Anfängen!
Bitte lasst uns den Regierenden so wenig Macht wie möglich geben. Irgendwann wählt ihr aus Versehen den/die Falschen, Putin, Erdogan, oder einen seitenscheitlichen wie ´33. Aus der Nummer kommen wir nur dann mit einem blauen Auge raus, wenn wir die Hürden zur weiteren Machtübernahme so hoch wie möglich hängen. Die schlechten Beispiele sieht man überall und die Einschläge rücken näher, siehe Polen. Entzieht den Regierenden das Geld und damit Macht, reduziert die Staatsquote, streicht Subventionen, reduziert so die Abhängigkeit und Beeinflussbarkeit der Wirtschaft und der Beschäftigten vom Staat, dezentralisiert so viel wie möglich... Und liebe Medien, emanzipiert euch entgültig vom linksgrünen, pc-konformen Einheitsbrei. Unterstützt endlich wieder unterschiedliche Meinungen und nicht nur unterschiedliche Hautfarben und sexuelle Vorlieben. Unterstützt so viele verschiedene Meinungen wie möglich auch die die ihr für falsch haltet, denn nur die Meinungsvielfalt schützt uns vor einer zu starken falschen Meinung. Das ist Liberalismus.
Shismar 18.01.2017
4.
Oh! Ein Putin-Troll! Wie erstaunlich. Hat ja nicht lange gedauert. Wer von "Unterdrückung und Ukrainisierung" der autonomen Republik Krim (seit 21. September 1994) schwafelt, den kann man leider nicht ernst nehmen. Aber wie das so ist in der Propaganda:einfach nachweislich falsches so lange behaupten, bis es hinreichend viele glauben. Zum Artikel, sehr bedauerlich, dass mit dem PEN wieder ein freiheitliches Organ der de-Demokratisierung und staatlichen Gleichschaltung zum Opfer gefallen ist. Den russischen Bürgern kann ich nur wünschen die autoritäre und nationalistische Regierung Putin abzuwählen, solange das vielleicht noch möglich ist. Wenn nicht mehr, dann findet sich vielleicht bald mancher im Fokus der Staatsmacht, der heute Herrn Putin zujubelt.
havel23 18.01.2017
5. Zivilcourage ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert?
Zitat von exhaiderObama hat auch einen Nobelpreis bekommen. Und der Pen-Club ist ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert.
Wenn für "exhaider" der Einsatz für die Freiheit des Wortes ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert ist, dann meinen er damit wohl nicht die Tatsache, dass am Anfang dieses Jahrhunderts die russische Meinungsfreiheit brutal ermordet wurde. Allein von der Zeitung Nowaja Gaseta wurden zwischen 2000 und 2009 fünf Journalisten ermordet: Igor Domnikow, Juri Schtschekotschichin, Anna Politkowskaja, Anastassija Baburowa, Natalja Estemirowa. Deren Einsatz für die Freiheit des Wortes gilt es genauso zu würdigen wie die Zivilcourage einer Swetlana Alexijjewitsch. Was von dem Beitrag des "exhaider" zu halten ist muss man keinem vernunftbegabten Menschen erklären.
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