T.C. Boyle über Natur und Trump "Der Schaden ist immens"

Die Schlammlawinen in Kalifornien erlebte T.C. Boyle Anfang Januar hautnah mit. Hier spricht der Schriftsteller über tödliche Naturgewalt, seine Drogenphase - und Donald Trump.

T.C. Boyle
EPA/ EFE

T.C. Boyle

Ein Interview von Günter Keil


T.C. Boyle, Jahrgang 1948, wurde in Peekskill, New York, geboren, wuchs mit alkoholkranken Eltern auf und wurde selbst zum Junkie. Boyle gilt als einer der bedeutendsten US-Schriftsteller der Gegenwart. Seine Bücher werden in 30 Sprachen übersetzt, und seine Liveauftritte machten ihn zum Rockstar der Literatur. Der 69-Jährige wurde mit Auszeichnungen überhäuft, etwa 2017 mit dem Jonathan-Swift-Preis für Satire und Humor. Ende Januar erscheint mit "Good Home" eine Sammlung neuer Kurzgeschichten.

T.C. Boyle ist seit 43 Jahren verheiratet und lebt mit seiner Familie im kalifornischen Santa Barbara. Vor gut einer Woche starben dort 18 Menschen bei kurz aufeinanderfolgenden Buschbränden, Regenfällen sowie Schlamm- und Gerölllawinen. Tausende Bewohner mussten in Sicherheit gebracht werden, viele Gemeinden sind noch immer von Schlamm bedeckt. T.C. Boyle lebt nur zwei Straßen von den schlimmsten Verwüstungen in Santa Barbara entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Boyle, wie haben Sie die Naturkatastrophe erlebt?

Boyle: Ich wachte frühmorgens von einem jäh hereinbrechenden starken Platzregen und einem ungewöhnlichen Licht am Himmel auf. Dieses Licht kam von lodernden Explosionen mehrerer Häuser, die von dem Erdrutsch erfasst wurden. Davon abgesehen hatten wir zunächst keine Vorstellung vom Ausmaß der Katastrophe - bis zum nächsten Morgen. Nur weil unser Haus oberhalb des Wasserlaufs liegt, der die Schlammlawine weiterführte, blieben wir unberührt, zumindest physisch.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie vorher von den Behörden gewarnt?

Boyle: Es gab nur eine Mitteilung, dass man sich freiwillig evakuieren lassen kann. Das war ganz anders als im Dezember. Damals mussten wir während eines Feuers mit Buschbränden für zehn Tage unser Haus verlassen. Dieses Feuer hat die steilen Hänge der Santa Ynez Mountains hinter uns abgebrannt. Was nicht erstaunlich war - zuvor herrschte eine monatelange Dürre.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben oft über die Zerstörung der Natur und daraus folgende Katastrophen geschrieben. Waren Sie in gewisser Weise vorbereitet?

Nach der Naturkatastrophe in Santa Barbara
Getty Images/ LA Times

Nach der Naturkatastrophe in Santa Barbara

Boyle: Wir waren nur so darauf vorbereitet, wie wir alle das in Bezug auf Katastrophen und den Tod sind: Wir wissen, dass es passieren wird, hoffen aber, davon so lange wie möglich verschont zu bleiben. Ich habe durchaus mit einer Schlammlawine gerechnet, aber nicht mit etwas, das jetzt eine Jahrhundertkatastrophe genannt wird.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Ökokalypse "Ein Freund der Erde" schildern Sie, wie die Erderwärmung die Natur im Jahr 2025 zerstört hat. Nun haben Sie in den USA seit einem Jahr einen Präsidenten, der die Klimaerwärmung leugnet.

Boyle: Das ist schrecklich. Dieser Clown und seine Leute haben unsere Demokratie in einen Konzern verwandelt. Die Mitglieder der Trump-Regierung behaupten, Patrioten zu sein. Aber das sind sie nicht - sie sind gierige, machtgeile Typen und religiöse Fanatiker, die sich auf unsere Kosten bereichern. Aber ich gebe zu: Das Problem bin eigentlich ich.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Boyle: Ich bin total unbelehrbar und unflexibel, was meine Meinung betrifft: Ich glaube an Demokratie, Menschenrechte, Bildung, Umweltschutz, Gleichberechtigung, ein öffentliches Gesundheitssystem und eine multikulturelle Gesellschaft. Das ist das Gegenteil dessen, woran diese Regierung glaubt. Ich hoffe, dass Trumps Wähler bald merken, dass er nichts in ihrem Sinne tut, sondern nur sich und seinen milliardenschweren Freunden nützt. Diese Entzauberung wird stattfinden, aber bis dahin kann alles kollabieren. Der Schaden ist immens, für die ganze Welt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Hoffnung, dass eine Wende in der Umweltpolitik möglich ist?

Trump im Oval Office
AFP

Trump im Oval Office

Boyle: Die gute Nachricht: Es gibt eine Umweltbewegung. Außerdem werden unsere gierigen und kurzsichtigen Politiker irgendwann nicht mehr da sein. Die schlechte Nachricht: Die absichtliche Zerstörung der Natur durch die aktuelle rechtsgerichtete Regierung wird uns hundert Jahre zurückwerfen. Aber haben wir hundert Jahre, um alles zu reparieren? Ich erlebe die Folgen einer solchen Politik nun hautnah in meinem zerstörten Städtchen.

SPIEGEL ONLINE: 1995 haben Sie in Ihrem Roman "América" den Grenzkonflikt zwischen den USA und Mexiko auf die Spitze getrieben. Einer ihrer Protagonisten spricht darin von einer Art Chinesischer Mauer - genau so, wie Trump es getan hat.

Boyle: Ja, das habe ich quasi vorhergesehen. In "América" ging es mir nicht nur um Mauern und Grenzen, sondern um die Dämonisierung einer ethnischen Gruppe. Die Rechten in den USA tun so, als ob die mexikanischen Einwanderer pauschal Kriminelle seien und keinerlei Recht auf ein Leben bei uns hätten. Dabei weiß jeder, dass die Realität anders aussieht. Trumps Megamauer würde ohnehin nichts ändern. In "América" erzähle ich, wie Kojoten alle Hindernisse überwinden, wenn das Futter auf der anderen Seite ist. Und genauso verhalten sich Menschen: Sie zieht es immer zu den Ressourcen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kurzgeschichte "Good Home" hat - wie viele Ihrer Erzählungen - einen Schluss, der alles offen lässt. Warum verwenden Sie diese Form so gerne?

Boyle: Anspruchsvolle Literatur behandelt ihre Leser als gleichwertige Partner. Ich will, dass meine Leser in die Geschichte gezogen werden und sie weiterdenken, auch nach dem Ende. Diesen Prozess würde ich mit einem klassischen Schluss zunichtemachen. In "Good Home" kann es zu einer Katastrophe kommen. Oder eben auch nicht. Das überlasse ich der Fantasie meiner Leser. So wird das Lesen zu einem doppelten Abenteuer.

SPIEGEL ONLINE: Und auch Tiere tauchen in Ihrem Werk ständig auf. In Ihrem neuen Erzählband "Good Home" wimmelt es vor Ratten, Kampfhunden, Schlangen und Tigern. Was fasziniert Sie an Tieren?

Boyle: Ich liebe alle Kreaturen unserer Erde! Wäre ich nicht Schriftsteller, würde ich wohl als Biologe arbeiten. Umwelt, Natur und Tiere ziehen mich magisch an. Ich kann stundenlang Krähen und Seevögel beobachten. Und ich bin ein berüchtigter Rattenretter.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Boyle: In unserer Nachbarschaft in Santa Barbara sind Ratten nicht gerade beliebt. Die Leute vergiften und töten sie, weil sie die Kabel ihrer SUVs durchknabbern. Also sammle ich die Ratten ein und setze sie fünf Meilen entfernt in den Bergen wieder aus. 160 habe ich schon gerettet.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben nicht nur anders, sondern kleiden sich auch anders als die meisten Menschen Ihres Alters. Waren Sie schon immer so selbstbewusst, Ihren eigenen Weg zu kennen?

Boyle: Ich glaube tatsächlich, dass das Unangepasste und meine Lust, gegen Autoritäten aufzubegehren, aus meiner Jugend kommen. Auch mein schräger Humor hat da seine Wurzeln. Ich hing meistens mit einer Gruppe kluger jüdischer Jungs aus meiner Nachbarschaft herum, und wir träumten von einer freien Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Als junger Erwachsener haben Sie Ihre Freiheit dann aber arg strapaziert.

Boyle: Ich habe zwar mit 20 Jahren Heroin gespritzt und so ziemlich jede Pille geschluckt, die ich kriegen konnte. Nach diesem ganzen dirty shit habe ich allerdings mein Talent erkannt und gespürt, dass ich nur noch fürs Schreiben leben will. Ich habe studiert und mir einen Doktortitel erarbeitet, sprich: Ich bin erwachsen geworden. Seit diesem Umbruch habe ich alles meiner Kunst untergeordnet, habe keinen Scheiß mehr gebaut und niemandem geschadet. Das ist mein Leben, und das werde ich nicht gefährden. Drogen passen da nicht mehr rein.

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T.C. Boyle:
Good Home

Stories

Übersetzt von Anette Grube und Dirk Gunsteren

Carl Hanser Verlag; 432 Seiten; 23 Euro

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