Täglich bei SPIEGEL ONLINE: "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma

Teil 2: ...der Außenwelt…


I. Der Anfang

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The Cold Song (Klaus Nomi)

DER SPIEGEL
Auch Harald Schmidt geht auf die Storys ein. "Haben Sie's gelesen?", fragt er seine Zuschauer abends und zeichnet mit den Händen einen großen Rahmen. Er trägt einen einreihigen schwarzen Boss-Anzug, der ein wenig an Begräbnis erinnert. "So groß in der Zeitung? Netzkiller tötet den ersten Ostdeutschen." Dann wartet er kurz und schießt hinterher: "Tja, auch 'ne Art von Solidarbeitrag. Dabei wusste ich gar nicht, dass es in Dresden schon Kompuhter gibt." In das Gelächter hinein dreht er sich weg, geht zu seinem Schreibtisch, auf dem ein PC steht, setzt sich und wartet, dass der Applaus abebbt.

"Sie wissen, wir sind Deutschlands einziges wirklich investigatives Nachrichten-Magazin. Deshalb werden wir auch mit dem Milliarden-Aufwand einer großangelegten Daten-Recherche versuchen, den Mörder zu finden." Kamera 2 zeigt den Bildschirm mit den Chaträumen von allegra.de. Das Frauenmagazin gehört zum Axel Springer Verlag, der auch an Sat 1 beteiligt ist. Schmidt loggt sich als "Harald Schmidt" ein und tippt dann: "Hallo, ich bin Harald Schmidt und suche den Netzkiller."

Marc sitzt zu Hause und greift mechanisch zu den Chips. Er sieht Schmidts Schirm auf dem Schirm.

(18:53:27) Beauty fragt Harald Schmidt: Aber sonst geht's dir gut, du Spinner, was?
(18:53:34) Bella sagt zu Harald Schmidt: *gröhl* Dirty Harry ist da.
(18:54:45) Hard Rock sagt zu Harald Schmidt: Geh nach Hause, armer Irrer.
(18:54:58) Bella haucht zu Harald Schmidt: Armer Harry, keiner glaubt dir *g*

Das Studio-Publikum johlt, während Schmidt erklärt: "Das *g* ist Chat-Slang. Es heißt - glaub ich - soviel wie 'geil'. Bella ist also geil." Dann hackt er grinsend in die Tastatur: "Okay okay, war nur Spaß. Ich heiße zwar Harald Schmidt. Aber eigentlich suche ich nur ne geile Ische für meine Show zum..." Dazu murmelt er seinem Studio-Publikum zu: "Man muss sie in Sicherheit wiegen, bevor man zuschlägt."

Marc grinst zu Hause mit schätzungsweise einer Million anderer, die um diese Zeit noch nicht schlafen können.

(18:57:12) Marco sagt zu Harald Schmidt: Verschwinde lieber. Solche Typen brauchen wir hier nicht.
(18:57:22) Bella fragt Harald Schmidt: Du bist so frech, du könntest fast der echte sein *lol*

Schmidt tippt ein: "Ich BIN der echte. Warum glaubt mir hier niemand?" Kamera 3 zeigt das kreischende Publikum. Dann Schnitt. Totale Schmidt, der ernst in Kamera 1 raunt: "Sie sehen es selbst. Der Cyberspace ist eine rauhe Welt. Wir werden die Fahndung natürlich fortsetzen." Letzter Schnitt, Kamera 2, auf den Schirm, wo "Hard Rock" gerade schreibt: "Dann lad uns doch mal in deine Show ein *fg*." Werbepause.

Das Telefon klingelt, aber Marc steht gar nicht erst auf. Um diese Zeit ruft meist seine Mutter an, die wieder von Depressionen geplagt wird. Marc hört erst seine eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter: "Hier ist Marc Pohls Geist. Ich bin tot und kann deshalb leider nicht persönlich abheben. Hinterlassen Sie eine Nachricht, dann ruft irgendwer irgendwann zurück." In der kurzen Pause vergisst er Harald Schmidt und wartet auf den Anrufer. Er hatte recht. "Gott Markus", hört er. "Sag doch mal was anderes. Hier ist Mutti. Du meldest dich ja gar nicht mehr. Ich wollte auch nur mal nach dir sehen, weil du ja sicher viel zu tun hast zur Zeit. Ich konnte einfach nicht schlafen. Aber ich nehm das Persumbran ja nur, wenn ich es brauche. Ruf bitte mal an und sei vorsichtig da in diesem Internet, wo immer das ist." Im Gegensatz zu seiner Mutter war Marc wenigstens klar geworden, dass ihn die Tablettensucht erwischt hatte. Die Sat-1-Werbepause ist zu Ende. Schmidt erklärt gerade, dass die Abkürzung "*fg*" "fickgeil" bedeute.

Am Donnerstag nimmt Pro Sieben eine alte "Arabella"-Talkshow ins Programm, in der vier Teenager von ihren Chat-Erlebnissen, Blind Dates und Männer-Erfahrungen im Netz erzählen. Arabella Kiesbauer fragt eine Blondine namens Nadine: "Du hast dir Brad Pitt erwartet und dann kam nur Karl Dall!" Sie stellt keine Fragen mehr, sie antwortet gleich für ihre Gäste. Nadine lacht und sagt: "Yepp."

"Die Redaktion" von RTL 2 hat sich immerhin den besten Titel ausgedacht: "Fick per Klick" heisst abends ein Beitrag über zwei gutaussehende Studentinnen, die vor Computern sitzen und sich in Chats mit unbekannten Männern verabreden. Die Treffen werden mit versteckter Kamera gefilmt. Marcs Blatt kündigt fürs Wochenende eine Serie über "Sex im Cyberspace" an. Der erste Teil über die kommerziellen Chatterinnen bei Beate Uhse soll am Samstag unter dem Titel: "Die Netz-Nutten vom Cyber-Strich" laufen.

DPA
Am Freitag schreibt die "Frankfurter Allgemeine" einen großen Leitartikel, in dem von Stanley Kubricks Maskeraden-Tanz "Eyes Wide Shut" über das Kino-Dramolett "E-Mail für Dich" bis zum "neuen Fetisch Sprache" alles zusammengerührt wird, was zur Trendsuppe passt. "Die Sprache als ewige Orgie, als Rollenspiel-Werkzeug eines unendlich multiplen, also schizoiden und letztlich körperlosen Ichs am Ende des ausgehenden Jahrtausends". Es endet im üblichen Millenniums-Gerede, das Marc spätestens dann zum Hals raushing, als sein eigenes Blatt noch diese krude Nostradamus-Serie startete.

Was ändert sich denn am 1. Januar 2000? Was ist dieses Millennium anderes als ein Riesengeschäft für Reisebüros und Restaurants, Pyrotechniker und Software-Entwickler, Hotelchefs und Souvenir-Händler? Milliarden von Menschen haben ganz andere Zeitrechnungen. So what? Who cares? Er sagt das nur nicht laut, weil dann gleich irgendein wichtigtuerischer Kopfnicker mit sektiererisch aufgerissenen Augen neben ihm stünde und ihm einen Vortrag darüber hielte, dass das Jahrtausend ja auch erst mit dem 31. Dezember 2000 endet, weil ja das Jahr Null an sich so gar nicht und überhaupt.

Am Nachmittag muss Marc nach Köln fliegen, um abends bei "Life - Die Lust zu Leben" bei RTL aufzutreten. Er will das eigentlich nicht. Aber Barthelmy steckt ihm einen Stapel mit den bisherigen Schlagzeilen zu, die er bei Birgit Schrowange zumindest gut sichtbar auf den Tisch legen soll. "Sie machen das schon, mein Junge", hatte er gesagt. "Seien Sie doch froh: Das ist Ihre Geschichte." "Ja", murmelte Marc, "das ist meine Geschichte."

In der Garderobe begegnet er abends Frau Koslowski. Er stellt sich kurz vor, doch sie nimmt ihn gar nicht wahr. Marc kennt solche Karrieren. Sie wird für ein paar tausend Mark Honorar noch durch ein paar Krawallshows wie "Explosiv" oder "Blitz" gezerrt und irgendwann ausgespuckt werden zurück in die Vergessenheit. Auf dem Dresdner Arbeitsamt wird sie viel Zeit haben, über all das hier nachzudenken. Verstehen wird sie es nie. Die Frau tut ihm leid. Aber er kann nichts für sie tun.

Birgit Schrowange kommt kurz in die Garderobe und begrüßt ihn mit "Hallo, Herr Kohl". Hinter ihr steht eine junge Redakteurin und raunt: "Pohl, Mike Pohl." Naja, fast. Die Redakteurin schaut auf ihre brikett-große G-Shock am Handgelenk und verdreht die Augen, als wolle sie sagen: "Sorry, aber die Birgit ist nur das Gesicht der Show, der Kopf bin ich." Später wird die Moderatorin ihn als "Entdecker des Netzkillers" vorstellen und ihm fünf belanglose Fragen stellen, deren Antworten vorher abgesprochen wurden. Marc trägt sein zweireihiges Burberry-Sakko mit den Goldknöpfen über der Boss-Jeans. Er darf auf die Serie seines Blattes hinweisen, die morgen beginnt. Die Quote wird gut sein: 3,8 Millionen Zuschauer mit einem Marktanteil von 21,5 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.


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