Täglich bei SPIEGEL ONLINE: "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma

Teil 2: ...der Außenwelt…


VI. Der Reporter

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Schiffe (Die Toten Hosen)

DER SPIEGEL
Und Marc? Was wollte Marc? Er wollte den Netzkiller finden. Und er fühlte trotz seiner wachsenden Taubheit, dass er die Fährte aufgenommen hatte. Dass er ihm wieder begegnen würde. Dass er ihn erkennen würde - in welcher Maske auch immer er ihn treffen würde.

Um 15.13 Uhr konnte er nicht mehr, schaltete den Computer aus, stand auf und verließ die Redaktion. Immerhin das würden die Pförtner später bestätigen können. 15.13 Uhr. Und sie würden dazu sagen, wie bleich und abwesend er ihnen vorgekommen sei. Marc ging an ihnen vorbei hinaus und ließ sich durch den Strom der Samstag-Nachmittags-Einkaufs-Meute treiben. Bei jeder Mutter, die ihr Kind hinter sich herschleppte, bei jeder attraktiven End-Zwanzigerin und bei jeder grauen Büro-Maus, bei jedem soignierten Krawattenträger, Parka-Langhaardackel und mattschwarz-gekleideten Fitnesscenter-Stammkunden fragte er sich, ob er ihnen vielleicht schon einmal in einem Chat begegnet war. Könnte doch sein. Wäre doch möglich.

War es möglich, Chatter zu erkennen? Hier draußen? Im real life? Hatten sie einen glasigeren Blick als andere? Redeten sie anders? Waren sie selbstbewusster? Oder verschlossener? Merkte man ihnen an, dass sie gern ein *g* an ihre Sätze hängen würden? Oder ein "*lol*"? Waren sie sprachgewandter? Schlagfertiger? Zugänglicher? Offener? Traf man sie überhaupt auf der Straße? Chatteten zum Beispiel die Japaner, die gerade in dichtem Pulk um ihn herumflossen, auch? Oder sahen die ihr ganzes Leben nur durch den Sucher der Handy-Cam, die zumindest bei ihren Europa-Trips an ihren Händen und Augen festgewachsen zu sein schienen? Das war okay. Wenn Marc Urlaub machte, versuchte er auch immer, die Bilder festzuhalten.

Außer Annie hatte sich in all den Wochen niemand vor Marc als Chatter geoutet. Chatten schien so etwas ähnliches wie "Bild"-lesen zu sein oder Bei-McDonald's-essen. Man tat es. Aber man redete nicht darüber. Und wenn man darüber reden musste, weil einen die Kollegin erwischte oder die Gattin, ließ man sich eine Ausrede dafür einfallen. Zum Beispiel: "Na ja, ist ja heute fast so was wie Kult." Oder: "Mach ich nur im Urlaub. Spaßeshalber. Ha ha. Ist ja auch lustig." Chatten hatte einen Beigeschmack schaler Peinlichkeit. Es klang immer auch ein wenig nach Ausbruch und Langeweile, nach schlechtem Gewissen oder unerfüllten Träumen, nach Kindlichkeit, Suche oder Sucht oder Seitensprung.

Marc lief ohne Ziel weiter und wusste doch, wo er landen würde. Der Mann, der dort mit seinem Aktenköfferchen an der Bushaltestelle Millerntor stand - war der vielleicht in einer anderen Welt als "Marquis de Sade" unterwegs? Oder das rothaarige Lockenköpfchen daneben - würde sie wissend aufschrecken, wenn Marc ihr ins Ohr raunte: "Hallo 'Hobby-Nutte', wie geht's dir?" Oder der Brillenträger mit dem keifenden Kind an der Hand, lebte der sich nachts als "Cumshot" vor dem PC im Keller seines Reihenhäuschens aus? Marc hatte hunderte solcher Nicks getroffen. Also gab es sicher hunderttausende, die ein Doppel- oder Dreifach-Leben führten im Nebel ihrer Obsessionen.

Er fand das merkwürdig, dass ausgerechnet im Zeitalter der allgegenwärtigen Bilderflut ein so skelettiertes, so vermeintlich armes und karges Medium wie der Chat aufblühte. Immerhin leben wir in einer grell-bunten Bilder-Welt aus Magazinen und Zeitungen, Werbung und Fernsehen, Kino und Litfaßsäulen und Video-Clips in jeder Seitenstraßen-Kneipe. Die Bilder waren vor uns, hinter uns, in uns. Und dieses Dauerfeuer bildete längst keine Realität mehr ab, sondern Images. Die Bilder waren verlogen, und jeder wusste es. Sie präsentierten Stimmungen. Sie waren weich wie bonbonfarbene Kinder-Knetmasse. Sie waren formbar. Sie waren falsch.

Annie erzählte ihm mal von einer Digitalkamera, die sie sich als Spielzeug gekauft hatte, nur um am Computer die Fotos zu verfremden, bis nichts mehr von ihrer vermeintlichen Wahrhaftigkeit übrigblieb. Bilder waren kein Beweis mehr. Für nichts. Und vielleicht ließen sich deshalb so viele auf den Glauben ein, dass die Sprache des Chats ihnen einen letzten Rest von Authentizität verhieß. Von Wahrhaftigkeit. Wenn dieses Experiment schiefginge, wäre die nächste Station Sprachlosigkeit.

Das Land und seine Spielregeln hatten sich unmerklich verändert für Marc. Seit er tage- und nächtelang vor dem Schirm hing, glaubte er, wie mit einer Röntgenbrille durch diese Gesellschaft blicken zu können. Seine Sprache war sein Kernspintomograph geworden, mit dem er die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt seiner Gesprächspartner in kleine Scheiben schneiden konnte. Am Ende lagen ihre zu Buchstaben geronnenen, ausgeweideten Sehnsüchte vor ihm, ihre kleinen, harmlosen Träume wie ihre bizarren Leidenschaften.

Er hatte kluge Menschen kennengelernt, die einfach nur ein wenig plaudern wollten. Die Gründerin einer kleinen Unternehmensberatung aus Hannover zum Beispiel, die ihm erzählte, dass zwei ihrer Sekretärinnen im gleichen Chat wie sie selbst unterwegs waren und die nicht wussten, dass sie im Cyberspace mitunter ihre eigene Chefin beschimpften, weil die im Chat so wenig von sich preisgab. "Warum schmeißt du die beiden nicht raus?", hatte Marc die 39-Jährige gefragt. Und sie hatte ihm lächelnd geantwortet: "Bist du verrückt? So weiß ich wenigstens genau, was sie treiben - und mit wem *g*. Auch wenn sie mich letzte Woche schon für eine Kampf-Lesbe hielten *lol*. Daraufhin bot ich ihnen im Büro das 'Du' an. Du weißt schon, mit den üblichen Floskeln: Wir kennen uns schon so lange, wegen des Betriebsklimas etc. Ich hätte mich fast bepisst vor lachen, als ich ihre verdatterten Gesichter sah. Aber die Wahrheit werde ich den beiden nie erzählen. Das ist MEINE Rache."

Ein andermal traf er eine Ehefrau aus Gütersloh, die ihm erzählte, wie sie einen Monat davor abends im Arbeitszimmer ihren Mann beim Chatten erwischt hatte. Er hatte gelacht und was von Ist-ja-heute-irgendwie-Kult gemurmelt. Die Frau hatte sich seinen Nickname und die Adresse des Chats im World Wide Web im Hinterkopf eingebrannt und machte sich in den Tagen danach auf die Suche nach ihm. Sie nannte sich "Lava" und kam mit ihm ins Gespräch, während er zur selben Zeit bei ihr zu Hause anrief und kurz sagte, es werde mal wieder etwas länger dauern im Büro. Sie konnte das Klackern der Tastatur im Hintergrund hören. Sie flirtete mit ihm. Sie flirtete mit ihrem eigenen Mann, ohne dass der wusste, wer sich hinter "Lava" verbarg. Es sei "zum Teil wunderschön gewesen", erzählte sie Marc, weil sie ihren Mann völlig neu kennengelernt habe: "Er war so offen, so verletzlich und charmant. Dabei sprach er kaum von seiner Frau, also von mir. Und wenn er etwas sagte, war es derart verständnisvoll und liebend, dass es mir die Tränen in die Augen trieb."

Marc fragte: "Und du? Warst du auch eine andere, als er dich zum zweiten Mal kennenlernte?" "Ja, ich glaube schon", antwortete sie. "Aber vor vier Tagen schlug ich ihm ein Blind Date vor. Ich wollte sehen, wie weit er gehen würde. Gestern fragte er mich, ob wir uns treffen könnten, ob er irgendwo ein Zimmer bestellen solle. Fürs Wochenende. Ich blöde Kuh sagte auch noch 'ja'." "Was wirst du tun?" Marc hörte ihr Schweigen. "Sag du's mir! Soll ich hingehen, alles aufklären, ihn in die Arme nehmen und neu kennenlernen? Oder soll ich ihn rausschmeißen, mich scheiden lassen und alles vergessen?" Marc brachte nur ein "Oh Gott" heraus.

Er konnte ihr trauriges Lächeln spüren, als sie ihm zurückschrieb: "Siehst du, so geht's mir auch. Einerseits denke ich: Er hat sich immerhin in seine eigene Frau verliebt. Das spricht für seinen Geschmack ;-) Andererseits hat er mich bereits belogen. Und er ist bereit, mich zu betrügen - wenn auch mit mir selbst *g*." Marc hat "Lava" danach nie mehr wieder gesehen. Sie verglühte. Sie verschwand, wie sie sich vorher für ihren Mann neu erschaffen hatte. Marc wusste nicht, was in dem Hotelzimmer geschehen ist. Ob überhaupt etwas geschehen ist.

Vielleicht hat sie ihn einfach sitzenlassen und versucht nun, ihn ohne Chat aus seiner Cyberwelt zu reißen. Vielleicht hat sie ihn wirklich getroffen. Vielleicht hat sie ihm eine runtergehauen. Vielleicht haben sie miteinander geschlafen, wie sie noch nie miteinander geschlafen haben. Vielleicht hat sie die Scheidung schon eingereicht. Vielleicht. Vielleicht. Alles ist nur noch ein großes, neon-bestrahltes "Vielleicht", auf dem Abermillionen Tränen wie Regentropfen funkeln. Vielleicht ist das auch eine völlig beschissene Formulierung. Er ist keine "Edelfeder".



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