Deutsche Nachkriegsgesellschaft Der Schweigepakt

Draußen geht die Sonne auf, und eine Mutter beichtet dem verstorbenen Sohn ihr Lebensgeheimnis. Hans-Ulrich Treichels "Tagesanbruch" ist ein elementares Buch über Nachkriegsdeutschland.

Deutsche Flüchtlingskinder in einem Auffanglager
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Deutsche Flüchtlingskinder in einem Auffanglager

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Manche Dinge sind so unaussprechlich, die erzählt man allenfalls den Toten. Eine Mutter hält ihren in der Nacht an Krebs gestorbenen Sohn in den Armen, und während draußen die Vögel anfangen zu singen, berichtet sie von den Aufbaujahren in Deutschland; von den Entbehrungen und den Selbstkasteiungen in der westfälischen Provinz; von dem ungeheizten Wohnzimmer und dem Klavier, das in der Wohnung stand, auf dem aber nie jemand spielte; von dem drakonisch geführten Familiengeschäft und der beinahe militärisch vollzogenen Ehe.

Der Krieg war vorbei, aber das Soldatische prägte weiterhin den Alltag. Ein deutsches Leben.

In seinem Buch "Tagesanbruch" nähert sich Hans-Ulrich Treichel in karger Sprache dem Lebensgeheimnis der Mutter. Das Selbstgespräch der Alten kreist bald um das negative Kraftzentrum, das fatal auch auf den Jungen wirkte. So wenig wurde in der Familie gesprochen, so viel ist noch zu sagen. Doch der Morgen naht, der Bestatter ist schon bestellt.

Am Leben, irgendwie

Nach und nach melden sich die unterschiedlichen Vögel, die Mutter weiß: "Wenn der Zaunkönig singt, dauert es nicht mehr lange bis zum Sonnenaufgang." Vorher aber muss sie noch was loswerden. Und so legt sie Zeugnis ab von dem Erlebnis, das sie und den Vater unheilvoll miteinander verbunden hat: Auf der Flucht wurden sie von drei russischen Soldaten aus dem Treck gewunken, die Mutter wurde vergewaltigt, der Vater musste alles mit anschauen. Dann sollten die beiden erschossen werden, doch einer der Soldaten ließ sie laufen. Die Eltern blieben, wie man so sagt, am Leben.

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Amsel, Drossel, Fink und Tod: Treichel hat ein zwingend einfaches Erzählkonzept gefunden, um seine Protagonistin das Unaussprechliche aussprechen zu lassen. Aus der Dunkelheit eben ans Licht drängt hier das Familiengeheimnis, die Lebensbeichte der Mutter hat nichts Konstruiertes. Alles muss raus, bevor der Tag anbricht.

Schon mit seinem Roman "Der Verlorene" von 1998 - später unter dem Titel "Der verlorene Bruder" von Matti Geschonneck für die ARD verfilmt - behandelte Treichel das verheerende Schweigen in einer westfälischen Nachkriegsfamilie. Treichel, heute 63 und einst selber als Kind von Vertriebenen aufgewachsen in der westfälischen Provinz, ist also zu seinem biografisch aufgeladenen Kernthema zurückgekehrt.

In der deutschen Literatur wurden die massenhaften Vergewaltigungen durch die Soldaten der Roten Armee immer wieder thematisiert, entweder als Opfergeschichte (etwa in Marta Hillers in autobiografischem, erstmals 1954 erschienenem Roman "Eine Frau in Berlin") oder als verdrängtes Trauma, das in den Erzählungen mitschwingt und das Verhalten der Figuren bestimmt, ohne dass es ausgesprochen wird (wie in Günter Grass' später Novelle "Im Krebsgang").

Treichel schreibt expliziter. Und zugleich universaler. Einerseits lässt er die Mutter präzise ihr individuelles Schicksal beschreiben, andererseits manifestieren sich hier noch mal die Verdrängungsmechanismen der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Nichts ist in diesem Buch ungefähr, alles ist konkret. Das muss so sein, um sich nicht in diesem Geflecht von Andeutungen und Ahnungen, von Verboten und Verdächtigungen zu verfangen, das Familien über Generationen geprägt hat.

In klarer, knapper Sprache zeichnet Treichel die Vereisungen jener Jahre nach und macht so den Ursprung des kollektiven deutschen Schweigepakts in einer individuellen Beziehungsgeschichte erfahrbar. Wie formuliert die Mutter das Verhältnis zum Vater: "Miteinander verschweißt und füreinander verloren." Nur soldatisch, so die grausame Logik, ließ sich dieses deutsche Leben führen.

Ein Buch von nicht mal hundert Seiten und doch ein elementares Werk über die Nachkriegsgesellschaft. Liest man es in der Nacht, sehnt man wie nie zuvor die Vogelgesänge des Tagesanbruchs herbei.

Hans-Ulrich Treichel
Imago/ Eibner

Hans-Ulrich Treichel

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
kar98 07.06.2016
1. Immer wieder thematisiert?
Oder eher doch jahrzehntelang totgeschwiegen, um erst "neulich" wieder ins Bewusstsein der Oeffentlichkeit gebracht zu werden?
hansw 07.06.2016
2. Du liebe Güte
Der Artikel führte mich in meine Jugend zurück, bin Jahrgang 1940. Zu meinem Glück wurde ich im Rheinland geboren und musste die Flucht im Osten nicht mitmachen. Das Schweigen der Nachkriegszeit war wohl in ganz Deutschland üblich. Meine Mutter nannte mich "Hans Warum", weil sie keine Antworten geben wollte oder konnte. Während des Krieges lernte ich viele Keller und Bunker kennen. Kurz vor Kriegsende kamen zwei US-Soldaten in den häuslichen Keller, der ja zum Luftschutzkeller ausgebaut worden war. Die Soldaten suchten nach Waffen und Saboteuren. Sie sahen aber nur Frauen und Kinder. Wir Kinder bekamen von den GI´s Apfelsinen, Schokolade und Kaugummi. Jetzt komme ich zum Kern: In der Nacht vor dem Einmarsch der Amerikaner haben alle Bewohner sämtliche Devotionalien usw. in ihren Gärten vergraben, nach dem Abzug der Amerikaner die vergrabenen Sache jedoch nicht wieder gefunden. Der häufigste Spruch in meinem Dorf lautete bei irgendwelchen bösen Nachrichten aus der Nazi-Zeit so: Wenn das der Führer gewusst hätte. Das dauerte über die ganzen Hungerjahre hinweg. Die Wortlosigkeit der damaligen Erwachsenen hielt bis zu ihrem Tod an. Alle Versuche, zu erfahren, was denn nun die Nazi-Zeit gewesen war, blieben ohne Erfolg. In meiner Grossfamilie blieb man auch nach Rückkehr der Männer und Frauen aus Kriegsgefangenschaften sprachlos. Ich konnte erst als Erwachsener durch das Lesen von Biografien von Fest, Kershaw und anderen Historikern das erfahren, was ich eigentlich schon viel früher hatte wissen wollen.
garden_of_stone 07.06.2016
3. 3 von 5
Brüdern hat meine Oma im Krieg verloren. Opa stand oft mit Blick über die Felder im Garten vor dem Haus. Ich selber bin JG. 73. Meine Eltern und vor allem Oma und Opa haben Ihre Geschichte. Opa ist gestorben während ich auf der Walz war. Oma ist gerade 90 geworden. mit dem Alter kommt die Wahrheit sns Licht. Letztes Weihnachten konnte ich Omas Erzählungen der Flucht nicht mehr zuhören und musste raus. Beklemmend zu hören.
Heitgitsche 07.06.2016
4. Wider das Vergessen
Das hat Jahrzehnte gedauert und sicher auch die Gesellschaft dieses Landes geprägt
sunshine123 07.06.2016
5. meinsenf78
Vielen Dank, hansw, für Ihre Schilderung. Das erklärt auch mir, einem 78er-Kind, einiges. Meine Elterngeneration, zu der Sie ebenfalls gehören dürften, erlebe ich aus heutiger Sicht ebenfalls als sehr verschlossen, nicht kritik- und diskursfähig. Natürlich gilt das nicht für alle, aber aus Sicht von mir und meinen Freunden fehlt es auch noch sehr vielen in dieser Generation an Reflektionsbereitschaft, am Willen zur echten Auseinandersetzung mit sich und anderen, an Weltoffenheit, Toleranz und Flexibilität. Ihre Darstellung deutet vllt. Gründe dafür an, die hilfreich sind, wenn man sich an diesen, aus Sicht meiner Generation befremdlichen, Verhaltensweisen die Zähne ausbeißt. Danke dafür!
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