Tageskarte Buch Die einsame Madonna

Der Affe Gottes, perfekte Tage und betende Frauen – um diese Themen dreht sich alles in Thomas Hettches neuem Buch voller kurzer Notizen und ausgefeilter Essays. "Das Fahrtenbuch" ist eine Reise durch die letzten 14 Jahre.

Von Ilka Kreutzträger


Die Aufmachung, schlichtes grünes Leinen ohne schmückenden Einband, stapelt tief – so als ob auch die Erwartungen an dieses Buch eher niedrig gehalten werden wollen. Aber das ist gar nicht nötig. Es geht um Kriegsgebiete, den Affen Gottes und die perfekten Tage.

In dem neuen Buch von Thomas Hettche, dem "Fahrtenbuch 1993–2007" findet sich eine große Spannbreite an Formen und Themen, kurze Notizen stehen neben ausgefeilte Essays. Die beschriebenen Reisen durch Bosnien, seine Erinnerungen an einige Monate in Venedig, an einen Hotelaufenthalt in St. Moritz zeigen, was für ein wunderbarer Beobachter Hettche ist. Die schnell notierte Euro-City-Geschichte etwa über die Bundeswehrsoldaten auf dem Weg ins Wochenende, deren "Kurzhaarfrisuren wirken, als ob sie den jungen Männern zugestoßen wären". Darüber hinaus finden sich auch Studien der Schauplätze seines Romans "Woraus wir gemacht sind", die einen Einblick gewähren in die Arbeit dieses Schriftstellers.

Die eindringlichste Geschichte aber ist die über die berühmte Madonna del Parto im Kapitel "Der Affe Gottes": Im 15. Jahrhundert malte Piero della Fransecsas für die Friedhofskapelle Monterchi die Madonna. Jahrhundertlang kamen Pilger aus ganz Italien in den kleinen Ort. Denn jede Frau, die vor dem zweieinhalb Meter großen Fresko der Madonna betete, wurde innerhalb eines Jahres schwanger, so jedenfalls will es der Mythos. Bis die Madonna aus der Kirche entfernt, restauriert und um sie herum ein Museum gebaut wurde – keine Frauen kommen mehr um zu beten.

Mit ein wenig Wehmut erzählt Hettche von der Zerstörung alter Mythen. Die Madonna del Parto wird in ihr einsames Museum verbannt, damit sie dort vor Tageslicht geschützt auch die nächsten Hunderte von Jahren überleben kann und wird damit ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt. "Der Affe Gottes" heißt dieses Kapitel. Man meint einen kleinen Seufzer Hettches zu hören: Gut gemeint, ist eben das Gegenteil von gut. "Das Fahrtenbuch" ist nicht gut gemeint, sondern eine wundervolle Zeitreise durch die vergangenen 14 Jahre.


Thomas Hettche: "Fahrtenbuch". Kiepenheuer & Witsch; Köln; 224 Seiten; 18,90 Euro.



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