Tageskarte Buch Montags in Moskau

Im Kreml brennt noch Licht: In seinem dämonischen Roman "Der Tag des Opritschniks" wagt Vladimir Sorokin einen Blick ins Jahr 2027.

Von Katrin Hillgruber


Laut Stalin bestand die Weisheit Iwans des Schrecklichen darin, keine Ausländer mehr ins Land zu lassen. Getreu dieser Maxime genügt sich Russland im Januar 2027 dank seiner unerschöpflichen Bodenschätze längst selbst. Vom dekadenten Westen hat es sich mit der Großen Mauer abgeschottet. China liefert als einziger Handelspartner Agrarprodukte und die neueste Nachrichtentechnik. Bereits Jahre zuvor war das Volk einem Aufruf seines Alleinherrschers, des Gossudaren, gefolgt und hatte auf dem Roten Platz seine Reisepässe dem Feuer übergeben.

Autor Sorokin: Nationalistische Tendenzen seiner Heimat wörtlich genommen
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Autor Sorokin: Nationalistische Tendenzen seiner Heimat wörtlich genommen

"Wenn jetzt an die Stelle des Marxismus als Hauptideologie die Orthodoxie und im Grunde die Monarchie träte", sagt Vladimir Sorokin, "würde Russland sehr schnell in die Vergangenheit zurückkehren, und zwar ins 16. Jahrhundert. Und wir würden sehr schnell auch anfangen, die Sprache dieses 16. Jahrhunderts zu sprechen. Sie würde sich mit jener der Hochtechnologie mischen, und das Ergebnis wäre grotesk." In "Der Tag des Opritschniks" hat Russlands berühmtester Antiutopist die nationalistischen Tendenzen seiner Heimat wörtlich genommen. Er lässt den Schrecken der Opritschnina, der Leibgarde Iwan des Schrecklichen (1530–1584), wiederauferstehen. Die staatlichen Mörder, Plünderer und Brandschatzer trugen als Insignien einen Besen und einen Hundekopf.

Geschildert wird ein beliebiger Montag im Leben des Opritschniks Andrej Danilowitsch Komjaga. Die zeitliche Beschränkung tut Sorokins wie stets vor Phantasie überschäumendem Schreibtemperament gut. Anders als die "Ljod"-Trilogie oder der 2068 angesiedelte "Himmelblaue Speck" fällt der neue Roman realistischer und dadurch noch erschreckender aus. Der Titel spiegelt Alexander Solschenizyns Kurzroman "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" von 1962. Darin ging es um den trostlosen Tagesablauf eines Gulag-Insassen. Nun ist eine Innensicht der Macht aus der genießerischen Täterperspektive zu erleben.

Ihm gehe es beileibe nicht um eine simple Putin-Satire, sagt der 52-jährige Moskauer Schriftsteller. Dabei sieht der schmalgesichtige Herrscher bei seinen nach Ikonenart goldumflorten Videoansprachen dem gegenwärtigen Staatschef trotz Bart auffallend ähnlich. Nein, Sorokin beschäftigt die Frage, was Russland von wirklichen Demokratien unterscheidet: "Die heutigen Opritschniki, das sind die Silowiki, die Mitarbeiter der Macht und der Ministerien. Man kann sie auch als staatliche Schutzgelderpresser bezeichnen", erklärt er. Beruhigend wirkt das nicht.


Buch Vladimir Sorokin: "Der Tag des Opritschniks". Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln; 224 Seiten; 18,95 Euro.

Lesungen: 29.1.08 Berlin (Literarisches Colloquium, Am Sandwerder 5); 4.2.08 Hannover (Literarischer Salon der Universität, Königsworther Platz 1); 11.2.08 Leipzig (Haus des Buches, Gerichtsweg 28); 12.2.08 Hamburg (Malersaal des Schauspielhauses, Kirchenallee 39); 13.2.08 Kiel (Literaturhaus, Schwanenweg 19); 19.2.08 Köln (Literaturhaus, Schönhauser Str. 8); 20.2.08 Wien (Hauptbücherei, Urban-Loritz-Platz 2a); 21.2.08 München (Literaturhaus, Salvatorplatz 1); 27.2.08 Stuttgart (Literaturhaus, Breitscheidstr. 4), www.kiwi-verlag.de



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