Taiwans Literaturstar Lung Stich in die Wunden des Gegners

In China darf man über das Werk kein Wort verlieren - obwohl es die wichtigste chinesischsprachige Neuerscheinung des Jahres ist. "Großer Strom, großes Meer" ist ein aufwühlendes Anti-Kriegs-Buch der taiwanesischen Bestsellerautorin Lung Ying-tai. Jetzt stellt sie es auf der Buchmesse vor.

Lung Yingtai

Von Jürgen Kremb, Taipei


Der junge Mann lief wie jeden Tag durch das hohe Gras von seinem Dorf zur Schule in die Industriemetropole Changchun. Das allein war nicht ungefährlich, denn im Sommer 1948 markierte diese Gegend die Frontlinie zwischen den chinesischen Bürgerkriegsarmeen der Kuomintang (KMT) von Tschiang Kai-Shek und der Volksbefreiungsarmee (VBA) Mao Zedongs.

Doch als weitaus störender empfand Yu Qiyuan den immer stärker werdenden Verwesungsgeruch, der sich entlang des Weges ausbreitete. Als der damals 16-Jährige sich eines Morgens entschloss, der Ursache des Gestanks nachzugehen, stieß er auf ein so grauenvolles Bild, dass er es auch sechs Jahrzehnte später nicht vergessen kann.

Kaum war Yu vom Schulweg abgewichen, sah er einen Berg voller Leichen. Wimmernd krabbelte ein bis zum Skelett abgemagertes Baby auf ihn zu, das seine Gedärme hinter sich herschleifte. Der Hunger hatte ihm wohl die Eingeweide aus dem Leib gedrückt.

Es sind Szenen wie diese, die beim Lesen des neuesten Werks "Da Jiang Da Hai" ("Großer Strom, großes Meer") der taiwanesischen Bestseller-Autorin Lung Ying-tai, 57, immer wieder schockieren. Nicht nur wegen der darin geschilderten Grausamkeiten, mit denen Lung den lange heroisierten Bruderkrieg ausschließlich aus dem Blickwinkel der Opfer und Verlierer erzählt. Auch historisch stößt sie mit dem einzigartigen Geschichtswerk in neue Dimensionen vor.

"Nie ein Tropfen Blut an unseren Klingen"

Denn die Schlacht von Changchun zum Beispiel war nicht nur in der Propaganda der KP stets als großer Sieg verbrämt worden: "Es klebte nie ein Tropfen Blut auf unseren Klingen", heißt es noch heute pathetisch dazu in chinesischen Schulbüchern. Dabei war das Gegenteil der Fall. In einer monatelangen Belagerung hatten die Truppen des "siegreichen" Kriegsherren Lin Biao ihre verfeindeten Landsleute samt der Zivilbevölkerung gnadenlos ausgerottet.

Bis zu 650.000 Stadtbewohner wurden für den strategisch bedeutsamen Sieg der KP jämmerlich zu Tode gehungert. In Changchun geschahen Kriegsverbrechen, die das vielverteufelte Massaker der Japaner an Nanjings Zivilbevölkerung mit geschätzten 300.000 Toten weit in den Schatten stellt. Und deswegen konnte man auch im längst demokratisch gewandelten China auf Taiwan wenig darüber lesen.

Das möchte Lung Ying-tai ändern. Rechtzeitig zum 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China und der Flucht der KMT nach Taiwan, legt die Literaturprofessorin mit "Da Jiang Da Hai" (so der vorerst nur chinesische Titel) das wohl wichtigste Buch im chinesischen Sprachraum der vergangenen Jahre vor. Am Donnerstag spricht sie dazu auf der Frankfurter Buchmesse.

"Mein Anliegen ist es, derer zu gedenken, auf dessen Leben durch diesen Krieg vor 60 Jahren herumgetrampelt wurden," sagt die zierliche Frau mit dem warmen Lächeln.

Sie sprachen nur das verhasste Japanisch

Zu Beginn von "Großer Strom, großes Meer" wendet sich Lung Ying-tai an einen ihrer erwachsenen Söhne, um ihm den Krieg zu erklären. Es folgen zahlreiche Essays und Reportagen, in denen sie die leidvollen Geschichten von jungen Männern, die es im Ostasien der vierziger Jahre auf die unterschiedlichsten Seiten der kriegführenden Parteien verschlagen hat, erzählt.

Lung hat dabei Geschichten versammelt, bei denen es selbst hartgesottenen Lesern abwechselnd das Wasser in die Augen treibt oder Schauer über den Rücken laufen lässt.

Etwa beim Lebensdrama des jungen Taiwanesen, der von der damaligen japanischen Besatzungsmacht in den Dschungel von Borneo verschleppt wurde und in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs im Pazifik australische und britische Kriegsgefangene mit dem Bajonett hinrichten musste.

Oder als zwei alte Männer eines taiwanesischen Eingeborenenstammes erzählen, wie sie 1947 von der KMT nach China verschleppt wurden, um dort gegen die Kommunisten zu kämpfen. Außer ihrem malaiischen Bergvolk-Dialekt sprachen sie nur das verhasste Japanisch, gerieten aber in Gefangenschaft der KP und wurden Jahre danach im Koreakrieg (1950-53) gegen die USA eingesetzt. Erst in den neunziger Jahren kamen sie wieder nach Hause, in ein Dorf, das sie nicht mehr kannte.

Jene Millionen und Abermillionen Seelen

Immer wieder fallen einem beim Lesen des Buchs die großen Antikriegstitel der Weltliteratur ein. Doch Lung möchte sich nicht mit dem "zu oberflächlichem Etikett" des Antikriegsbuchs abfinden. "Ich will erreichen, dass endlich jener Millionen und Abermillionen Seelen gedacht wird, die damals sinnlos ihr Leben geopfert haben, ohne dass ihnen bis heute Respekt gezollt wird."

Eine Aussage, die besonderes Gewicht bekommt, wenn man weiß, dass die fast ein Jahrzehnt währende Arbeit an dem Buch am längsten durch ihre Arbeit als Politikerin unterbrochen wurde. Von 1999 bis 2003 setzte Lung als Kulturstadträtin der Dreimillionenstadt Taipei auch neue Maßstäbe in der Altstadtkonservierung. Ihr Chef von damals ist heute Präsident von Taiwan und dringt auf Versöhnung mit dem kommunistischen Festland.

Aber eigentlich war "Da Jiang Da Hai" nur als Familienchronik geplant gewesen. Denn als Tochter eines KMT-Militärpolizisten, der wie zwei Millionen andere Festländer 1949 nach Taiwan geflüchtet war, verstand sie lange nicht, warum ihr Vater bisweilen in Heulkrämpfe ausbrach. Immer dann nämlich, wenn er zwei alte Schuhsohlen aus Reisstroh hervorkramte. Erst als Erwachsene erfuhr Lung Ying-tai, dass dies die letzte Erinnerung an seine Mutter war, die er in den Wirren des Bürgerkriegs in China zurücklassen musste und nie wieder gesehen hatte.

Ein ähnliches Schicksal widerfuhr auch Lungs Bruder. Auf der Flucht vor den Kommunisten musste ihre Mutter den ältesten Sohn bei der Großmutter im Festland zurückgelassen. Als die Autorin ihn in den späten achtziger Jahren erstmals traf, berichtet er davon, wie er als Kind jedem Zug hinterher geschrien habe: "Mama, komm zurück."

"Überzeugen Sie uns mit Entgegenkommen."

Wie groß der Bedarf nach einer ehrlichen und schonungslosen Auseinandersetzung um den sinnlosen Bruderkrieg ist, spiegeln eindrücklich die Verkaufszahlen von Lungs Buch wieder. In nur sechs Wochen nach Erscheinen gingen in Taiwan und Hongkong schon 200.000 Exemplare über die Ladentheken.

Einerseits ist das auf den Bekanntheitsgrad der Autorin zurückzuführen. Sie hat schon mit ihrem Essayband "Wildes Feuer" ("Ye Huo Ji") 1986 maßgeblich zur Demokratisierung Taiwans beigetragen und danach immer wieder Millionenseller in ihrer Heimat aufgelegt. Aber in Hongkong kaufen dieser Tage besonders viele Besucher aus China das bewegende Geschichtsbuch.

Auch dort hat sich die Taiwanesin vor allem mit bissigen Kolumnen in der einst freiesten Zeitung Chinas, der "Chinesischen Jugendzeitung" einen Namen gemacht. Doch als Zensoren den wagemutigen Chefredakteur der Zeitung vor gut einem Jahr in die Wüste schicken wollten, schrieb Lung Ying-tai einen offenen Brief an Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao. "Herr Hu", mahnte sie, "Sie können uns Taiwanesen nicht mit den Mitteln einer Diktatur zur Wiedervereinigung überzeugen. Überzeugen Sie uns mit Entgegenkommen."

Der Chefredakteur wurde daraufhin zwar rehabilitiert. Doch zu Lung Ying-tais neustem Buch hat Chinas Internetpolizei vorerst verfügt, dass es nicht erwähnt und besprochen werden darf. Das schreckt die streitbare Autorin nicht ab. "Erst wenn man die Wunden des Gegners versteht", sagt Lung, "kann man die Waffen niederlegen." Ihr Buch sei schließlich als Geste der historischen Versöhnung zwischen den verfeindeten Brüdern und Schwestern beiderseits der Taiwanstraße gedacht.



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
belafarinrohr 15.10.2009
1. Erscheinung?
Ich finde es großartig, dass dieses Thema durch dieses Werk zur Sprache kommt. Wann erscheint das Buch auf Deutsch?
r.zmudzinski, 15.10.2009
2. Respekt
Zitat von sysopIn China darf man über das Werk kein Wort verlieren - obwohl es die wichtigste chinesischsprachige Neuerscheinung des Jahres ist. "Großer Strom, großes Meer" ist ein aufwühlendes Anti-Kriegs-Buch der taiwanesischen Bestsellerautorin Lung Ying-tai. Jetzt stellt sie es auf der Buchmesse vor. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,655089,00.html
Die Frau hat echt was drauf, RESPEKT!
Hongjian 15.10.2009
3. Krieg
Tja, das ist der Krieg. Oder der Bürgerkrieg. Und deswegen, bemüht sich die KP Chinas mit der harten Diktatur und Zensur (die ja eigentlich nur für die Dümmsten existiert, da alles erhältich ist wenn man nur weißt wo und wie) den wackeligen Leichenfrieden zu bewahren. Denn die unterdrückung einer stabilen Diktatur mit guten Aussichten auf Wohlstand, sind eindeutig das kleinere Übel zu den geschilderten Grausamkeiten eines Bürgerkrieges, die der Deutsche sich für China ja so wünscht wenn man ihre ständige Basherei, Beschimpfungen und Unterstützungen für Rebellen und Aufständische sieht. Natürlich alles in Namen der Demokratie. Wenn die KP erst untergeht und das Land zersplittert, dann muss ein neuer Mao und eine neue KP dieses arme Land durch Krieg vereinigen. Und das will ich, als Chinese, auf keinen Fall. Lieber leben auf den Knien, als zu sterben im Stehen.
r.zmudzinski, 15.10.2009
4. 2 Wege
Zitat von HongjianTja, das ist der Krieg. Oder der Bürgerkrieg. Und deswegen, bemüht sich die KP Chinas mit der harten Diktatur und Zensur (die ja eigentlich nur für die Dümmsten existiert, da alles erhältich ist wenn man nur weißt wo und wie) den wackeligen Leichenfrieden zu bewahren. Denn die unterdrückung einer stabilen Diktatur mit guten Aussichten auf Wohlstand, sind eindeutig das kleinere Übel zu den geschilderten Grausamkeiten eines Bürgerkrieges, die der Deutsche sich für China ja so wünscht wenn man ihre ständige Basherei, Beschimpfungen und Unterstützungen für Rebellen und Aufständische sieht. Natürlich alles in Namen der Demokratie. Wenn die KP erst untergeht und das Land zersplittert, dann muss ein neuer Mao und eine neue KP dieses arme Land durch Krieg vereinigen. Und das will ich, als Chinese, auf keinen Fall. Lieber leben auf den Knien, als zu sterben im Stehen.
Ich kenne viele Menschen, die sind gestorben, während sie auf ihren Knien sassen, um zu Gott zu beten! Wer nicht kämpft, guter Mann, hat schon verloren!
eigentlicher_Schwan 16.10.2009
5. *
Zitat von HongjianTja, das ist der Krieg. Oder der Bürgerkrieg. Und deswegen, bemüht sich die KP Chinas mit der harten Diktatur und Zensur (die ja eigentlich nur für die Dümmsten existiert, da alles erhältich ist wenn man nur weißt wo und wie) den wackeligen Leichenfrieden zu bewahren. Denn die unterdrückung einer stabilen Diktatur mit guten Aussichten auf Wohlstand, sind eindeutig das kleinere Übel zu den geschilderten Grausamkeiten eines Bürgerkrieges, die der Deutsche sich für China ja so wünscht wenn man ihre ständige Basherei, Beschimpfungen und Unterstützungen für Rebellen und Aufständische sieht. Natürlich alles in Namen der Demokratie. Wenn die KP erst untergeht und das Land zersplittert, dann muss ein neuer Mao und eine neue KP dieses arme Land durch Krieg vereinigen. Und das will ich, als Chinese, auf keinen Fall. Lieber leben auf den Knien, als zu sterben im Stehen.
Das "andere" China lebt in letzter Zeit "unzersplittert" im Wohlstand, obwohl ethnisch gemischt. Warum sollte das nicht auf dem Festland möglich sein? Auch ohne KP? Merkwürdig. Hier kann man übrigens ein Kapitel des Buches lesen: http://www.taz.de/1/leben/buchmessetazde/artikel/1/auf-den-schwertern-kein-tropfen-blut/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.