Absturz einer Familie: Wenn das Trauma zurückkehrt

Von Johan Dehoust

Schriftstellerin Taiye Selasi: Vielschichtige, großartige Literatur Zur Großansicht
Gaby Gerster

Schriftstellerin Taiye Selasi: Vielschichtige, großartige Literatur

Ein Todesfall bei einer Operation, ein Arzt verliert zu Unrecht seine Stellung: In ihrem ergreifenden Roman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" erzählt Taiye Selasi, wie eine anscheinend perfekt in die US-Gesellschaft integrierte afroamerikanische Familie jeden Halt verliert.

Dass es diesen Roman gibt, ist der Sprachlosigkeit seiner Autorin zu verdanken. "Woher kommst du?" Eine scheinbar unverfängliche, Small Talks eröffnende Frage. Taiye Selasi, 33 Jahre alt, gelang es nie, sie der Gesprächssituation entsprechend zu beantworten, also kurz und knapp. Geboren in London, aufgewachsen in den USA, die Mutter nigerianisch-schottisch, der Vater ghanaisch - was soll man da antworten?

Angetrieben davon begann Selasi, ausführlicher als gewöhnlich über ihre Herkunft nachzudenken. Aus ihren Überlegungen erwuchsen Essays und kurze Erzählungen, dann ein Roman: "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" heißt er und ist nun auf Deutsch erschienen.

In Gedankensprüngen und nicht chronologisch erzählend führt Selasi ins Innenleben einer kosmopolitischen Großfamilie. Das Leben von Kwaku und Fola erscheint zunächst perfekt zu verlaufen. Die aus Nigeria und Ghana stammenden, jungen Eheleute haben es geschafft: Sie sind auf dem besten Weg, sich in Boston in einer bilderbuchhaften Vorstadtidylle einzurichten.

Kwaku wird von seinen Kollegen als genialischer Chirurg gefeiert, Fola hat ihre beruflichen Ambitionen aufgegeben und kümmert sich im gerade erworbenen Haus um die vier Kinder. Olu, Taiwo, Kehinde und Sadie sind begabt und hübsch, sie fügen sich hervorragend ins US-amerikanische Bildungskorsett.

Die High Society fordert ein Opfer

Hinter dieser hart erkämpften Fassade aber liegt eine Vergangenheit, die den Protagonisten die Luft abschnürt. Selasi dringt ins Unbewusste ihrer Protagonisten vor, behutsam wie eine gute Therapeutin. Der Leser erfährt nach und nach, dass die Eltern den Kindern ihr afrikanisches Vorleben verschleiern - die wissen noch nicht einmal, wer ihre Großeltern waren.

Dass Kwakus Vater, gedemütigt von einer öffentlichen Auspeitschung in seinem ghanaischen Heimatdorf, verschwand und Augenzeugen zufolge mit einem Stein an den Füßen ins Wasser ging, bleibt ein Geheimnis. Ebenso das Schicksal des Großvaters mütterlicherseits: Er wurde von mit Heroin zugedröhnten Soldaten umgebracht, weil diese ihn fälschlicherweise einem verfeindeten Stamm zuordneten.

"Lebendig in der Gegenwart und tot für die Vergangenheit", so beschreibt Selasi die Gefühlswelt ihrer Figuren. Ein oberflächliches Glück, das abrupt endet: Kwaku wird von seiner Klinik entlassen. Obwohl er nichts dafür kann, dass eine wohlhabende, in hohen gesellschaftlichen Kreisen verkehrende Patientin während einer Operation stirbt, wird er dafür verantwortlich gemacht.

Die High Society fordert ein Opfer. Eine Niederlage, die Kwaku, der noch bis eben gefeierte Arzt, nicht verkraftet. Anstatt sich einen neuen Job zu suchen, verlässt er seine Familie und versteckt sich schamgeplagt in Accra, der Hauptstadt seines Geburtslandes.

Traumatisiert, ohne genau zu wissen wovon

Die Vorstadtidylle zerfällt und die Familienmitglieder haben nichts, woran sie sich halten können. Sie fallen ins Bodenlose. Fola, die Mutter, versucht, den Schein aufrecht zu erhalten. Doch: Anstatt ihre übriggebliebene Familie zu einen, trennt sie sie weiter.

Während Olu, der älteste Sohn auszieht, um wie sein Vater Medizin zu studieren, schickt die Mutter die Zwillinge Taiwo und Kehinde zu ihrem Onkel nach Ghana, einem reichen Kriminellen. Sie glaubt, es sei besser für sie, da er verspricht, ihnen einen College-Besuch zu finanzieren. Ein großer Fehler, wie sich später herausstellen wird. Bei der Mutter bleibt nur Sadie, die verhätschelte und nicht ganz ernstgenommene Nachzüglerin.

Selasi versetzt sich in die Figuren ihres Buches hinein und beschreibt, wie und warum sie sich voneinander abkapseln. Sie sind traumatisiert, ohne genau zu wissen wovon. Ihr einsames Vor-sich-hin-Leiden in London, New York und Paris endet erst, als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhalten: Nach vielen Jahren begegnen sie sich wieder und fliegen zusammen nach Ghana, um sich von ihm zu verabschieden.

Fällt es am Anfang dieses Romans bisweilen schwer, den Erzählschlaufen zu folgen, wirkt er mit zunehmender Lesedauer klarer, strukturierter. Selasi gelingt es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie diffus der Begriff Heimat ist, wenn die Identität an unterschiedlichen Orten wurzelt. Und welche Schmerzen es verursachen kann, wenn die Bindungen an die Orte sich reiben und überlagern.

"Diese Dinge geschehen nicht einfach so" ist ein ergreifender Familienroman. Die Antwort auf die Frage "Woher kommst du?" ist vielschichtige, großartige Literatur.

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