Weltkriegsroman Stella rief auch "Sieg"

1942 in Berlin, ein junger Mann verliebt sich. Dann gesteht ihm die Frau: Sie ist Jüdin - und die Nazis zwingen sie zu einem unmenschlichen Pakt. Ein Auszug aus dem Roman "Stella" von Takis Würger.

1939, abendliches Tanzvergnügen in Berlin
ullstein bild/ Hanns Hubmann

1939, abendliches Tanzvergnügen in Berlin


Zum Autor
  • Sven Döring/ Agentur Focus/ Suhrkamp
    Takis Würger, Jahrgang 1985, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule und studierte Ideengeschichte in Cambridge. 2017 erschien sein Debütroman "Der Club" (Kein & Aber). "Stella" ist sein zweites Buch.

Ein Abend im Juli war heiß und nass, wir konnten nicht schlafen.

"Komm, wir gehen ein bisschen raus", sagte Stella.

Wir nahmen unsere Mäntel und verließen das Hotel. Aus einer Kneipe an der Torstraße hörten wir Gesang. Eine Gruppe Soldaten war dort eingekehrt und trank. Stella hielt mich an der Hand.

"Lass uns da rein", sagte sie.

Ich blieb stehen.

"Ich will singen", sagte sie.

Innen waren die Scheiben feucht vom Menschendampf. In der Stadt war es finster, der Strom war abgestellt worden. Öllampen erhellten die Kneipe. Vor den Fenstern standen Pappen, damit kein Licht nach draußen drang. Ein paar Soldaten hatten ihre Jacken ausgezogen und lehnten in Unterhemden am Tresen. Sie sahen aus, als wären sie früher am Abend gemeinsam zum Friseur gegangen. Jeder hatte seine Blutgruppe auf den inneren, linken Oberarm tätowiert. Es waren viele junge Frauen in der Kneipe, die dunklen Wermut aus Wassergläsern tranken. Hinterm Tresen bedienten Mädel mit geflochtenen Zöpfen.

Stella fragte ein Mädchen, wer die Männer waren, und es sagte mit glänzenden Wangen, das sei die SS-Panzergrenadierdivision Wiking, morgen früh führen sie an die Front.

Die Luft roch nach saurem Schweiß und dem Parfüm der Mädchen, nach falschem Jasmin.

Stella ging an den Tresen, sie bestellte zwei Berliner Kindl. Wir standen dicht gedrängt und tranken stumm. Das Bier schmeckte nach Spülmittel.

Der tätowierte Soldat bestellte zwei Gläser Kornbrand und stieß mit Stella an

"Komm, jetzt sei mal nicht so langweilig hier", sagte Stella. Ab und zu stimmte einer der Männer ein Lied an.

An den Anblick von Soldaten hatte ich mich fast gewöhnt, aber diese waren anders, sie tranken mehr, sie redeten lauter, und alle waren größer als ich. Ihre Uniformen waren dunkel. Stella sang die Lieder mit. Es war laut in der Kneipe.

"Jeder Schuss ein Russ, und dann wird der Itzig aufgerieben", sagte ein Soldat mit tiefer, satter Stimme. Unter das rechte Schlüsselbein hatte er ein paar griechische Buchstaben tätowiert. Mein Altgriechisch war schlecht, aber das konnte ich lesen, weil ich die Geschichte dazu kannte. "Molon labe", stand dort.

Stella lachte und hob ihr Glas, als das Wort "Itzig" fiel. Einer der Männer brüllte "Sieg" und reckte seinen Arm nach oben. Stella rief auch "Sieg".

Der tätowierte Soldat bestellte zwei Gläser Kornbrand an der Bar und stieß mit Stella an. Er sagte ihr etwas ins Ohr, das ich nicht verstehen konnte, sie lachte, er bestellte mehr Korn. Mir gab er kein Glas.

Stella drehte sich mit dem Rücken zu mir, der Tätowierte schaute mich über ihre Schulter an.

Neben mir stand ein schmaler Mann, den ich erst übersehen hatte. In der Hand hielt er ein Glas Mineralwasser mit Kohlensäure. Er war höchstens zwanzig Jahre alt, trug keine Uniform, sondern ein raues Hemd aus Leinen und hatte einen akkurat gelegten Seitenscheitel, den er mit Pomade fixiert hatte. Er stieß mir sanft den Ellenbogen in die Rippen und beugte sich nah zu mir: "Dein Mädchen?" , fragte er.

Ich nickte.

"Und der Kerl?"

"Der ist doch Soldat", sagte ich.

Der junge Mann neben mir lächelte.

"Darf ich das für dich klären?", fragte er.

Der Mann war klein und blass. Er hob die Linke mit dem Wasserglas auf Höhe des Jochbeins.

"Berliner Meister im Weltergewicht", sagte er.

"Boxer?", fragte ich.

"Ehemaliger. Keine offiziellen Kämpfe mehr."

"Warum nicht?"

"Darf nicht."

Ich sah den Schmerz in seinem Gesicht.

"Ich bin Fritz", sagte ich und griff nach seiner Hand.

"Noah", sagte er, sodass jeder es hören konnte.

"Willst du mal einen Untermenschen boxen sehen?"

Ich erschrak. Der Tätowierte hatte eine Hand auf Stellas unteren Rücken gelegt. Mir war heiß, mein Magen fühlte sich an wie verdorben.

"Sag diesen Namen lieber nicht so laut," sagte ich.

"Warum nicht?", fragte Noah.

Die Decke der Kneipe war mit Holz verkleidet, in den Ecken blühte Schimmel.

"Ich könnte einer von denen sein", sagte ich.

"Bist du aber nicht", sagte Noah.

Für einen Moment streiften seine Lippen mein Ohrläppchen, so nah kam er: "Willst du mal einen Untermenschen boxen sehen?", fragte er.

Er gab mir sein Glas mit dem Wasser.

Er ließ sich Zeit damit, die Ärmel seines Hemds nach oben bis über die Ellenbogen zu falten. Umsichtig legte er Stoff auf Stoff. Ich sah dunkle, geschwollene Adern durch die Haut seiner Unterarme. Er öffnete seinen Gürtel und zog ihn ein Loch enger, dann knackte er mit dem Nacken, nach rechts, nach links. Er änderte seine Fußstellung, schob den linken Fuß nach vorn und verlagerte sein Gewicht auf die Ballen. So ging er auf den Tätowierten zu. Die Daumen steckten in seinem Hosenbund.

Er sagte kein Wort. Als er nah genug war, den Mann anzufassen, der nun beide Hände auf Stellas Po gelegt hatte, hielt er inne, hob seine Hände offen neben den Kopf, als wollte er seine Haare richten, verlagerte sein Gewicht nach hinten und schleuderte ohne Warnung seine rechte Faust an Stellas Kopf vorbei in das Gesicht des Tätowierten. Es klang, als hätte jemand einen schweren Stein in nasses Gras fallen lassen.

Der Soldat ließ Stella los, fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf auf den Boden. Er blieb dort liegen.

Sofort drehte sich ein halbes Dutzend Soldaten in Noahs Richtung, er war schon auf dem Weg zur Tür. Er rannte nicht, er ging schnell, aber ohne Hast. Ein Landser stellte sich ihm in den Weg, Noah ging auf ihn zu, und als der Mann nach ihm schlug, machte er eine kaum sichtbare Bewegung mit dem Oberkörper, dass die Faust seine Haare streifte. Er ging weiter.

Als Noah die Tür zur Straße erreichte, drehte er sich um und schaute in meine Richtung. Wir sahen uns in die Augen. Ich würde mich immer daran erinnern. Heute denke ich noch manchmal daran, wenn ich Kraft brauche. Dann denke ich an Noah und seine grauen Augen.

Als einer der Soldaten auf ihn zusprang, schlug Noah ihn mit einem ansatzlosen linken Haken zu Boden. Der Soldat sackte auf die Knie vor ihm und verharrte so.

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Noah ging grußlos. Soldaten rannten ihm hinterher. Ich wusste, er würde es schaffen.

Stella griff nach meiner Hand.

"Wer war das?", fragte sie.

"Wieso hast du dich so anfassen lassen?", fragte ich. "Du bist meine Frau, Stella, niemand außer mir darf dich anfassen."

Sie legte beide Hände in meinen Nacken. Sie war betrunken.

"Wieso hast du das gemacht?", fragte ich.

"Wieso? Wieso? Darf ich nicht mal ein bisschen leben? Wer war das?"

"Das war Noah", sagte ich.

Ich zog Stella an der Hand aus der Kneipe. Ich fühlte mich wie ein Sieger, obwohl ich nichts gewonnen hatte.

Als wir über das Pflaster der Torstraße heim liefen, sagte Stella, ohne mich anzusehen:

"Noah? Ein Jude?"

"Ein Freund", sagte ich.


© 2019 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

Takis Würgers Roman basiert auf der realen Person Stella Goldschlag; sie verriet im Zweiten Weltkrieg Juden an die Gestapo. Hier lesen Sie mehr zum historischen Hintergrund.



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