Taschenbuch-Bestseller Der Mann, der zu viel wusste

Jahresrückblicke sind ihm ein Gräuel: Gerhard Wisnewski will aufdecken, was der Öffentlichkeit im Laufe eines Jahres an wichtigen Nachrichten vorenthalten wurde. Sein jüngstes Buch ist wieder ein Bestseller - und der höchste Aufsteiger in der Taschenbuch-Bestseller-Liste von SPIEGEL ONLINE.


Vielen Journalisten in Deutschland ist Gerhard Wisnewski ein Dorn im Auge: Er recherchiere nicht gründlich genug, verdrehe Fakten und Zitate seiner Interviewpartner und sehe hinter manchem Vorgängen von weltpolitischer Bedeutung ein Komplott von Regierungen. So werden seine Bücher über die RAF ("Das RAF-Phantom"), zum 11. September 2001 ("Mythos 9/11", "Operation 9/11") oder die Mondlandung der Amerikaner ("Lügen im Weltraum) zwar viel gelesen, doch immer wieder angefeindet.

Wisnewski-Bestseller: Unbequem sein als Prinzip

Wisnewski-Bestseller: Unbequem sein als Prinzip

Aber nicht nur als Buchautor, sondern auch als Filmemacher ist Wisnewski bekannt: Für ARD und ZDF hat er den Zuschauern erläutert, wie Privatdetektive arbeiten, wie Flugunfälle aufgeklärt und Katastrophenopfer identifiziert werden.

Auch in seinem jüngsten Buch hakt er beharrlich nach: Herkömmliche Jahresrückblicke sind seiner Meinung nach nur Augenwischerei; Wisnewski will aufdecken, was der Öffentlichkeit an Nachrichten im Laufe eines Jahres vorenthalten wurde. Denn vieles, meint er, verschwinde schon bald sang- und klanglos aus der Berichterstattung der Medien, was zuvor tagelang oder wochenlang als ganz große Nummer verkauft wurde.

So geht er in "Verheimlicht – vertuscht – vergessen. Was 2007 nicht in der Zeitung stand" dem Schicksal des 14-Jährigen Felix von Quistorp nach, der im Januar 2007 tot im Brunnen des Schlosses seines Großvaters gefunden wurde. Auch der Orkan Kyrill ist ein Thema: Der Januar 2007 zeichnete sich für Wisnewski weniger durch außergewöhnlich hohe Windgeschwindigkeiten als durch besonders viel heiße Luft aus.

Im Gegenzug sei der Prozess gegen das "Arbeitsmarkt-Genie" Peter Hartz heruntergespielt worden, die Verhandlung – Hartz wurde wegen Untreue in 44 Fällen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt – sei eine Farce gewesen. Auch auf den Vorschlag der früheren Bundesfamilienministerin Renate Schmidt, Eltern für jedes noch nicht volljährige Kind eine weitere Wählerstimme zu geben, macht sich Wisnewski einen Reim: Schmidt erhoffe sich damit eine höhere Wahlbeteiligung, wodurch die Parteien ihre Finanzierung wieder optimistischer betrachten könnten. So arbeitet Wisnewski Monat für Monat die großen und kleinen Meldungen des Jahres ab.

Seine flotte Schreibe pflegt der streitbare Journalist seit den achtziger Jahren, als er nach dem Abitur unter anderem für die "Bild Frankfurt" als freier Mitarbeiter textete. Er entschloss sich für ein Studium der Politikwissenschaft in München und war als fester Freier für die "AZ", die "Münchner Stadtzeitung" und den "Stern" tätig. Seit 1986 arbeitet Wisnewski als freier Journalist.

Obwohl im Jahr 2000 der TV-Film "Das Phantom" den Grimme-Preis erhielt – der Film basierte auf Wisnewskis Buch "Das RAF-Phantom" –, stand nicht lange nach dem 11. September 2001 auch die Welt des Journalisten auf dem Kopf: DER SPIEGEL bezichtigte ihn, im Buch "Operation 9/11. Angriff auf den Globus" (2003) und im Film "Aktenzeichen 11.9. ungelöst", ausgestrahlt im WDR, die Aussage eines Interviewpartners manipuliert zu haben. Der TV-Sender stellte daraufhin seine Zusammenarbeit ein, Wisnewski warf dem Nachrichtenmagazin Rufmord vor. Für ihn hat sich "das frühere Aushängeschild der Publizistik vor aller Augen zum Kasper eines Imperiums degradieren lassen – und mit ihm fast die gesamten deutschen Medien".

Wisnewski, der sich "den Idealen eines demokratischen und aufklärerischen Journalismus verpflichtet" sieht, wie er auf seiner Homepage formuliert, lässt sich nicht entmutigen: Er kündigt an, weiterhin unbeirrt unbequem sein zu wollen.

Helge Rehbein, Buchreport


Gerhard Wisnewski: "Verheimlicht – vertuscht – vergessen", Knaur, 6 Euro)



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