Taschenbuch-Bestseller Der Teufel wohnt in uns

Der Mann tickt präzise wie ein Schweizer Uhrwerk: Im Zwei-Jahres-Rhythmus legt Martin Suter psychologisch raffinierte Bestseller vor. "Der Teufel von Mailand" hat diese Woche seinen Pferdefuß auf Platz 15 der Bestsellerliste von SPIEGEL ONLINE gedrückt.


Martin Suter versteht etwas von dem Handwerk, Menschen professionell zum Lesen zu verführen: 1948 in Zürich geboren, verdiente er sein Geld bis 1991 als Werbetexter und Creative Director, bevor er sich ausschließlich aufs Schreiben verlegte.

Suter-Roman "Der Teufel von Mailand": Abgründe der menschlichen Seele

Suter-Roman "Der Teufel von Mailand": Abgründe der menschlichen Seele

Was ihn fesselt, ist die Veränderung seiner Protagonisten im Laufe einer Geschichte: "Mich fasziniert diese Veränderung, wenn sie nicht freiwillig ist. Die radikalste Art einer unfreiwilligen Persönlichkeitsveränderung ist die neurologische."

Und so macht auch in "Der Teufel von Mailand" die junge Physiotherapeutin Sonia, die in den Schweizer Bergen ihre gescheiterte Ehe vergessen will, eine Bewusstseinsveränderung durch. Statt Erholung zu finden, fühlt sie sich in den Ablauf einer alten Sage versetzt: Ein Baum verliert im Sommer seine Blätter, Leuchtstäbe glühen im Hotelpool, die Kirchenuhr spielt verrückt, Sonias Wellensittich Pavarotti treibt tot im Aquarium. Als sie einem geheimnisvollen Fremden begegnet, auf dessen staubbedeckten Wagen jemand "der Teufel von Mailand" geschrieben hat, packt sie schiere Todesangst.

Tiefe Abgründe der menschlichen Seele hat Suter schon in seinen anderen Romanen beleuchtet. In "Small World" leidet der Protagonist Konrad Lang an Alzheimer, in "Die dunkle Seite des Mondes" unternimmt der Wirtschaftsanwalt Urs Blank Trips ins Reich der Halluzination und in "Ein perfekter Freund" wacht ein Journalist mit einer posttraumatischen Amnesie auf.

An das Thema Identitätskrisen tastete sich Suter langsam heran: Nach seinem Ausstieg aus der Werbebranche schrieb er jede Woche die Kolumne "Business Class", zunächst in der "Weltwoche", dann im "Magazin" des Zürcher "Tages-Anzeigers". Zusammenstellungen dieser Texte sind in mehreren Büchern erschienen. Oft geben diese "Geschichten aus der Welt des Managements" den Blick frei in die Kampfzonen der höheren Führungsetagen: Mit beißender Schärfe und zugleich menschelnder Milde beschreibt Suter Führungskräfte, die sich meist weniger durch Sachkompetenz auszeichnen, als durch den Willen, die Karriereleiter emporzukriechen.

Suter selbst hat sich aus dieser Welt endgültig verabschiedet. Mit seiner Frau lebt er auf Ibiza und auf einer alten Kaffeeplantage in Guatemala: Dort blickt er beim Schreiben auf einen tropischen Garten, erntet eigenen Kaffee, Kardamon und Ingwer. Auf Ibiza sieht der Deutschschweizer das Meer als Silberstreif am Horizont. "Auf Ibiza koche ich das, was der Garten hergibt", erzählt Suter. "Eine Herausforderung, denn man muss sich der Tomatenschwemme, der Bohnenschwemme, der Salatschwemme, der Auberginenschwemme stellen, ohne dass es langweilig wird."

Wenn Suter nicht damit beschäftigt ist, seine Frau - eine Architektin - zu bekochen, schreibt er. Dann rackert er nach eigener Auskunft wie zu seinen Zeiten als Büroangestellter – mit dem Unterschied, dass er sich auch am Wochenende in die Arbeit kniet. Und eigentlich weiß er, dass er stattdessen mal wieder nach seinen Feigen, Trauben, Mandeln, Oliven, Orangen und Zitronen sehen sollte, denn an beiden Orten herrscht "ein etwas anderer Umgang mit der Zeit".

Helge Rehbein, Buchreport


Martin Suter: "Der Teufel von Mailand", Diogenes, 9,90 Euro



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