Taschenbuch Bestseller DJ Wladimir bittet zum Tanz

Berlin verdankt Wladimir Kaminer die legendäre "Russendisko", bald will der umtriebige Schriftsteller sogar Bürgermeister der Hauptstadt werden. In dieser Woche ist sein jüngstes Buch "Ich bin kein Berliner" höchster Neueinsteiger bei SPIEGEL ONLINE.


Völlig abgebrannt kam Wladimir Kaminer 1990 aus der damaligen Sowjetunion nach Ostberlin. Vor wenigen Monaten hat er in der "Bild" angekündigt, 2011 an der Spree für das Amt des Regierenden Bürgermeisters kandidieren zu wollen. Die Berliner, seine potentiellen Wähler, kennt er genau: "Alle Klischees stimmen. Sie meckern gern, sie verstehen keinen Spaß, sie sind streitlustiger als im Rheinland. Aber ich streite gern mit ihnen."

Kaminer-Berlinführer: Alle Wege führen in die "Russendisko"

Kaminer-Berlinführer: Alle Wege führen in die "Russendisko"

In inzwischen elf Büchern hat der 40-Jährige mit dem Blick des russischen Emigranten und mit eigensinnigem Humor alltägliche und absonderliche Begebenheiten in Berlin beschrieben. In seinem "Reiseführer für faule Touristen", wie sein neues Buch im Untertitel heißt, rückt er erstmals die Stadt in allen ihren Facetten und nicht ihre Menschen in den Mittelpunkt. Von einer kurzen Einführung in die Berliner Historie über Geschichten zu Sehenswürdigkeiten am Wegesrand oder das Verhalten japanischer Touristen, bringt Kaminer auf gewohnt witzig-charmante Art dem Leser seine Wahlheimat näher. Dabei dürfen auch praktische Hinweise nicht fehlen: Kleine Spazierrouten, dank derer man auf den Spuren von Wladimir Kaminer durch die Stadt schlendern kann, werden durch Adressen origineller Restaurants, Geschäfte, Bars und anderer Attraktionen ergänzt.

"Russendisko" auf japanisch

Kaminer kennt sich aus in Berlin, seit 17 Jahren lebt er in der Stadt. Als 22-Jähriger hatte er sich entschlossen, mit 96 Rubel in der Tasche in die ostdeutsche Metropole auszuwandern, die eben erst ihren Titel "Hauptstadt der DDR" abgelegt hatte. Anfangs wohnte er mit Vietnamesen und anderen Emigranten in einem Ausländerwohnheim in Berlin-Marzahn, später zog er in den Prenzlauer Berg. Seine erste Veröffentlichung "Wie die Russen Weihnachten feiern" erschien zum Heiligabend 1998 in der "taz". Seither veröffentlicht er regelmäßig Texte in Zeitungen und Zeitschriften. Deutschlandweit bekannt wurde er mit seinem Bestseller "Russendisko" nach der gleichnamigen Veranstaltung im Kaffee Burger, die er seit Anfang des Jahres 2000 organisiert – eine legendäre Institution im Berliner Nachtleben, die der osteuropäischen Musik zwischen Zigeuner-Punk, Balalaika-Rock’n’Roll und Klezmer-Ska gewidmet ist.

Übersetzt wurde "Russendisko" nicht nur ins Englische und Französische, sondern auch in viele osteuropäische Sprachen. Kaminer ist besonders stolz darauf, dass sein Debüt auch in Japan greifbar ist. Er erinnert sich an einen Abend in der Russendisko, als er seinem späteren Japanisch-Übersetzer begegnete: "Er freute sich ungeheuerlich. Er glaubte wahrscheinlich gar nicht, dass ich diese Tanzveranstaltung hier noch selbst mache. Er verbeugte sich immer und sagte: "Ah, Herr Kaminer, ich glaube es einfach nicht, Herr Kaminer, darf ich die Ehre besitzen, Ihr Buch ins Japanische zu übersetzen." Ich dachte zuerst, das wäre irgend so ein Verrückter. Aber das war jemand von einem normalen japanischen Verlag." Eines ist sicher: Dank Kaminers aktuellem "Reiseführer für faule Touristen" dürften nun auch weniger beflissene Ortsfremde den Weg auf die legendäre Party finden.

Helge Rehbein, Buchreport


Wladimir Kaminer: "Ich bin kein Berliner". Goldmann, 8,95 Euro



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