Taschenbuch-Bestseller Döner als Romantik-Killer

Rotzig-frecher Berlinroman: Im Herbst 2006 gelang der Kabarettistin und Sängerin Martina Brandl mit "Halbnackte Bauarbeiter" der Durchbruch als Autorin. Das Taschenbuch hat sich in dieser Woche von Platz 24 auf 19 verbessert.


Ute Nehrbach ist 38 Jahre alt und immer noch Single. Obwohl ihr in ihrer Berliner Zweier-WG die Decke auf den Kopf zu fallen droht, kaut sie lieber Döner vor dem Fernseher als vor die Tür zu gehen. Doch dann begegnet sie einem gut aussehenden Mann, der sich für sie interessiert, den sie aber eiskalt vor die Wand laufen lässt: Mit der Döner-Tüte in der Hand ist ihr ein Flirt mit Mr. Right unangenehm.

Brandl-Buchcover: Berliner Schnauze, schwäbischer Charme

Brandl-Buchcover: Berliner Schnauze, schwäbischer Charme

Wieder auf dem heimischen Sofa, möchte sie sich am liebsten eine reinhauen. Und sie beschließt sich auf die Suche nach dem Mann zu machen, der kein Auge für Douglas-Tüten über der Schulter junger Frauen zu haben scheint, dafür aber wohl etwas Wahres im Leitspruch türkischer Imbiss-Buden Berlins zu sehen glaubt: "Nur Döner machen schöner."

Seit 1997 ist Brandl, gelernte fremdsprachliche Wirtschaftskorrespondentin aus dem baden-württembergischen Geislingen, mit ihren Musik-Comedy-Programmen in ganz Deutschland unterwegs. Sie tritt im Fernsehen auf ("Quatsch Comedy Club", "7 Tage, 7 Köpfe"), moderiert regelmäßig in den Quatsch Comedy Clubs in Berlin und Hamburg, ist im Varieté genauso zu Hause wie auf der Lese-Bühne und spricht fürs Radio die Kanzlerinnen-Soap "Mad Merkel – Die Queen von Berlin". Mehr als 500 Folgen sind seit 2005 bei lokalen Radiosendern gelaufen.

Die Arbeit an den Lachmuskeln der Menschen zwischen Ahlbeck und Zuffenhausen macht Brandt, die mit der Tradition der schwäbisch-allemannischen Fasnacht aufgewachsen und später nach Berlin gezogen ist, nach eigener Auskunft mächtigen Spaß. Gerne präsentiert die "Göttin aus Geislingen" Berliner Schnauze gepaart mit schwäbischem Charme, serviert in verständlichem Hochdeutsch.

In Geislingen ist alles besser

Besonders reizvoll findet sie, wenn sie zusätzlich auf der Bühne Teenie-Gitarren-Pop, HipHop, Minnesang, Schlager, Funk, Minimal-Music, Pop-Ballade und Musical so zum Einsatz bringen kann, dass dem Publikum die Ohren klingen: "Du kannst dich auch in der Popmusik nicht hinstellen und sagen: Ich mach jetzt auch so Scheißmusik wie Dieter Bohlen, und dann werde ich reich. So einfach ist es nicht. Dieter Bohlen liebt seine Scheißmusik, sonst könnte er sie nicht machen", verteidigt sie ihr Credo.

Anders als viele Schwaben, die es magisch nach Berlin zieht und die man am Berliner Hauptbahnhof nicht überhören kann – "Babba, nein, wir müsse’s S-Bähnle nehme" – hat Brandl in ihren Shows mit Vorliebe von der Servicewüste Großstadt erzählt und bereitwillig erklärt, warum in Geislingen alles besser ist. Sie kennt die Witze der Berliner, die sich über die "zujereistn Jeldschwabn" lustig machen: "Wie entstand der Grand Canyon?", fragt man sich abends im Kreis der Alteingesessenen. "Als ein Schwabe ein Pfennigstück verloren hatte." Es wird gemunkelt, Brandl habe sich angesichts der lauten, oft unausgeschlafenen Großstadt, in der "schaffe, schaffe" nur Kopfschütteln hervorruft, wieder in ihre baden-württembergische Heimat zurückgezogen.

Aus der Welt ist sie aber natürlich nicht. Ab August liefert sie den Fans ihres ersten Buches eine Zugabe, in der es um Neuanfänge geht: Der Roman "Glatte runde Dinger" erscheint zeitgleich mit dem betreffenden Hörbuch – natürlich in einer glatten runden Dose.

Helge Rehbein, buchreport


Martina Brandl: "Halbnackte Bauarbeiter“, Fischer Taschenbuch, 8,95 Euro



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