Taschenbuch-Bestseller Ein Streikbrecher verschwindet

Hölle statt gedämpfter Pudding: Val McDermids Krimi "Nacht unter Tag" wirft einen Blick zurück auf die Abgründe eines britischen Bergarbeiterstreiks - neu auf Platz 16 der Bestsellerliste.


Als die Schottin Val McDermid sechs Jahre alt war, nahm sie einer ihrer Großväter, die beide Bergleute waren, mal mit in die Grube. Das kleine Mädchen wusste nicht, wie ihm geschah: Während sich sein Magen ob der rasanten Fahrt in die dunkle Tiefe umdrehte, standen die erfahrenen Bergleute im Förderkorb mit regungslosen Mienen, die von den Helmlampen in ein eigenartiges Licht getaucht wurden.

Die kleine Val durfte damals sofort wieder den Schacht verlassen und eine Portion gedämpften Pudding mit englischer Sauce genießen, auf die Bergleute aber warteten "acht Stunden Hölle" (McDermid).

Die Grubenfahrt hat ihre ganze unsentimentale Sicht des Lebens in Bergarbeiterdörfern stark geprägt. Fast 50 Jahre nach dem Erlebnis hat die inzwischen als Krimiautorin erfolgreiche McDermid das Schicksal der schottischen Bergleute in ihr nach eigener Einschätzung persönlichstes Buch integriert.

In "Nacht unter Tag" stößt Detective Inspector Karen Pirie an ihre Grenzen. Im schottischen Ort Glenrothes wird Mike Prentice als vermisst gemeldet - nach über 20 Jahren. Zur Zeit des großen britischen Bergarbeiterstreiks 1984/85 war er einer der Streikbrecher, hatte dann Schottland verlassen, um in Nottingham den Unterhalt für seine Familie zu verdienen. Als hätte Pirie mit dem Fall des offenbar nie in England angekommenen Schotten nicht schon genug zu tun, landet auch noch ein Entführungsfall aus derselben Zeit auf ihrem Schreibtisch. Damals waren eine reiche Erbin und ihr Sohn gekidnappt worden. Die Frau kam bei der Lösegeldübergabe ums Leben, von dem Kind fehlt seither jede Spur.

Die heute 54-jährige Val McDermid war zu Beginn ihres Anglistikstudiums in Oxford die erste Studentin, die von einer staatlichen schottischen Schule kam. Nach der Uni-Zeit arbeitete sie als Journalistin, 1987 erschien ihr erster Kriminalroman. Seitdem hat sie weltweit über zehn Millionen Bücher verkauft.

Ingo Schiweck, buchreport

Buchtipp

Val McDermid:
Nacht unter Tag

Droemer Knaur; 539 Seiten; 9,95 Euro.

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insgesamt 1302 Beiträge
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Seite 1
BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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