Taschenbuch-Bestseller Herzschmerz mit Happy-End-Garantie

Mit "Bridget Jones" schuf Helen Fielding das Vorbild, zahllose Autorinnen strickten Herzschmerz-Geschichten hinterher. Eine der erfolgreichsten: Marian Keyes, deren Roman "Erdbeermond" von Partnerverlust und Familienglück erzählt.


Ende der 1990er Jahre drängte im Zuge der weltweiten Euphorie um Helen Fieldings Weltbestseller "Bridget Jones’ Diary" (deutsch: "Schokolade zum Frühstück") ein höchst erfolgreiches Genre auf den Buchmarkt: "Chick Lit", Literatur für chicks, also Hühner. Die Tiermetapher ist durchaus positiv gemeint: Das Federvieh steht für eine neue Form des aufgekratzten Selbstbewusstseins, irgendwo zwischen Prosecco zum Frühstück und Waschbrett zum Dessert.

Keyes-Cover: Leserinnen sind wild auf "Erdbeermund"

Keyes-Cover: Leserinnen sind wild auf "Erdbeermund"

Der Erfolg der frechen Frauenliteratur weckte bei Verlagen Begehrlichkeiten – und so wurde auch aus der eben noch alkoholabhängigen irischen Verwaltungsangestellten Marian Keyes ein Bestsellerstar: Monate vor der Einlieferung in eine Londoner Entzugsklinik hatte die 30-Jährige begonnen, Kurzgeschichten zu schreiben, die sie nach ihrer Entlassung an einen Verlag schickte.

Um sich einen Anstrich von Seriosität zu geben und ihre Chancen zu erhöhen, wies sie darauf hin, dass sie auch einen Roman in der Schublade hätte – was glatt gelogen war. Das Wunder geschah. Keyes wurde aufgefordert, den Roman einzusenden, und sie schrieb voller Panik die ersten vier Kapitel von "Watermelon" in einer Woche herunter. Mit ihrem Debüt (dt.: "Wassermelone") landete die junge Frau einen ansehnlichen Erfolg und wurde im Sog der "Bridget Jones"-Welle von großen englischen Publikumsverlagen herausgebracht.

Seit 1995 ist jeder Roman der Irin erfolgreicher als sein Vorgänger. "Erdbeermond", erschienen 2006, erzählt von Anna Walsh, die sich nach einem Autounfall von ihrer liebenswert-verrückten Familie aufpäppeln lässt. Erst allmählich begreift sie ihr Unglück: Ihr Partner ist bei dem Unfall ums Leben gekommen.

Lesestoff mit Happy-End-Garantie

Anna braucht lange, um in New York in ihr eigenes Leben zurückzufinden und erlebt einen tragikomischen Parforceritt durch die Verrücktheiten des Alltags. Und doch gelingt es Anna schließlich, nicht nur das Leben wiederzuentdecken, sondern sogar die Liebe.

In Deutschland ist Keyes spätestens seit "Sushi für Anfänger" (2001) ein Begriff: 18 Wochen erschien der Roman auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Mittlerweile reihen sich ein Dutzend ihrer Romane in den Buchhandlungen aneinander - natürlich alle mit Happy-End-Garantie. Entschiedenen Kritikern ihrer Bücher wie Doris Lessing, die Keyes & Co. "inhaltslose Schaumschlägerei" vorwerfen, hält sie vor: "Ich will unterhalten, alles andere hat sich diesem Anspruch unterzuordnen."

Doch nach einer Äthiopien-Reise, die sie 2002 mit einer Hilfsorganisation unternahm, setzte ein vorsichtiges Umdenken ein. In der Befürchtung, ihre Leser würden ihr ernsthaftere Geschichten nicht abnehmen, versucht die Bestseller-Autorin einen Trick. "Man muss die Leser mit leichtfüßigen Geschichten in den Bann ziehen, auf deren Grund sie dann einen ernsthaften Kern entdecken", beschreibt sie ihr Rezept.

Helge Rehbein, Buchreport


Marian Keyes: "Erdbeermond", Heyne, 8,95 Euro



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