Taschenbuch-Bestseller "Isch bin U-Bahn"

Passend zur Integrationsdebatte steigt ein etwas anderes Buch über Berliner Schulbildung auf Rang zehn in die Taschenbuch-Bestsellerliste ein. Stephan Serin verarbeitet in "Föhn mich nicht zu" seine teils haarsträubenden Erlebnisse als Junglehrer.


"Beurteilt bitte, ob Hitler die Macht ergriffen hat oder übertragen bekam." "Wasis beurteilen?" "Zu einer Frage eine begründete Meinung formulieren." "Ischhasse Hitler."

Dieser Dialog zwischen einem Lehrer und seinem Schüler stammt aus dem Buch "Föhn mich nicht zu", was ungefähr so viel bedeutet wie "Rede nicht so viel". Der Autor, Stephan Serin, hat Französisch und Politische Bildung auf Lehramt studiert und schildert Erlebnisse insbesondere mit sprachlich völlig überforderten Schülern aus seiner Referendariatszeit an einem Gymnasium in Berlin - etwas überzeichnet, wie es sich für ein Mitglied der Berliner Lesebühne Chaussee der Enthusiasten, einer Vereinigung von sechs Schriftstellern, gehört.

Ein Thilo Sarrazin hätte seine helle Freude an diesem Buch, wenn es zum Beispiel heißt: "Andere verlangten von ihren Schülern nicht einmal mehr, Deutsch zu sprechen, solange sie überhaupt irgendeine Sprache benutzten - auch wenn sie als Lehrer diese gar nicht verstanden. Es musste nur ein Schüler der Klasse mit derselben Muttersprache bezeugen, dass die Äußerung richtig war." Ja, an einem Berliner Gymnasium.

Selbst wenn er den Lesebühneneffekt abzieht, kommt der Leser von "Föhn mich nicht zu" aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Wo werden Jugendliche, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, landen, wenn sie Sachen sagen wie "Isch bin U-Bahn" (ungefähr: Ich bin in der U-Bahn)? Zudem entwickelt man eine bedauernde Bewunderung für die Junglehrer, die relativ unvorbereitet von der Universität kommen und dann an der Schulfront solche Erfahrungen machen, nicht selten 60 oder 70 Stunden in der Woche.

Ingo Schiweck, buchreport

Buchtipp

Stephan Serin:
Föhn mich nicht zu
Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer.

Rowohlt Taschenbuch Verlag; 256 Seiten; 9,95 Euro.

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insgesamt 1302 Beiträge
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Seite 1
BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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