Taschenbuch-Bestseller Prostitution statt Prekariat

Sonia Rossi, Pseudonym einer Ullstein-Autorin, räsoniert in der Ich-Form über ihr Leben als Studentin und Teilzeit-Hure. Ihr Rotlicht-Roman "Fucking Berlin" hat sich von Platz 45 auf Platz 6 der Bestseller-Liste geschoben.


Sonia stammt von der vor Sizilien gelegenen Vulkaninsel Stromboli. Alle fünf Minuten wird dieser steile Aschekegel über dem Meer von einer Eruption erschüttert. Ähnlich kräftig rumort es in der Romanfigur Sonia: Die 20-Jährige packt ihre Sachen und macht sich auf den Weg nach Berlin, der gelobten Stadt, die mit ihrem inoffiziellen Slogans "Arm, aber sexy" junge, lebenshungrige Leute aus der ganzen Welt anzieht.

Rossi-Cover: Wenig Zärtlichkeit, viel Trieb und noch mehr Gewalt

Rossi-Cover: Wenig Zärtlichkeit, viel Trieb und noch mehr Gewalt

Doch schon nach wenigen Wochen an der Spree – und Monate vor dem Beginn ihres ersehnten Mathematikstudiums – muss sie die Wahl treffen: Statt für arm entscheidet sie sich für sexy. Sie zieht mit einem polnischen Jungen zusammen, der als Stricher arbeitet, und heuert bald darauf in einer Firma an, die mit "leicht erotischer Internettätigkeit" wirbt. Zwischen Computer-Tastatur und Sofa eilt sie geschäftig hin und her, muss aber bald feststellen: "Chat war langweiliger als ein Bürojob."

Sonia steht der Sinn nach mehr Action – vor allem aber muss sie ein wenig Kleingeld heranschaffen, weil auch in Berlin das Leben kein Ponyhof ist. Obwohl sie sich mit ihrem polnischen Freund Ladja die Lebenshaltungskosten teilt, sagt sie sich also bald: "Mit normalen Jobs kommst du hier nicht weiter."

Sonia beginnt ein Doppelleben zwischen Hörsaal und Rotlichtmilieu und verheimlicht ihre exklusive Erwerbstätigkeit auch vor ihrem Freund. Die Stationen heißen Massagesalon "Extase" im Problem-Bezirk Neukölln, "Club One", ein schäbiges Bordell im heruntergekommenen Wedding, oder "FKK-Club" im herrschaftlichen Charlottenburg. Nach ein wenig Einarbeitungszeit unternimmt sie auch einschlägige "Dienstreisen" nach Freiburg und München.

Die an die Berliner Milieu-Zeichnungen Heinrich Zilles erinnernden Beschreibungen des Alltags der jungen Studentin berichten von Gleitcreme und Kartoffelsuppe, vom Zusammenhalt und heftigen Feindschaften, von wenig Zärtlichkeit, viel Trieb und noch mehr Gewalt. Wenn man mit Sonia den Puff betritt und der Modern-Talking-Hit "You’re my Heart, you’re my Soul" ins Ohr dringt, denkt man sich irgendwann, das junge Mädchen hätte nun aber wirklich mal einen anständigen Kerl verdient.

Und tatsächlich: Unverhofft begegnet Sonia ihrer großen Liebe. Milan heißt der junge Mann, mit dem sie sich über Romane wie "Herr Lehmann" oder die Bücher von Wladimir Kaminer unterhalten kann und mit dem sie nackt unter dem Sternenhimmel liegt, um dann über die Welt zu philosophieren und leidenschaftlich zu vögeln.

Nach insgesamt vier Jahren Arbeit in der Horizontalen wird Sonia schwanger, bringt ihr Kind zur Welt und wagt kurz vor dem Studienabschluss einen Neuanfang. Ihre erste Station riecht, genau genommen, leider auch noch ein wenig nach Prostitution: Sie macht ein schlecht bezahltes Praktikum.

Helge Rehbein, buchreport


Sonia Rossi: "Fucking Berlin", Ullstein, 8,95 Euro

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