Taschenbuch-Bestseller: Ratten im Körper

Beschneidung bei Mädchen ist Barbarei, und nicht etwa religiös zu begründen. Mit ihrem erschütternden Leidensbericht "Die Tränen der Töchter" nimmt die Senegalesin Khady den Kampf gegen dieses grausame Ritual auf.

Rund zwei Millionen Mädchen werden nach Unicef-Angaben jedes Jahr durch rituelle Beschneidung ihrer Geschlechtsorgane verstümmelt – täglich 6000 Mädchen. Mehr als 130 Millionen Frauen sind weltweit auf diese Weise körperlich und psychisch missbraucht worden. Vor allem in den Ländern der Sahelzone ist die Tradition, mit der das sexuelle Begehren der herangewachsenen Frauen erstickt werden soll, immer noch verbreitet. Nach einer Schätzung der Hilfsorganisation Terre des Femmes sind in Deutschland mindestens 24 000 Mädchen und Frauen aus zentralafrikanischen Familien beschnitten.

Khady-Cover: Plädoyer für den Bruch mit der grausamen Tradition

Khady-Cover: Plädoyer für den Bruch mit der grausamen Tradition

Khady schildert in ihrem Buch ihre eigene Beschneidung im Alter von sieben Jahren. Zusammen mit anderen Mädchen wurde sie an einen Ort gebracht, wo sie ohne hygienische Vorkehrungen und örtliche Betäubung das traditionelle "Ritual der Reinigung" über sich ergehen lassen musste. Sie beschreibt, dass die Verstümmelung nicht nur entsetzliche körperliche Schmerzen mit sich bringt – "als fiele eine Ratte über den Körper her" –, sondern auch lebenslange psychische Schäden hinterlässt. Der Eingriff, wird sie nicht müde zu betonen, sei außerdem keineswegs religiös begründet, sondern ziele darauf ab, die überkommenen Beziehungsmuster zwischen Männern und Frauen von Senegal bis Somalia zu verstetigen.

"Die Tränen der Töchter" zeigt den Lebensweg einer Frau, die mutig mit einer afrikanischen Tradition gebrochen hat. Auf Beschluss der Familie musste Khady mit 16 Jahren einen wesentlich älteren, in Frankreich arbeitenden Cousin heiraten. Die durch Unterdrückung, Gewalt und ständige Demütigungen geprägte Ehe wurde geschieden; anschließend wollte ihr Mann durchsetzen, dass sie weiterhin in der gemeinsamen Pariser Wohnung leben sollte – an der Seite einer zweiten Frau, gemäß der traditionell befürworteten Polygamie in ihrer senegalesischen Heimat. Mit dem unbändigen Wunsch, ein eigenes Leben aufzubauen, begann Khady zu studieren, zog ihre vier Kinder alleine groß und nahm in den achtziger Jahren öffentlich den Kampf gegen die Beschneidung auf. Heute ist sie als Präsidentin von EuroNet, europäisches Netzwerk gegen Genitalverstümmelung, international bekannt.

Als Khadys Buch im Herbst 2005 in Frankreich erschien, kletterte es bis auf den siebten Platz der Bestsellerlisten. Trotz der geschilderten Grausamkeiten lässt sich Khady nicht zu pauschalen Verurteilungen hinreißen: Erreichen will sie, "dass die Frauen nicht an ihren Töchtern, die bereits geboren sind oder noch geboren werden, diese Barbarei wiederholen lassen, unter der sie ihr Leben lang zu leiden haben."

Helge Rehbein, Buchreport


Khady: "Die Tränen der Töchter", Knaur, 7,95 Euro

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