Taschenbuch-Bestseller WG in Paris

Wenn vier Sonderlinge in eine Pariser WG ziehen, gibt das Stoff für einen ganzen Roman. Wenn diese Geschichten wie im Fall von Anna Gavaldas Roman "Zusammen ist man weniger allein" auch noch mit Anteilnahme erzählt werden, dann ist das bestsellerverdächtig.


Philibert ist zwar ein historisches Genie, doch wenn er mit Menschen spricht, gerät er ins Stottern. Camille, magersüchtig und künstlerisch begabt, arbeitet in einer Putzkolonne, und Franck schuftet als Koch in einem Feinschmeckerlokal. Er liebt Frauen, Motorräder und seine Großmutter Paulette, die auf gar keinen Fall ins Altersheim will.

Gavalda-Cover: Literarisches Engagement für ein neues Miteinander

Gavalda-Cover: Literarisches Engagement für ein neues Miteinander

Was als leichte Unterhaltung daherkommt, hat es in sich: Unter der Oberfläche des skurrilen Romans "Zusammen ist man weniger allein" über vier einsame Sonderlinge, die in einer WG in Paris zusammenziehen brodelt es. In Anna Gavaldas Buch geht es um Einsamkeit, Gewalt und Armut. Auffallend ist der außergewöhnlich zärtliche Blick der Autorin auf Menschen, der an den Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" erinnert. Dabei hat laut der Französin der pure Zufall die Auswahl ihrer Figuren bestimmt. "Ich mochte die Idee, dass einer den anderen aus Liebe bekocht. Essen hat eben nicht nur einen Brennwert, sondern auch eine poetische, moralische und philosophische Kraft", erzählt die 37-Jährige. Mit dem Buch wollte sie sich selbst eine Freude machen und hat sich deshalb Menschen maßgeschneidert, die sie gern als Freunde hätte. "Solche Freunde trifft man im ganzen Leben nicht, deshalb musste ich sie eben erfinden."

Wenn Leser ihr sagen, es sei großartig, wie sozial ihre Romanfiguren sich verhalten, ist sie verwundert: Sie findet das Verhalten nur natürlich. Der immer härtere Bandagen aufziehenden Ellbogengesellschaft will sie ganz bewusst Fürsorge, Anteilnahme und Solidarität entgegensetzen. Und Gavaldas Engagement für ein neues Miteinander trifft nach der Welle der Sex- und Geständnisliteratur, die seit der Jahrtausendwende in Frankreich populär war, einen Nerv: Von "Zusammen ist man weniger allein" wurden allein in Frankreich 550.000 Exemplare verkauft; in Deutschland blieb die Hardcover-Ausgabe des Hanser Verlags rund 50 Wochen auf der Bestsellerliste, das moderne Märchen ging mehr als 150.000-Mal über den Ladentisch. Übersetzungen liegen in mehr als 30 Sprachen vor.

Fachfrau fürs Verlassenwerden

Ihren Erfolg verdankt das französische Fräuleinwunder, das mit 13 Geschwistern auf dem Land aufgewachsen ist, ihrem literarischen Talent, der Mundpropaganda und den Buchhändlern, weniger den Medien. Dankbar ist Gavalda ihrem ersten Verleger, der den Kleinverlag "le dilletante" im 13. Pariser Arrondissement führt. Nach etlichen Absagen war er der einzige, der ihr nach der Lektüre ihrer Erzählungssammlung "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" Mut machte und sie unter Vertrag nahm. "Er ist ein guter Verleger", schwärmt Gavalda, "er hat Geld für mich investiert, ist Risiken eingegangen. Er hat gesagt: 'Wir machen das Buch, weil ich es liebe.'"

Nach dem überwältigenden Erfolg dieser 1999 erschienenen Erzählungssammlung, für die sie im Jahr 2000 den Grand Prix RTL-Lire erhielt, hängte die zweifache Mutter ihre Anstellung als Französischlehrerin in einer Privatschule an den Nagel. Doch der hell leuchtende Star der französischen Literaturszene, die Fachfrau fürs Verlassen und Verlassenwerden ist auch nach fünf Büchern auf dem Boden geblieben: Der einzige Luxus, den sich die Starautorin nach eigener Darstellung gönnt, sind zwei Apple-PCs und eine Gouverante, die ihr die Gardinen aufhängt.

Helge Rehbein, Buchreport


Anna Gavalda: "Zusammen ist man weniger allein", Fischer, 9,95 Euro



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