Romandebüt "Abzählen" Drogen im Pilzkorb

An der Front fallen die Männer, zu Hause schlagen sich die Mädchen allein durch: In ihrem preisgekrönten Debütroman "Abzählen" beschreibt die Georgierin Tamta Melaschwili, wie Teenager den Krieg erleben.

Die Autorin Tamta Melaschwili hat einen Kriegsroman geschrieben, der ohne Schusswechsel auskommt
Unionsverlag

Die Autorin Tamta Melaschwili hat einen Kriegsroman geschrieben, der ohne Schusswechsel auskommt

Von Carmen Eller


Mitten in der Schlucht liegt eine Leiche. Sie stinkt bereits, doch niemand begräbt sie. Als die Teenager Ninzo und Ketewan, genannt Zknapi, sie mit eigenen Augen sehen, verstehen sie, warum: Der Tote trägt die Uniform des Feindes. Es ist der Moment, in dem der Krieg den Mädchen in den Magen fährt. "Lass uns gehen, mir ist schon ganz schlecht", drängt Ninzo ihre Freundin. "Und was wird aus der Leiche?", fragt Zknapi.

"Abzählen" von Tamta Melaschwili ist ein Kriegsroman, der ohne Schusswechsel auskommt. Stattdessen erzählt die 1979 geborene Georgierin von Menschen jenseits der Front. "Konfliktzone. Mittwoch" - mit diesen Worten steigt sie ein in den Roman. Dann katapultiert sie die Leser in einen Kosmos aus Kindern und Krüppeln, alten Tanten und schwangeren Frauen. Erzählt wird aus der Sicht der 13-jährigen Zknapi. Heimlich beneidet sie ihre gleichaltrige Freundin Ninzo, weil diese schon einen stattlichen Busen hat.

Verlassene Häuser, verminte Wälder - die jungen Heldinnen streifen durch eine düstere Kulisse. Die Namen der Figuren sind georgisch, doch die Geschichte ist geografisch nicht verortet. Auf knapp hundert Seiten verdichtet Melaschwili das Leben in einer Konfliktregion, die es überall so geben könnte. Auch die zentrale Frage des Romans ist universal: Was macht der Krieg mit den Menschen, die zurückbleiben, wenn die Soldaten zu den Schlachtfeldern ziehen?

Spitzwegerich und tote Schmetterlinge

Mit "Abzählen" erregte die Autorin in ihrer Heimat Aufsehen. 2011 wurde das Buch als bester Debütroman mit dem Georgischen Literaturpreis Saba ausgezeichnet. Der Krieg aus der Sicht von Teenagern - allein das Thema ist ungewöhnlich in der georgischen Literatur. Noch bemerkenswerter aber ist der Stil der jungen Schriftstellerin, das Tempo ihres Textes, der fast ausschließlich aus wörtlicher Rede besteht. Die Dynamik der Dialoge, die Kürze der Kapitel und der schnodderige Jugendjargon machen "Abzählen" zu einem Werk der Atemlosigkeit.

In wenigen Worten konstruiert die Autorin den Alltag in einer Konfliktzone. Hier dürfen Mädchen nicht einfach nur Mädchen sein. Zknapi sucht verzweifelt Babynahrung für ihren Bruder, da die Mutter das Kind nicht mehr stillen kann. Ninzo pflegt ihre kranke Oma Lamara, die ständig weinen muss - selbst dann, wenn die Enkelin sie mit verrückten Verkleidungen überrascht.

So geben sich die Freundinnen gegenseitig Halt: Gemeinsam stechen sie Spitzwegerich für Oma Lamara, steigen in eine Apotheke ein und tanzen in verwaisten Häusern. Vor einem Kindergarten trösten sie einen kleinen Jungen mit Bonbons und besuchen den alten Alexi, der schlechte Augen hat und einen Tisch voll toter Schmetterlinge.

Bei Melaschwili liegen die Aufregung der Pubertät und die Schrecken des Krieges nah beieinander. Während Mütter um ihre gefallenen Söhne trauern, flirtet Ninzo mit Wachposten, und Zknapi probiert die ersten Zigaretten. Als sie ihre Regel bekommt, steckt sie sich auf der zerstörten Schultoilette einen Fetzen Gardine in die Hose. Einmal reicht ihr ein fremder Mann mit schmutzigen Fingernägeln einen Umschlag: "Nur nicht so ängstlich", erklärt er ihr, "ihr habt drei Tote im Dorf, das sind die Bescheinigungen." Heimlich öffnet Zknapi die Todesmeldungen von der Front. Materielle Not treibt die Freundinnen zu immer gefährlicheren Abenteuern, bis sie irgendwann Drogen in Pilzkörben schmuggeln.

Literatur im Physikheft

Konfliktzonen kennt die Autorin aus eigener Erfahrung - nicht zuletzt durch den Krieg zwischen Russland und Georgien im Jahr 2008. In ihrer Heimatstadt Ambrolauri konnte sie damals die Explosionen hören. Doch "Abzählen" ist keine Abrechnung mit dem russisch-georgischen Konflikt, sondern eine Geschichte über die Tragödie, die jeder Krieg auch für Teenager bedeutet. Bei Melaschwili gibt es weder Gute noch Böse - nur Menschen im Chaos.

"Ich glaube immer noch daran, dass Gewalt keine Nationalität kennt", schreibt die Autorin im Nachwort. Während Georgien von einer "Kriegssucht" befallen worden sei, habe sie selbst die "Schreibsucht" gepackt. Früher ermahnte die Mutter ihre Tochter, nicht so viele Kugelschreiber und Papiere zu vergeuden. Die Familie brauchte das Geld für Brot und Kartoffeln. Fortan kritzelte sie in die alten Schulhefte ihres Onkels - zwischen die Zeilen mit den physikalischen Formeln.

Ihren Debütroman schrieb Melaschwili "im Durchzug auf dem Boden liegend". Es war ein "schrecklich heißer Sommer", erinnert sich die Autorin, in der Wohnung gab es weder eine Klimaanlage noch fließend Wasser. Ihrer schriftstellerischen Arbeit hat dies offenbar nicht geschadet. Melaschwilis sprachliches Stakkato lässt bis zum Schluss keine Sentimentalität aufkommen. Als Tante Dodo vor den Teenagern zur Leiche in der Schlucht bemerkt: "Hätte ihn doch gleich der begraben, der ihn getötet hat", kontert Ninzo: "Lass uns gehn, ich kann das Gelaber nicht mehr hören."

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