Junge kämpft gegen Scheidung der Eltern Für die Liebe tut Teo fast alles

Was macht ein kleiner Junge, damit sich seine Eltern nicht trennen? Alles, was er kann. Wirklich alles. Die junge Italienerin Lorenza Gentile hat einen rührenden Roman geschrieben, der die großen Fragen stellt.

Autorin Gentile: Nur Napoleon kann das Liebesglück der Eltern retten
Francisco A. Soeiro/ DTV

Autorin Gentile: Nur Napoleon kann das Liebesglück der Eltern retten

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Er heißt Teo, er ist acht Jahre alt, und er will Napoleon treffen: den Mann, "der alle Schlachten gewann", wie es in seinem Lieblingsbuch heißt. Denn Teo muss auch in eine Schlacht ziehen: die Schlacht ums Liebesglück seiner Eltern. "Sie streiten nur noch", sagt er. "Und keiner der beiden gewinnt, denn gewinnen bedeutet Frieden schließen, und sie schließen niemals Frieden."

Es ist eine Kinderweisheit, so einfach wie wahr. Und mit kindlicher Logik stürzt Teo sich auch in seinen Schlachtplan: Da Napoleon seit dem 5. Mai 1821 tot ist, also im Jenseits lebt, muss Teo ins Jenseits reisen, um ihn zu treffen. Klare Sache. Fragt sich nur: Wo ist dieses Jenseits? Und wie kommt man da hin?

Sanft und ein bisschen seicht

Die italienische Autorin Lorenza Gentile, 26, hat einen philosophisch-poetischen Roman geschrieben, eine rührende Geschichte, sanft im Ton und auch ein bisschen seicht. Sie macht einen kleinen Jungen zum Ich-Erzähler und lässt ihn die großen Fragen stellen, ganz naiv und unbeschwert, aber umso hartnäckiger: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Falls ja: Dürfen manche ins Paradies, während andere in die Hölle müssen? Und wenn nur die guten Menschen ins Paradies kommen: Wer genau ist dann gut, und wer ist böse? Ist der Schüler gut, der die anderen Schüler nicht abschreiben lässt, weil Abschreiben verboten ist? Oder ist er böse? Komplizierte Fragen.

Noch komplizierter als solche theoretischen Probleme ist nur ein praktisches Problem: Wie kommt ein Achtjähriger, der höchst lebendig ist, zu Napoleon ins Jenseits? Nun, er muss sich umbringen. Teo klickt ins Internet, gibt "Selbstmord" in ein Suchfeld ein und stößt auf eine Liste der häufigsten Methoden. So richtig helfen sie ihm nicht weiter: Gift gibt es keins bei ihm zu Hause, mal abgesehen von Mamas Parfum. Die Pulsadern will er sich nicht aufschneiden, weil er kein Blut sehen kann. Und die Karotis aufschneiden kann er sich nicht, "weil ich nicht rauskriegen kann, was das ist, diese Karotis".

Auch ein elektrischer Schlag durch einen Griff in die Steckdose kommt nicht in Frage, denn "diese Methode ist meiner Meinung nach nur etwas für kleine Kinder. Die Löcher in der Steckdose sind winzig, und wenn man größer wird, passen die Finger nicht mehr rein". Es bleibt ein Sprung von der Schaukel, wenn sie ganz oben angekommen ist. Oder ein Sprung vor die U-Bahn.

Der Tod schreckt ihn nicht

Das alles mag sich hier makaber anhören, aber im Buch liest es sich nicht so: Teo ist bereit, jeden Preis zu zahlen, um die Ehe seiner Eltern zu retten. Der Tod schreckt ihn nicht, ein Leben ohne Liebe, ohne Halt, ohne Geborgenheit dafür umso mehr.

Man kann die Grundidee des Romans, also die Idee, ein Achtjähriger wolle Napoleon im Jenseits um Rat fragen, für reichlich versponnen halten, konstruiert, gaga. Man kann sie aber auch als fixe Idee lesen, wie sie Kinder manchmal haben. Nicht zuletzt Kinder, die gelernt haben, sich aus einer unschönen Realität wegzuträumen.

Der Autorin Lorenza Gentile, einer studierten Theaterwissenschaftlerin, gelingt es erstaunlich gut, sich in einen achtjährigen Jungen hineinzuversetzen und konsequent aus seiner Perspektive, mit seinem Wissen und in seiner Sprache zu erzählen. Schriftstellerei als Rollenspiel.

Dennoch stellt sich natürlich die Frage, wer einem leicht spinnerten, drolligen Achtjährigen stundenlang am Stück zuhören will. Anders formuliert: Für wen ist das Buch geschrieben? Für Erwachsene, trotz des manchmal arg schlichten Kinderbuch-Tons? Oder für Kinder, trotz des ernsten Themas und der ausführlich geschilderten Selbstmord-Methoden? Der Verlag sagt: sowohl als auch - und vermarktet den Roman auf seiner Internetseite als "modernes Märchen", das "für Menschen jeden Alters" geeignet sei.

Vielleicht stimmt das sogar. Vorausgesetzt, das Buch wird wirklich generationenübergreifend gelesen: von Eltern und ihren Kindern gemeinsam.

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Zum Autor
Maria Feck/ DER SPIEGEL
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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Seite 1
Scheidungskind 06.05.2015
1. ...
Hoffentlich schafft es Theo, die Ehe seiner Eltern zu retten. Ich kenne einige kleine Jungen und Mädchen, die nachts Albträume haben, weil sich wieder Eltern von anderen Kindergartenkindern getrennt haben.
biber01 06.05.2015
2. Scheidungskind
Leider wird ein Kind in der Situation fast immer umsonst kaempfen. Ausserdem ist ein Ende mit Schrecken allemal besser als Schrecken o. Ende.
Scheidungskind 06.05.2015
3. ...
Zitat von biber01Leider wird ein Kind in der Situation fast immer umsonst kaempfen. Ausserdem ist ein Ende mit Schrecken allemal besser als Schrecken o. Ende.
Dieser Allgemeinplatz mag für die Eltern gelten. Für die Kinder ist es genau umgekehrt. Sie tragen die Last der elterlichen Scheidung, deren volle Wucht und Tragweite sie besonders grausam oft erst Jahrzehnte später auf ihrer Suche nach Liebe, Bindung und Intimität trifft. Ihre instiktive Angst vor Verlust und Vertrauensbruch läßt viele von ihnen selbst noch im 4. Lebensjahrzehnt vor engen Beziehungen zurückschrecken und an sich selber verzweifeln. Wenn die Eltern wüssten, was sie ihren. Kindern antun, würden sich viele wohl zusammenreißen.
Rainer Helmbrecht 07.05.2015
4.
Ich bin "Scheidungskind" von vor fast 70 Jahren und kann mich immernoch sehr deutlich an meine Gedanken von damals erinnern. Meine Eltern haben sich sehr zivilisiert verhalten, ich habe keinen Streit meiner Eltern erlebt. Nur die Vorstellung des neuen "Onkels" der plötzlich die Rolle des Familienoberhaupts übernommen hat, hatt mir gereicht. Das schlimmste war für mich, dass man mich für dämlich gehalten hat, denn immerhin war ich schon 12 Jahre alt. Ich möchte nicht davon sprechen, dass man sich nicht scheiden lassen soll, aber man sollte sich überlegen, wieviel Vertrauen ein Kind verliert. Meist für immer.
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