Terrorismus-Roman "Hier sind Drachen" Pingpong mit Wittgenstein

Eine Frau sitzt nach den Pariser Anschlägen am Flughafen fest: Die Autorin Husch Josten erzählt den großen Schrecken über den Einzelmoment - und erreicht dabei eine bezwingende philosophische Tiefe.

Paris nach den Terroranschlägen
AFP

Paris nach den Terroranschlägen


Gibt es den Zufall? Gibt es Schutz vor Terrorismus? Können wir die kennen, die wir lieben? Das fragt sich Husch Josten in ihrem Roman "Hier sind Drachen" und schafft ein beeindruckendes Spiel um Sein und Schein. Es ist ein Buch, das auf allerengstem Raum existenzielle Fragen thematisiert, die Wirklichkeit aufspießt, analysiert und hinterfragt.

Bereits in ihrem Geschichtenband "Fragen Sie nach Fritz" von 2013 versammelte Josten, die in den Neunzigern als Lokaljournalistin arbeitete, zu Geschichten gedehnte Momente, in denen jähe Einschnitte zu nicht für möglich gehaltenen Umschwüngen in den Leben ihrer Figuren führen. Josten verstand es darin, mit ihren Beschreibungen unter die raue oder allzu plane Oberfläche zu kriechen, um mit ihren schlackenlosen Sätzen das darunter Verborgene oder Versteckte ans Licht zu holen.

Genau das gelingt ihr auch in ihrem neuen Buch, das die Geschichte der deutschen Journalistin Caren erzählt, die am 14. November 2015, dem Morgen nach den Pariser Anschlägen, von London aus in die französische Hauptstadt aufbrechen will, um für ihre Zeitung die Lage vor Ort zu beschreiben.

"Fang mal ein bisschen die Stimmung ein, erzähl, wie sich Paris gerade anfühlt", lautet ihr Auftrag. Doch jetzt sitzt sie am Flughafen fest. Heathrow gleicht in diesen Stunden einer Festung, weil ein anonymer Anrufer gedroht hat, eine Maschine in die Luft zu jagen. Sie ist gefangen im Transit. Und in sich selbst. In London hängt sie in einer Dreiecksgeschichte mit einem Ben und seiner Freundin Adelle fest - während ihr Herz aktuell für den französischen Fotojournalisten Julien schlägt. Nichts ist in Carens Leben am richtigen Platz. Auch nicht sie selbst.

Autorin Husch Josten
Sandra Then

Autorin Husch Josten

"Du lebst für deine Arbeit" heißt es einmal über sie, die seit Jahren im Politik-Ressort des Londoner "Independent" über Terroranschläge berichtet. "Du willst den ständigen Nervenkitzel - hier ein Anschlag, da eine Katastrophe." Und sie glaubt: "Die einzige menschliche Selbsterfahrung führt über Geschichten: Bewusstseinsebenen, die für sich gültig sind. Aber was für mich das Wichtigste ist: Nur vom Ende her gewinnt die Erzählung ihren Sinn." Sie träumt von jener besonderen, noch nicht erzählten Geschichte, die eine "Geschichte von noch nie zuvor wahrgenommenen Wahrnehmungen sein" müsste.

Die Suche nach dem Sinn

Befeuert wird ihre Fragestellung durch die Bekanntschaft mit einem Unbekannten, der neben ihr im von Sicherheitskräften abgeriegelten Flughafen-Terminal 2 sitzt - und in Wittgensteins "Tractatus Logico-Philosophicus" liest.

"Und wie und wo suchen Sie Ihre Geschichte?" fragt er sie, der, wie er bekennt, seinerseits eine Reihe von Essays "zur Wahrscheinlichkeit und Berechenbarkeit von Anschlägen" verfasst hat. Eine Frage, die Husch Josten zum Anlass nimmt, um über die viel größere Frage "Brauchen Menschen Geschichten" nachzudenken. "Es sind so viele längst erzählte Geschichten unter allen Geschichten. Und sie zerrütten unsere Gedanken. Viele davon - ausdrücklich nicht alle - aber doch viele sind unsinnig, dennoch ersonnen. Die Journalisten arbeiten sich ab am Hass und daran, wie Hasser sich aus ihrem Hass freischießen und freibomben, um am Ende nicht frei, sondern tot zu sein und damit möglicherweise frei, aber wer weiß und fragt schon, wovon eigentlich?"

So ergeht Caren sich, während sie darauf wartet, dass sich die Gefahrenlage entspannt und der Paris-Flug Grünes Licht erhält, in einem faszinierenden intellektuellen Pingpong mit "Wittgenstein", wie sie ihren Gesprächspartner für sich im Stillen nennt.

"Die unerzählte Geschichte wäre folglich eine über ein Ereignis, das wir bis zu diesem Zeitpunkt nicht in unser Leben lassen wollten" spekuliert sie. Und dann bekommt die Reporterin tatsächlich ihre "noch nicht erzählte Geschichte": die einer fatalen Überschneidung zweier unabhängig voneinander verlaufender Ereignisse.

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Husch Josten:
Hier sind Drachen

Berlin Verlag; 160 Seiten; 16 Euro

Bei dem anonymen Anrufer handelt es sich zwar um Ben, der mit seiner Drohung offenbar verhindern wollte, dass Caren Julien wiedersieht. Doch als wenig später eine gewaltige Detonation das Gebäude erschüttert und dabei Menschen ihr Leben verlieren, ist Ben schon nicht mehr im Spiel.

"Hier sind Drachen" ist vor allem ein Roman über die Frage nach dem Sinn und den Möglichkeiten des Erzählens - und die Kraft und die Bedeutung von Geschichten. In seinen besten Momenten erreicht der Text dabei eine bezwingende philosophische Tiefe, indem er von der finsteren Macht der Gewalt erzählt, die der Macht der Sprache am Ende leider überlegen ist.

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