Zum Tod von Terry Pratchett Das Universum ist ein großer Witz

Die Scheibenwelt-Romane machten Terry Pratchett weltberühmt. Mit seinem humoristischen Universum machte er Fantasy massentauglich. Jetzt ist er mit 66 Jahren an den Folgen von Alzheimer gestorben.

Von


Terry Pratchett ahnte nicht nur, dass der Tod ihn holt. Der Schriftsteller wusste sogar, wie er aussieht.

Tod ist ein knochiger Junggeselle, hat blaue Augen und wohnt zusammen mit seinem Butler Albert in einem viktorianischen Anwesen namens "Mon Repos". Er mag Katzen und Curry. Außerdem ist er Mitglied der vier apokalyptischen Reiter (ursprünglich waren es fünf, doch Kaos verließ die Gruppe, bevor diese berühmt wurde, und arbeitet heute unter dem Namen Ronnie Soak als Milchmann). Sein Motto lautet: "Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt nur mich."

Dieser personifizierte Tod entstammt natürlich Pratchetts Feder. Er ist eine der beliebtesten Figuren in dessen Scheibenwelt-Serie - neben Rincewind, dem unfähigen Zauberer, Feucht von Lipwig, dem öligen Trickbetrüger oder der herrischen Hexe Wetterwachs.

In über 40 Romanen hat Pratchett sein Fantasy-Universum beschrieben - jene auf den Schultern von vier gigantischen Elefanten ruhende Weltenscheibe. Die Dickhäuter stehen auf dem Panzer der kosmischen Schildkröte Groß-A'Tuin, welche auf immerdar durchs All paddelt.

Barbar mit Hämorrhoiden

Gegen Umfang und Detailreichtum von Pratchetts Epos nimmt sich Mittelerde wie eine zweitklassige Serviettenskizze aus. Hinzu kommt, dass Pratchett überreichlich mit etwas gesegnet war, das J.R.R. Tolkien abging: Humor.

Vielen Menschen gilt Fantasy als unlesbares Genre, wegen des bierernsten Heroismus und der meist holzschnittartigen, manichäischen Plots. Pratchett jedoch hat es geschafft, diese Literaturgattung zu entlüften, indem er sie nach Strich und Faden verhohnepipelte. In seiner Magierschule, der Unsichtbaren Universität, sitzen schlimmere Bürokraten als im Germanistik-Prüfungsausschuss der Gesamthochschule Duisburg-Essen, weswegen zum Zaubern leider keine Zeit bleibt; der sagenumwobene Barbarenkrieger Cohen ist bei Pratchett tattrig und hat keine Zähne mehr, dafür aber Hämorrhoiden.

Dieser allgegenwärtige Witz erklärt Pratchetts Erfolg nur teilweise. Seine Werke wären kaum die meistgeklauten Bücher Großbritanniens (statistisch erwiesen!), böten sie lediglich ein bis drei Schmunzler pro Seite. Ebenso wichtig ist, dass Scheibenwelt-Romane stets eine zweite, ernsthafte Ebene besitzen. Es geht, satirisch verpackt, um die großen Themen: Religion und Rassismus, Gott und Gier - sowie die Frage, wo die verdammte Riesenschildkröte eigentlich mit uns hinpaddelt.

Wenn etwa der Gauner Feucht von Lipwig in "Making Money" Chef der Zentralbank von Ankh-Morpork wird und versucht, den Goldstandard durch Papiergeld zu ersetzen, dann ist das auch ein Kommentar zur Finanzkrise. Es dürfte ferner die einzige im Multiversum existierende Abhandlung zur neukeynesianischen Geldtheorie sein, die brüllend komisch ist.

Er schrieb noch, als er es fast nicht mehr vermochte

Man kann Pratchett mit Douglas Adams vergleichen, dem Erfinder der humoristischen Science-Fiction ("Per Anhalter durch die Galaxis"). Beide waren sich einig, dass das Universum ein ziemlich großer Witz ist. Allerdings war der 1948 im britischen Beaconsfield geborene Pratchett deutlich produktiver; während man Douglas die "Anhalter"-Romane mit vorgehaltener Laserpistole abpressen musste, flossen Pratchett die Sätze wie von selbst aus den Fingern (oder wo auch immer er sie hernahm).

Lange hatte er als Pressesprecher des Central Electricity Generating Board gearbeitet. Wegen des humoristisch begrenzten Potenzials dieser Tätigkeit sattelte Pratchett 1987 auf Vollzeitautor um. Seitdem veröffentlichte er im Schnitt zwei Bücher pro Jahr. Das Gros spielt auf der Scheibenwelt, aber er schrieb auch andere, zuletzt den hochgelobten Historienroman "Dodger".

"Die wahrhaft menschliche Qualität", hat Pratchett einmal gesagt, "besteht nicht aus Intelligenz, sondern aus Fantasie." Wenn er nicht gerade auf einer der zahlreichen Scheibenwelt-Conventions Bücher signierte, schrieb er, oft bis nach Mitternacht. Wie enorm seine Schöpferkraft war, zeigten die letzten Jahre: Pratchett litt an einer früh einsetzenden Form von Alzheimer. Obwohl er zuletzt nicht mehr tippen konnte, stellte er noch ein halbes Dutzend Romane fertig.

Ein Leben ohne "Das Licht der Fantasie" konnte Pratchett sich nicht vorstellen. Kurz nach seiner Diagnose beschloss er deshalb, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, bevor sein Ideenreichtum erlosch. Britische Zeitungen berichten jedoch, dass er das dann doch nicht tat, sondern zu Hause verstarb.

Selbst wenn man so viel über den "Dieb der Jahre" geschrieben hat wie Terence David John Pratchett, gehört unvorstellbar viel Mut dazu, dem Sensenmann in die (vermutlich blauen) Augen zu blicken. Der 2008 zum Ritter geschlagene Pratchett besaß diesen Mut. Auf seinem Wappen stand nicht ohne Grund "Noli temere messorem": Fürchte den Schnitter nicht.

Auf der Scheibenwelt, so sagt man, holt der Tod gewöhnliche Sterbliche nicht persönlich; nur mächtigen Magiern und großen Königen erweist er diese Ehre. Terry Pratchett war beides: Erzmagier des Humors und Hochkönig der Fantasie.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DDM_Reaper20 12.03.2015
1. Danke für viele mit Lachtränen gewürzte Stunden!
Terry Pratchett, einer der ganz Großen. Ein Mann, der so manches Eisen anfasste und mit großartigem Humor schmiedete -- bis einem das Lachen im Halse stecken blieb. Möge er dort weilen, wo sein Humor gewürdigt wird.
Kapuz 12.03.2015
2. Ich verneige mich in Trauer
Ein großartiger Autor, m.E. der beste meiner Zeit, ist gegangen. Ein großer Verlust für seine Fans und ein größerer für seine Lieben. Für alle die sein Werk nicht kennen, fangt bloß nicht mit den Farben der Magie an. Wachen Wachen, ruhig Blut und Hohle Köpfe sind mir die liebsten.
Alastor2718 12.03.2015
3. Und wieder geht ein Held meiner Jugend
Ich bin zutiefst betroffen. Eine solch große Gabe findet sich selten. Alles Gute, Terry.
geschwafelablehner 12.03.2015
4. RIP Terry
Einer der besten Schriftsteller aller Zeiten ist tot. Ich werde seinen Ideenreichtum vermissen.
AliceAyres 12.03.2015
5.
Das ist wirklich sehr, sehr traurig. Da bleibt einem nur ein Zitat aus „Good Omens“: “DON'T THINK OF IT AS DYING, said Death. JUST THINK OF IT AS LEAVING EARLY TO AVOID THE RUSH.”
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.