Kriminalroman "The Girl Before" Die nackte Wahrheit

Billige Miete für ein edles Hightech-Haus: In Zeiten knappen Wohnraums unwiderstehlich. Allerdings steckt in JP Delaneys Roman der Teufel im Detail des Mietvertrags. Bald versaut Blut die teuren Fauteuils.

Smart Home (Symbolbild)
imago/ ZUMA Press

Smart Home (Symbolbild)


Ein Smart Home, das zum Horror House wird - JP Delaneys Roman "The Girl Before" hätte vieles sein können: eine Auseinandersetzung mit dem Thema, wie unser Umfeld unser Sein beeinflusst etwa, oder ein Update klassischer Gruselgeschichten. Mehr als ein glattpolierter Thriller mit eingebauter Bestseller-Garantie ist leider nicht daraus geworden.

Das hat viel damit zu tun, dass das Interessanteste an dieser Geschichte ein Haus ist. Folgate Street Nummer 1, irgendwo in Central London gelegen, ist ein sogenanntes Architektenhaus: Kompromisslos minimalistisch, elegant, aber auch ein bisschen abweisend, wie ein Gebäude von Peter Zumthor, dazu mit allem State-of-the-Art-Schnickschnack ausgestattet, von automatisierter Licht- und Heizungssteuerung bis zur App-Bedienung.

Dass dieser Wohntraum für einen Spottpreis vermietet wird, sollte potenzielle Bewohner eigentlich skeptisch machen - tut es aber nicht. Und so ziehen in einem Abstand von ein paar Jahren zwei junge Frauen hier ein: Emma und Jane. Die beiden erzählen ihre Geschichten in kurzen knackigen Kapiteln parallel: Emma wird in diesem Haus sterben, Jane in größte Gefahr geraten. Und beide werden zuvor eine Affäre mit dem Architekten gehabt haben.

Die Bibel für Egoisten und Gutmenschenhasser

Dieser Edward Monkford hat zwei Vorbilder: Howard Roark, der Architekt und Übermensch aus Ayn Rands Roman "Der ewige Quell", der Bibel für Egoisten und Gutmenschenhasser. Und Christian Grey, den BDSM-Freak aus dem Softsex-Hit "Fifty Shades of Grey". Darüber hinaus ist Monkford ein absoluter Kontrollfreak: Ungefähr 200 Dos und Dont's müssen seine Mieter beachten, der Vertrag wäre ein gefundenes Fressen für jeden Mieterverein.

So dürfen weder eigene Lampen angebracht, noch Sofakissen mitgebracht werden. Rauchen ist ebenso verboten wie Haustiere, und IKEA-Möbel sind selbstverständlich ein absolutes No-go. Eine Klausel steht allerdings nicht im Vertrag, und das ist die entscheidende: Die Mieterin muss aussehen wie Monkfords frühere Ehefrau Elizabeth, die während der Bauarbeiten an Folgate Street 1 bei einem Unfall starb. Denn auch das ist dieses Haus: ein Mausoleum.

Und sein Erbauer ein zwanghafter Charakter, der wieder und wieder dieselben Muster reproduziert. Aber ist er auch ein Mörder? Eigentlich unwahrscheinlich, allein, weil es schwer vorstellbar ist, dass er in seinem eigenen Haus eine derartige Schweinerei anrichten könnte. Wäre schlecht fürs Feng-Shui.

Die Ausgangssituation ist originell und vielversprechend, und es ist bezeichnend, dass JP Delaney 15 Jahre lang nicht wusste, was er damit anfangen soll. So richtig vermag nicht zu überzeugen, was ihm schließlich eingefallen ist. Zu vorhersehbar nehmen die Geschichten der Frauen ihren Lauf, und dazu gehört auch, dass sich die Ich-Erzählerinnen als ziemlich unglaubwürdig entpuppen. Spätestens seitdem zwei andere "Girls" Welterfolge feierten, Gillian Flynns "Gone Girl" und "Girl on the Train" von Paula Hawkins, gehört die unzuverlässige Erzählerin zu den Gold-Standards des internationalen Thrillers, und "Girl" wird so oft in Buchtiteln verwendet wie in den Siebzigerjahren "Django" im Kino.

Das Wort "Girl" steht bei Krimi-Titeln derzeit hoch im Kurs
S. Fischer Verlag/ Blanvalet

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Doch hat sich dieser Wow!-Effekt inzwischen ziemlich abgenutzt. Delaney gelingt es darüber hinaus nicht, wirkliches Interesse an seinen Charakteren zu wecken, wie so viele aktuelle Thrillerautoren opfert er sie auf dem Altar des Plots. Sie bleiben austauschbare Abziehfiguren, mit allerlei Eigenschaften ausgestattet, aber letztlich ohne Tiefe.

"The Girl Before" kann als Musterbeispiel für barrierefreie Literatur dienen, ein Roman, so poliert, so frei von Ecken und Kanten und Eigenheiten, dass man ihn überall auf der Welt sofort versteht. Der Schriftsteller Tim Parks fand dafür in seiner Essay-Sammlung "Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen" den treffenden Ausdruck "Der neue langweilige globale Roman", und meint damit Autoren mit der "Tendenz, alles aus dem Weg zu räumen, was verhindern könnte, international verstanden zu werden".

Hinter dem Pseudonym JP Delaney verbirgt sich ein Londoner Werbeprofi. Sein Job ist es also, Menschen das immer gleiche als neu zu verkaufen. Mit "The Girl Before" hat er ihn perfekt erledigt. Der Roman wurde auf Anhieb in mehrere Dutzend Länder verkauft, war wochenlang in den Top Ten der "New York Times"-Bestellerliste. Und eine Hollywood-Verfilmung ist natürlich auch schon in Vorbereitung.

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JP Delaney:
The Girl Before

Sie war wie du. Und jetzt ist sie tot

Aus dem Englischen von Karin Dufner

Penguin Verlag; 400 Seiten; 13 Euro

Des Themas Wohnwelten und Gewalt hat sich vor bereits mehr als vier Jahrzehnten J.G. Ballard ungleich subtiler angenommen. Seine Brutalismus-Dystopie "High Rise" ist dank des Diaphanes Verlags seit vergangenem Jahr wieder in deutscher Übersetzung verfügbar und sei nachdrücklich jedem empfohlen, der mehr erwartet als generische Geschichten, die mit billigen Effekten auf Hochspannung getrimmt werden.

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