"The Leftovers"-Vorlage "Die Verlassenen" Ein Rätsel, so groß wie der Tod

Zwei Prozent der Weltbevölkerung verschwinden und niemand weiß warum: Tom Perrotta hat die Romanvorlage zur gefeierten TV-Serie "The Leftovers" verfasst. Was nach effekthascherischer Fantasy klingt, ist ein großer Roman über Trauer.

Von Maren Keller

HBO

In jenem Moment, als Jen Sussman einfach verschwindet, sitzt ihre Freundin Jill auf dem Sofa neben ihr und schaut auf den Bildschirm des Computers. Dann schaut sie auf. Und Jen ist weg. Nicht auf der Toilette. Nicht in der Küche. Nirgendwo sonst. Wirklich weg. Genauso wie viele andere beste Freundinnen, Mütter, Väter, Töchter, Nachbarn, Lehrer, Barkeeper und Söhne in diesem Moment verschwinden. Zwei Prozent der Weltbevölkerung insgesamt, die nichts miteinander gemeinsam haben.

Die rätselhafte Katastrophe wird von den schockierten Zurückgebliebenen bald der "plötzliche Fortgang" genannt und bildet den fantastischen Kern der gefeierten HBO-Serie "The Leftovers". Ab Freitag wird sie beim Fernsehsender Sky in Deutschland zu sehen sein. Die Vorlage dazu hat Tom Perrotta mit dem Roman "Die Verlassenen" geliefert.

Was in jenem Moment passiert ist? Wie das möglich war? Ob sich eine christliche Prophezeiung erfüllt hat? Ob Aliens damit zu tun hatten? Sich schwarze Löcher aufgetan haben? Nun, das gleich vorweg: Wir werden es aus dem Roman ebenso wenig erfahren wie aus der Serie, sofern es nicht eines Tages eine sehr überraschende Fortsetzung geben sollte.

Damon Lindelof, der bereits für die Serie "Lost" verantwortlich war und nun "The Leftovers" produziert hat, sagte einmal in einem Interview, wenn das der Grund sei, weswegen man die Serie schaue, sollte man sie lieber gar nicht schauen. Und das gleiche gilt natürlich auch für den Roman. Das klingt zuerst nach einem großen Ärgernis, einem nicht-eingelösten Versprechen, denn natürlich möchte man wissen, was nun eigentlich passiert ist. Ebenso dringend wollen es die Zurückgebliebenen wissen, weswegen sie sich seltsamen Sekten anschließen und noch seltsamere Theorien entwickeln.

Zwischen selbstzerstörerischen Partys und Weihnachten

Doch das ist das eigentliche Wunder dieses Romans: Was seine größte Schwäche hätte sein können, ist tatsächlich seine größte Stärke. Denn genauso wie die Zurückgebliebenen lernen müssen, das Unerklärliche als solches hinzunehmen, geht es auch dem Leser. Und dann, nach zwei Kapiteln oder auch drei, vergisst man sich wirklich zu fragen, wohin Jen und die anderen gegangen sind, und beginnt sich stattdessen zu fragen, ob die Witwe Nora wirklich schon wieder bereit ist, auf diese Tanzveranstaltung zu gehen, wie der Bürgermeister sein Weihnachtsfest feiern sollte, warum Jill immer wieder mit ihrer neuen Freundin Aimee zu diesen selbstzerstörerischen Partys geht. Oder allgemeiner gesagt: wie man eigentlich weiterleben kann mit so einem Verlust.

Perrotta erzählt seine Geschichte in dichten Szenen und aus wechselnden Perspektiven entlang einer Familie. Dem Bürgermeister Kevin, der sich zurück in den Alltag rettet und lieber mit seinen Freunden in den Pub geht als zur Therapie. Seiner Frau dagegen erscheint jeder Alltag auf einmal komplett sinnlos. Sie schließt sich einer Sekte an, dem "schuldigen Rest", der nie spricht, immer raucht, nur weiß trägt und die Bewohner der beschaulichen Vorstadt durch seine anklagende Anwesenheit daran hindern will, so weiterzuleben als sei nichts geschehen. Ihr Sohn flüchtet zu einem Guru mit einer Fähigkeit zu schmerzlindernden Umarmungen und einer Vorliebe für minderjährige Asiatinnen. Und ihre Tochter rasiert sich in einem Britney-Spears-haften Verzweiflungsakt die Haare ab.

Eigentlich also hat Perrotta keinen effekthascherischen Fantasy-Roman geschrieben, sondern einen großen Roman über die Trauer. Der plötzliche Fortgang funktioniert dabei lediglich als der Moment, der verhindert, die Fassungslosigkeit mit Floskeln abzutun. Kein "das ist der Lauf des Lebens", kein "das ist doch etwas ganz Natürliches", kein "er war doch schon alt". Das Verschwinden all dieser Menschen ist tatsächlich so unbegreiflich und plötzlich und unerklärlich wie sich jeder Todesfall für die Hinterbliebenen immer anfühlen wird.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
SRV1 22.10.2014
1. Frechheit
Ich empfinde es zum wiederholten Mal als bodenlose Frechheit, dass SPON mir dieses Sereinereignis durch tiefgreifgende Spoiler vermiest. Ich habe mich an gleicher Stelle schon bei dem Film Gone Girl geärgert. Obwohl ich die Artikel mittlerweile meist meide, hatte hier schon die Fußzeile gereicht, dass ich den Film in Erwartung eines bereits von SPON angekündigten zentralen Wendepunkt in der Story besucht und geguckt hatte.
aha47 22.10.2014
2. Schade
Schade! Die Serie hörte sich zunächst interessant an, aber nun kann ich mir die Zeit wohl sparen. Danke für die Warnung!
sok1950 22.10.2014
3. wieviel zahlt der Bezahlsender
für diesen PR-Text?
Shelly 22.10.2014
4. Was wollen die Leser/TV-Seher eigentlich?
Der Kern des Buches bzw. der Serie liegt darin, dass die Betroffenen den Grund des Verschwindens nicht wissen. Wie soll sich jemand in die Serie bzw. das Buch hineinfühlen, wenn er im Gegensatz dazu den Grund wüßte? Wer das nicht kann, soll sich auf Bücher und Sendungen konzentrieren, die aus der Sicht des allwissenden Erzählers geschrieben sind, da muss man dann nicht so viel denken und sich vielleicht auch nicht selbst hinterfragen, wie man reagieren würde. Es gibt in der Schriftsteller- und Filmemacherei eben verschiedene Stilmittel u.a. eins, das den Leser/Seher auf demselben Wissensstand lässt, wie die darstellenden Personen, um ihnen die Geschichte näher zu bringen.
citycity 22.10.2014
5.
Das Gute an der Serie ist ja gerade, dass man viel Mistery und Übernatürliches erwartet aber dann nach einer Weile merkt "Okay, darum geht es gar nicht". Die Prämisse steht einfach im Raum, interessant ist, wie sich die Welt dadurch verändert und was daraus resultiert.
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