US-Analyse "Arme Milliardäre" Wie Barack Obama die Rechte stark macht

"Michael Moore für denkende Menschen": Mit polemischer Schärfe versucht der Historiker Thomas Frank in seinem neuen Buch "Arme Milliardäre" zu erklären, warum ein Gutteil des US-Wahlvolks gegen ureigene Interessen stimmt, analysiert dabei Obamas Fehler - und nimmt Romneys Vize ins Visier.

Vizepräsidentschaftskandidat Ryan, Mitt Romney: Vordenker der neuen Rechten
REUTERS

Vizepräsidentschaftskandidat Ryan, Mitt Romney: Vordenker der neuen Rechten

Von Oskar Piegsa


Seltsame Dinge passieren in Amerika: Da implodiert ein überdrehter Finanzmarkt und reißt Kredite und Ersparnisse mit sich ins Nichts - doch der Volkszorn trifft nicht die Banker, sondern den Staat, der eingreift, um Schlimmeres zu verhindern. Da droht Millionen von unversicherten Bürgern mit jeder schweren Krankheit auch die Armut und Verelendung - doch Politiker, die daran etwas ändern wollen, werden Freiheitsfeinde genannt. Da siegt ein Schwarzer bei den Präsidentschaftswahlen - doch seine Gegner bezeichnen ihn als Nazi.

Und während hierzulande selbst Liberale an der Unfehlbarkeit des Marktes zu zweifeln beginnen, scheint der amerikanische Glaube an Laisser-faire und Deregulierung ungebrochen, auch wenn ein paar hundert Leute aus Protest darüber zu Dauercampern geworden sind. Wie konnte das passieren?

Diese Frage versucht das Buch "Arme Milliardäre!" von Thomas Frank zu beantworten. Bekannt wurde der Historiker, als er 2005 in dem Buch "Was ist mit Kansas los?" untersuchte, wie der amerikanische Bundesstaat in kaum hundert Jahren von einer Bastion der bäuerlichen Linken zur Hochburg von George W. Bush werden konnte. Die Kultur habe die Wirtschaft als Wahlmotivation einkommensschwacher Amerikaner ersetzt, so in etwa Franks These. Das Feindbild des "kleinen Mannes" sei heute nicht mehr der raffgierige Kapitalist, sondern der linksliberale Eierkopf. Denn der wolle nicht nur den Reichen ihr Geld nehmen, sondern auch den Armen ihren Gott, ihre Waffen und ihren Spaß.

Drei Fehler der Demokraten

Kein Wunder, dass sich Arm und Reich gegen die Linken verbünden. Nicht zuletzt wegen solcher Analysen steht Thomas Frank im Ruf, ein "Michael Moore für denkende Menschen" zu sein, wie ihn die "New York Times" nannte. Frank ist ein Empörter, doch seine Untersuchungen sind lesenswert. Er ist ein Polemiker, aber kein Propagandist.

In "Arme Milliardäre!" widmet sich Thomas Frank nach dem seltsamen Erfolg des George W. Bush nun dem noch seltsameren Erfolg der Tea-Party-Bewegung, den er vor allem in Versäumnissen der Demokraten begründet sieht. Barack Obamas erster Fehler als neugewählter Präsident war demnach, einzelne Großbanken und Konzerne vor dem Ruin zu bewahren. So habe er den Verdacht genährt, "Big Business" und "Big Government" steckten unter einer Decke.

Der zweite Fehler war, dass Obama für seine Gesundheitsreform die Ärztelobby, Pharma- und Versicherungsfirmen an den Tisch holte. Statt eine staatliche Versicherungsagentur zu gründen, die mit privaten Anbietern konkurriert, beschloss Obama nur eine allgemeine Versicherungspflicht. Die gefühlten Gewinner, so Frank, seien die Versicherungsfirmen, denen die Staatsgewalt neue Kunden in die Arme treibt - und so einmal mehr als Freund der Konzerne und Feind des "kleinen Mannes" erscheint.

Ungeahnte Aktualität

Der dritte und größte Fehler war schließlich, dass die Demokraten keine eigene Ideologie formulierten, um auf die Kritik ihrer Gegner zu antworten. Während das Volk nach kategorischen Ansagen dürstete, verrannten sich die Demokraten in Details und wirkten wie Technokraten. Klüger wäre es demnach gewesen, die Interessen des "kleinen Mannes" gegen jene der Lobbyisten auszuspielen, Großbanken zu zerschlagen, die Regulierung des Finanzmarktes zu verschärfen und zugleich die von George W. Bush beschnittenen Bürgerrechte wiederherzustellen: Friede den Hütten, Krieg den Villen der Vorstandsvorsitzenden!

Leider leidet Franks analytische Schärfe unter seiner Polemik. Das beginnt schon da, wo er seinen politischen Gegner auszumachen versucht. Immer wieder schreibt er von der "Neuen Rechten". Mal meint Frank damit die Tea-Party-Bewegung, mal mehr als das. Doch was genau? Schließlich ist "Neue Rechte" ein Begriff, der jedes Jahrzehnt aufs Neue in Position gebracht wird - und zunehmend an Präzision verliert. In den Nachkriegsjahren nannte man konservative Jungintellektuelle so, später bezeichnete man geläuterte Linke ganz ähnlich als "Neokonservative", und dass es in Frankreich und Deutschland ebenfalls eigene "Neue Rechte" gibt, macht es nicht weniger verwirrend.

Die über Jahrzehnte gewachsene außerparlamentarische Infrastruktur aus konservativen Denkfabriken und Stiftungen wird von Frank erwähnt, die Parteiführung der Republikaner ebenso, doch wer hier wem nützt oder schadet, bleibt im Detail oft unklar. Zwar darf man von einem Buch mit rund 200 Seiten und einem sarkastischen Titel wohl keine präzisen Analysen erwarten. Doch auch Franks Gewissheit, dass die Demokraten durch eine linkspopulistische Politik die amerikanische Entsolidarisierung aufhalten und durch eine resolute Rhetorik die konservative Desinformation übertönen können, scheint fraglich.

Um zu verstehen, was Europäern an den USA oft rätselhaft bleibt, ist "Arme Milliardäre" dennoch hilfreich. Zu ungeahnter Aktualität verhilft dem Buch, dass Thomas Frank als Vordenker der "Neuen Rechten" neben dem (inzwischen abgesetzten) Fernsehmoderator Glenn Beck und der (längst verstorbenen) Schriftstellerin Ayn Rand auch den Politiker Paul Ryan ausmacht. Der verfasste vor einigen Jahren ein Manifest gegen die Verflechtungen von Regierung und Großkonzernen.

Heute hält das Paul Ryan jedoch nicht davon ab, die Spenden der Konzerne anzunehmen, um als Vize von Mitt Romney für die Regierung zu kandidieren.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Rainald Goetz "Johann Holtrop", Emmanuel Carrères "Limonow", Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes", Richard Fords "Kanada", Michael Frayns "Willkommen auf Skios" und Juli Zehs "Nullzeit".

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insgesamt 5 Beiträge
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inqui 06.09.2012
1. Obama
Zitat von sysopREUTERS"Michael Moore für denkende Menschen": Mit polemischer Schärfe versucht der Historiker Thomas Frank in seinem neuen Buch "Arme Milliardäre" zu erklären, warum ein Gutteil des US-Wahlvolks gegen ureigene Interessen stimmt, analysiert dabei Obamas Fehler - und nimmt Romneys Vize ins Visier. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,854010,00.html
ist das beste Beispiel dass ein amerikanischer Päsident zu machtlos ist seine Überzeugungen durchzubringen.
gerd.lt 06.09.2012
2. Gutmensch
Trotz alldem bleibt Obama ein Gutmensch, aber wie die meisten Vertreter dieser Spezies ist er völlig machtlos. In den USA kommt erschwerend hinzu, dass dringend erforderliche Reformen (Gesundheitsbereich) von einer breiten Schicht auch der Betroffenen abgelehnt werden - in Europa bis auf die Gruppe der Neoliberalen in der breiten Schicht unserer Bevölkerung nicht vorstellbar. Kaum steuerzahlende Millionäre propagieren für Steuererleichterungen und werden umjubelt. Die Infrastruktur liegt am Boden - was zählt ist noch mehr Geld für die, die eh schon genug haben. Andere sind dazu da bei den Kriegen ihre Gesundheit zu ruinieren oder gar zu sterben. In meiner Jugend sah ich in den USA mal ein Vorbild - heute bereitet mir dieses Amerika nur Unwohlsein und Unverständnis. Ich hoffe auf ein starkes und einiges Europa für unsere kommenden Generationen.
TomRohwer 07.09.2012
3.
Die große Mehrheit der US-Amerikaner hat ein klar anderes Freiheitsverständnis als die große Mehrheit der Europäer. (Insbesondere der im "alten Europa".) Die meisten US-Amerikaner halten den Staat nicht für die Lösung, sondern potentiell eher für das Problem, bzw. die Ursache des Problems. "Don't vote - it just encourages the bastards" ist nicht zufällig ein beliebter und weitverbreiteter Spruch. Und vor allem reagiert die große Mehrheit der US-Amerikaner - anders als die Deutschen z.B. - auf wirtschaftlichen Erfolg ihrer Mitmenschen nicht mit Neid und Umverteilungsforderungen, sondern mit Anerkennung und dem Traum, es ihnen gleichtun zu können. Das führt dann natürlich auch zu einem anderen persönlichen Verhältnis zu der Idee von hohen Spitzensteuersätzen. ;-)
sniffydog1 07.09.2012
4. Die Amis ticken einfach anders....
Wir Deutschen sollten uns mit Urteilen ueber andere Nationen zwar zurueckhalten,denn vieles laesst sich mit unserem Staatsverstaendnis(bei mangeldem Nationalstolz)bei den Amis nicht erklären.Es scheint eine Nation im Niedergang und ob sie es schafft sich aufzurappeln darf fast bezweifelt werden.
albert schulz 07.09.2012
5. Die Beschreibung hat was
Historiker und polemische Schärfe ist ein Widerspruch in sich. Die ganze Beschreibung paßt aber exakt auf einen Phantasten, der im Grunde ein unbedarfter Wirrkopf ist, aber bei Gelegenheit schon mal einen richtigen Gedanken entwickelt, allerdings aus Prinzip nie konsequent, und vor allem nie ansatzweise in ein schlüssiges System einordnet. Das Ganze klingt nach einem fast deutschen Idealisten oder Schmierfinken, kein großer Unterschied. Die Medien mögen diese Konfusionsapostel, die Bürger eher nicht, weil sie die Verwirrung nicht überhand nehmen lassen wollen. Einer der treffenden Einfälle: Wirklich gute Linke sind die besten Helfer der Macht, viel besser als die Konservativen, und das war im alten Rom schon so. Sie hießen Volkstribunen. Das Volk liebte sie, und man konnte mit ihrer Hilfe schön absahnen. Egal ob Napoleon oder FJS. SPD und Grüne nutzen die Methodik exakt gleich. Man kommt der Macht entgegen, und schon gibt es Zugeständnisse, und einige tausend neue Jobs. Ist in den USA sicher wie hier, aber dort besser zu beobachten, weil es kraß zu Tage tritt. Den wirklich perfekten Burschen in dem Job erwähne ich lieber nicht. Der kam aus südlichen Gefilden her. Der hat mit links die Reichen sehr viel reicher gemacht. Auch die amerikanischen oder gerade die. Ein kluger Junge. Die Grünen haben die Methodik begriffen. Dabei ist es unsagbar einfach. Man dient den Mächtigen und das lohnt. Wie im Mittelalter, keinen deut anders. Alles andere ist entbehrliche Gehirnakrobatik.
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