Hermann Hesses gescheiterte Ehe Auf dem Berg die Weltflucht, daheim die emanzipierte Frau 

Szenen einer Ehe zwischen ländlicher Familienidylle und künstlerischem Eigensinn: Thomas Lang erforscht im Roman "Immer nach Hause" die Eigenheiten des jungen Vaters Hermann Hesse.

Romanheld Hermann Hesse
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Romanheld Hermann Hesse

Von Stephan Lohr


Mit einer Auflage von mehr als 100 Millionen Büchern zählt Hermann Hesse(1877-1962) bis heute zu den meistgelesenen Schriftstellern. Seine zivilisationskritischen Texte fanden ihr Publikum nicht allein im deutschsprachigen Raum, sondern auch in den Sechzigerjahren in den USA, in Japan und China.

Das umfangreiche, in alle wichtigen Sprachen übersetzte Werk des Autors von "Peter Camenzind", "Der Steppenwolf" und "Das Glasperlenspiel" polarisiert. Gehörte Marcel Reich-Ranicki zu den Verächtern des 1946 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Werkes, bekennt sich Udo Lindenberg als Fan Hesses und seiner Bücher.

Nun widmet sich Thomas Lang, Bachmannpreisträger des Jahres 2005, in seinem fünftem Roman "Immer nach Hause" den jungen Jahren des Schriftstellers. Das verrät Mut zum Risiko bei dem 49-Jährigen.

Sind Hesses Bücher nicht hundertfach interpretiert, sein Leben zwischen Calw und Montagnola in etlichen Biografien dokumentiert? Und haben nicht die Hesse-Leser alle schon Bilder dieser hageren Gestalt gesehen, die sehschwachen Augen hinter der runden Nickelbrille, wie sie später auch John Lennon trug?

Autor Thomas Lang
Peter von Felbert

Autor Thomas Lang

Thomas Lang hat klug jenen Lebensabschnitt des Literatur-Weltstars gewählt, der meist nur knappe Erwähnung findet und vernachlässigt wird: Hesses Ehe mit der Baseler Fotografin Mia Bertoulli im ersten eigenen Hausstand in Gaienhofen am Bodensee in den Jahren 1904-1912. Dabei waren diese Jahre trotz geringen literarischen Ertrags für die künstlerische Selbstfindung vielleicht die wichtigsten. Das vermag das Buch eindrucksvoll zu belegen.

Dazu wagt sich Lang auf einen schmalen Grat, indem er seinen Roman dokufiktional anlegt. Er nimmt historische Fakten zum Ausgangspunkt, Daten, Orte und Personen wie etwa den Architekten des von Hesse 1907 in Auftrag gegebenen Hauses oder die Geburten der Söhne Bruno (1905), Heiner (1909) und Martin (1911).

Langs literarisches Interesse gilt allerdings dem Innen-, ja Seelenleben der Hesses, den Zwiespältigkeiten dieses Paares. Mia Bernoulli, neun Jahre älter als Hesse, war als erste Schweizer Berufsfotografin mit eigenem Atelier in Basel eine emanzipierte Frau, die wohl die Strapazen des Landlebens in einer primitiven Bauernhauswohnung ohne Strom und fließend Wasser unterschätzt hatte und auf die Empfindlichkeiten und Eigenheiten ihres Mannes mit starken Rückenbeschwerden reagierte, den ersten psychosomatischen Signalen ihrer späteren Gemütskrankheit.

Hermann Hesse schwankt zwischen der erotischen Anziehung seiner Frau und der Abgeschiedenheit in der Dichterklause. Immer wieder flieht er, etwa zu einer nächtlichen Ruderpartie auf den See, um ein als missraten empfundenes Manuskript des Romans "Gertrud" zu verbrennen und die Asche im Schilf zu verstreuen. Allein die vergessenen Streichhölzer retten zwar das Manuskript, verhindern aber auch das Rauchen der Zigarre in der einsamen Seenacht.

Unlust vor der Rückkehr nach Gaienhofen

Immer wieder lässt er seine Frau allein zurück, sei es, um in München seinen Verleger zu besuchen und Großstadtluft zu atmen, sei es, um seinen nervösen Magen im Tessin wochenlang auszukurieren. Unzufrieden mit einem konventionellen Kurhotel in Locarno und angelockt durch eine Annonce, die mit vegetarischer Küche, Luft- und Sonnenbädern wirbt, kommt Hesse auf den legendären Monte Verita oberhalb Asconas.

Während Mia Hesse in Gaienhofen ein schreiendes Kleinkind herumträgt, und mit dem Architekten streitet, der das Haus oberhalb des Dorfes bauen soll, findet Hermann Gefallen an der Atmosphäre des Bergs der Wahrheit, seiner Betreiber und Besucher. Geradezu schwelgerisch beschreibt Lang diese Weltflucht-Szenerie und Hesses Faszination für den als Eremiten lebenden Gustav Gräser.

Je näher Hesse auf dem Rückweg nach Hause kommt, so beschreibt es Lang, desto mehr befällt ihn die Unlust. Gaienhofen schon in Sichtweite, gönnt er sich noch einen Tag am Schweizer Ufer und vergnügt sich bei einer nächtlichen erotischen Ruderpartie mit der schönen Cousine des Steckborner Apothekers.

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Obwohl das großzügige Haus mit Annehmlichkeiten wie Strom und Wasser ab 1908 die Enge und Einfachheit der dörflichen Wohnung ablöst und dem Ehepaar 1909 und 1911 zwei weitere Söhne geboren werden, nehmen Streit und Entfremdung zu. Zumal sich, kaum, dass Martin geboren ist, Hesse erneut für Monate auf Reisen begibt, diesmal nach Indien. Mia reagiert mit schwersten Depressionen.

Das Experiment Gaienhofen ist gescheitert, Hesses ziehen nach Bern, wo Mia mehrfach in psychiatrischen Anstalten behandelt wird. 1918 beschließen sie die Trennung, 1923 kommt es zur Scheidung.

Reizte Hesse die Reformpädagogik?

Die Neurosen und Depressionen dieser Beziehung lassen die Lektüre des Romans kaum vergnüglich geraten, nur zweimal wird auf den 380 Seiten gelacht: In der herzlichen Begegnung zwischen Mia und ihrer jüngeren Schwester und bei Hesses Turtelei mit der Apotheker-Cousine.

Thomas Lang hat ein einfühlsames Buch geschrieben, eröffnet und beschlossen mit authentischen Briefzitaten aus Hesses Nachlass, überlassen vom renommierten Hesse-Herausgeber Volker Michels und der Hesse-Enkelin Sibylle Siegenthaler-Hesse.

Einen Einwand indes habe ich: Lang unterschlägt bei allen Details aus und über Gaienhofen, dass es dort seit 1904 auch das erste deutsche Landerziehungsheim für Mädchen gab, ein Internat nach der Konzeption des Reformpädagogen Hermann Lietz.

War dieser Sachverhalt nicht vielleicht sogar ein Motiv für Hesses, nach Gaienhofen zu gehen, zumal Hesse ja mit "Unterm Rad" 1903 einen radikal schulkritischen Roman geschrieben hatte und die Lietzschen Reformideen kannte? Das hätte Thomas Lang, der sich ja in der Kulturgeschichte des ersten Jahrzehnts im 20. Jahrhundert offensichtlich bestens auskennt, mindestens literarisch vermuten dürfen.

Die im Roman beschriebenen Häuser kann man jedenfalls besichtigen, im Dorf ist aus der Wohnung ein Museum geworden und die heutigen Besitzer des Hauses am Erlenloh bieten ihrerseits Führungen durch die Räume an, in denen Hesses dann bis 1912 gewohnt haben.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
nauseam 04.08.2016
1. Kann ich verstehen
Ich würde wohl auch in die Berge gehen, wenn ich zuhause so einen Besen hätte. Ist Hesse jetzt eigentlich der böse Patriarch oder der emanzipierte Mann, der sich nicht alles gefallen lässt?
gantenbein3 04.08.2016
2. Es muss das Herz
bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andere, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne der uns beschützt und der uns hilft zu leben. So schön gedacht. Und doch so unendlich schwer.
spon-453-7coi 04.08.2016
3. Liebes SPON,
danke für den Hinweis, dass Udo Lindenberg ein bekennender Fan von Hesse ist. Auf diesen ultimativen Qualitätsnachweis hatte ich noch gewartet, um mich mal wieder Demian, Siddhartha, Steppenwolf etc. widmen zu können.
Thinkkkkk! 04.08.2016
4. Lindenberg
Ich schließe mich meinem Vorredner an: Reich-Ranicki war bestimmt kein makelloser Literaturkritiker. Ihn in einem Satz mit einem albernen Künstler zu nennen und sich dabei auf Hesse zu beziehen, deutet wohl von einer feucht fröhlichen Begegnung mit Lindenberg, die bis zur Erstellung des SPON Artikels noch nicht ganz verarbeitet ist. Bitte mehr Professionalität SPON
f-rust 04.08.2016
5. danke für den guten Bericht.
ermuntert, das buch selbst zu lesen. (auch die kritik zur nicht-erwähnung der reformschule ist beispielhaft konstruktiv)
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