Thomas Mann Kommentierte Gesamtausgabe begeistert Literaturkritiker

Ende Juni veröffentlicht der S. Fischer Verlag die ersten drei Bände der "Großen Kommentierten Frankfurter Gesamtausgabe" der Werke Thomas Manns, die in den kommenden Jahren auf 38 Bände wachsen soll - ein Mammutprojekt, das der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki als "wichtiges Ereignis" lobt.


Schriftsteller Mann: "Der Traum eines jeden Literaten war, ein Buch bei S. Fischer zu haben"
DPA

Schriftsteller Mann: "Der Traum eines jeden Literaten war, ein Buch bei S. Fischer zu haben"

"Ich war ein elfjähriges Kind, als Samuel Fischer in Berlin seinen Verlag gründete. Zehn Jahre später war es der Traum jedes jungen Literaten, ein Buch bei S. Fischer zu haben, und meiner auch", schrieb Thomas Mann einst im Rückblick auf seine erste Zeit bei dem Verlagshaus, das zu seinem Hausverlag werden sollte. 1898 veröffentlichte S. Fischer die erste Novelle "Der kleine Herr Friedemann" des damals noch völlig unbekannten Autors aus Lübeck. Fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod (1955) veröffentlicht der Verlag nun erstmals eine "Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe" der Werke Manns.

Am 23. Juni werden die ersten drei Bände - "Buddenbrooks", "Essays I" und "Briefe I" - im Lübecker Buddenbrookhaus, der Gedenkstätte für den Literaturnobelpreisträger vorgestellt. Bis 2015 sollen insgesamt 38 Bände erscheinen, die unter anderem das erzählerische Gesamtwerk, die erstmals komplette Sammlung der 1200 Essays und die Tagebücher Manns umfassen.

"Das ist ein ganz hervorragendes und wichtiges Ereignis", sagte der Thomas-Mann-Experte Marcel Reich-Ranicki nach einer ersten Lektüre der drei Bände gegenüber der Deutschen Presseagentur. Die Ausgabe sei besonders wichtig, da sie etwa die bisher umfangreichste Auswahl aus den insgesamt 25.000 Briefen Thomas Manns biete, die erstmalig kommentiert seien.

Nach Ansicht des 82-jährigen Kritikers hat das vorherrschende Bild des Literaturnobelpreisträgers bis zum Erscheinen der Mann-Tagebücher 1977 bislang dazu beigetragen, dass ein breites Interesse und die Investitionsbereitschaft für eine vollständige, kommentierte Ausgabe fehlte. "Viele haben in ihm einen kühlen Menschen gesehen, einen großen Stilisten, aber im Grunde einen egoistischen, kalten Mann", sagte Reich-Ranicki. Durch den ersten Essayband der neuen Gesamtausgabe habe er "sehr viel Neues erfahren, über sein Leben, seine Komplexe, seine Ressentiments oder über Dinge, die seine Homoerotik betreffen".

Literaturkritiker Reich-Ranicki: "Ein ganz wichtiges Ereignis"
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Literaturkritiker Reich-Ranicki: "Ein ganz wichtiges Ereignis"

Auch Hermann Kurzke, Autor der 1999 erschienenen Mann-Biografie "Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk", lobte die "Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe", für deren im Herbst erscheinenden Band "Essays II" er selbst verantwortlich zeichnet. "Die Germanistik hat 50 Jahre lang das Werk Manns interpretiert, ohne vorher überhaupt die Grundlagen sauber darzulegen", sagte Kurzke gegenüber dpa. Ein großer Teil der bisherigen Forschung werde mit der neuen Ausgabe als überholt und veraltet gelten.

Da die Textlage relativ eindeutig sei, bedeute das Mammutprojekt jedoch keine historisch-kritische Edition, sagte der verantwortliche Lektor des S. Fischer Verlages, Roland Spahr. Die Gesamtausgabe sei auch für den normalen Thomas-Mann-Leser attraktiv: "Die Kommentare sind essayistisch gehalten und gut lesbar auch für den nicht-wissenden Leser", so Spahr. Beispielsweise der Kommentar zum wohl populärsten Roman des Exilliteraten, "Buddenbrooks", enthalte eine Fülle an Hintergründen und Informationen über die Entstehungsgeschichte, über Quellenlage, Rezeptionsgeschichte bis hin zum Kommentar einzelner Textstellen.



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