Co-Autor von Shakespeare-Stück: Forscher entschlüsseln literarische DNA

Eine der faszinierendsten Fragen der Shakespeare-Forschung lautet: Wer waren die Co-Autoren des Dramatikers? Wissenschaftler aus Oxford wollen jetzt laut BBC eines dieser Rätsel entschlüsselt haben - das Geheimnis des Stücks "Ende gut, alles gut".

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Dramatiker Shakespeare: Oft nur der Name hinter einem Team von Autoren?

London/Oxford - Wissenschaftler von der Universität Oxford sind einem bislang ungeklärten Fall der Shakespeare-Forschung auf der Spur. Der Schriftsteller Thomas Middleton, ein Zeitgenosse des Dramatikers, könnte diesem beim Schreiben der Komödie "All's Well That Ends Well" ("Ende gut, alles gut") zur Hand gegangen sein.

Das sagt die Professorin Laurie Maguire. Sie sei recht sicher, dass ein zweiter Autor neben Shakespeare an diesem Text mitgearbeitet hätte, berichtet Maguire laut BBC. Eine aktuelle Studie zeige, dass dies die wahrscheinlichste Erklärung für die uneinheitlichen Schreibstile in dem Stück sei.

Autoren hätten unterscheidbare literarische "Fingerabdrücke" - eine Art stilistische DNA, erklärt Maguire in dem Bericht. Eine detaillierte Analyse der Sprache in dem Stück offenbare linguistische Marker, die sich sehr deutlich mit Middleton in Verbindung bringen ließen: Dazu zählen Reime und Rhythmen bestimmter Abschnitte des Dramas sowie die Phrasierung und sogar einzelne Wörter.

Als ein Beispiel könne das Adjektiv "ruttish" gelten, ein Synonym für "lustful" - "lüstern". Außer in "All's Well That Ends Well" tauche das Wort nur in einem weiteren Text in dieser Zeit auf - in einem Werk von Middleton. Auch einige der Bühnenanweisungen entsprächen viel mehr Middletons Stil als dem Sprachgebrauch von Shakespeare, heiße es laut BBC in der Studie aus Oxford.

"Wir müssen uns das mehr wie ein Filmstudio vorstellen"

Dass Shakespeare Co-Autoren hatte, werde von keinem ernst zu nehmenden Forscher in Frage gestellt, befindet Maguire. Die gegenwärtige Literaturwissenschaft gehe davon aus, dass Dramen im Elisabethanischen Zeitalter regelmäßig als Gemeinschaftswerke entstanden seien: "Wir müssen uns das mehr wie ein Filmstudio vorstellen, mit Teams von Autoren."

Frühere Studien zu diesem Thema stammen beispielsweise vom Literaturwissenschaftler Brian Boyd von der Universität Auckland. In einem Artikel im "Shakespeare Quarterly" aus dem Jahr 2003 stellt der Professor verschiedene Forschungsergebnisse vor, die fünf Shakespeare-Stücke mit verschiedenen Co-Autoren in Verbindung bringen: die Dramen "Henry VIII" und "The Two Noble Kinsmen" mit John Fletcher, "Pericles" mit George Wilkins, "Titus Andronicus" mit George Peele und das Stück "Timon of Athens" ebenfalls mit Thomas Middleton.

Der Londoner Middleton lebte von 1580 bis 1627, er war jünger als Shakespeare - und seine moderne Grammatik lasse sich laut Maguire in "All's Well That Ends Well" nachweisen.

Das Drama wird gern als Komödie betitelt, oft aber auch als eines jener Shakespeare-Problemstücke ("problem plays"), die sich keinem klaren Genre - ob Komödie oder Tragödie - zuordnen lassen. Zu diesen werden ebenfalls die Texte "Measure for Measure" sowie "Troilus and Cressida" gezählt.

Die meisten Forscher datieren das Stück "Ende gut, alles gut" auf die Jahre 1601 bis 1605, nachzulesen etwa in der "Folger Shakespeare Library" - eigenen Angaben zufolge die größte Shakespeare-Materialsammlung der Welt. Als eine Inspirationsquelle für das Drama, in dem sich die verwaiste Arzt-Tochter Helena in den jungen Grafen Bertram verliebt und sich dem Heiratsunwilligen als Ehefrau aufdrängt, gilt gemeinhin Boccacios "Decameron".

bos

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