Roman "Das Leben danach" von Thomas Pierce Wiedervereinigt mit den Toten

Herzstillstand - und trotzdem schlägt Jims Herz noch, dank eines Super-Defibrillators. Seine größte Angst? Dass Hacker ihn zum Explodieren bringen könnten.

Friedhof in Savannah, Georgia
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Friedhof in Savannah, Georgia


Jeder, der schon mal einen geliebten Menschen verloren hat, wünscht sich wohl, dass er ihm wieder begegnen, mit ihm kommunizieren, vielleicht auch etwas geraderücken könnte. Nicht mithilfe von Drogenerfahrungen, Gläserrücken oder Kaffeesatzleserei, sondern wirklich und wahrhaftig.

Jim Byrd, 33-jähriger Kreditberater in dem Südstaatenkaff Shula, bekommt so eine Chance. "Es gibt da dieses alte irische Sprichwort. Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist am dünnsten, wenn ein Mensch, der dir nahestand, gestorben ist", sagt er in "Die Leben danach", nachdem er seinen Vater verloren hat. Zuvor jedoch stirbt Jim selbst fast, als er einen Herzstillstand erleidet.

Der US-Amerikaner Thomas Pierce, Autor des 400 Seiten starken Romans, den er nicht weit in der Zukunft ansiedelt, findet dafür starke Sprachbilder: "Sterben, erklärte der Kardiologe, sei kein singuläres Ereignis, sondern ein Prozess. Es sei vergleichbar mit einer Welle, die vom Strand wegrollt, und während sich das Wasser zurückzieht, verändert sich die Farbe des Sandes, und was dunkel war, wird hell."

Jugendliebe, Spuk und ein brennender Hund

Jim Byrd stirbt nicht. Stattdessen bekommt er ein HeartNet in die Brust gebastelt, einen extrem hoch entwickelten Defibrillator: "Das Netz wickelt sich eng ums Herz, presst es zusammen, verschmilzt mit ihm". Diese Technik sei "so fortschrittlich, dass es sich dabei praktisch um eine künstliche Intelligenz handle". Doch das Teil hat auch gruselige Seiten: "Wenn man es nicht ausschaltet, wird das 'HeartNet' mein Herz so lange schlagen lassen, wie es die Batterien erlauben, also ungefähr zweihundert Jahre" kalauert Jim Byrd. Und: "Krankenhäuser waren gezwungen, in ihren Leichenschauhäusern Körper aufzubewahren, deren Herzen noch schlugen."

Er beginnt, ständig seine Handy-App zu checken, die ihm zeigt, wie und ob sein Herz (noch) schlägt. Größte Angst hat er vor Hackern, die es zum Explodieren bringen könnten. Ablenkung beschert ihm seine Arbeit: ein Kundentermin in einem Restaurant in Shula, wo ihm die Besitzerin glaubhaft versichert, dass es dort neben einer alten Wendeltreppe spukt.

Dann trifft er dort noch seine alte Jugendliebe Annie, mit der er erneut anbandelt. Die humorvolle Kulturmanagerin ist verwitwet, hat eine 12-jährige Tochter und bringt Farbe in Jims ödes Leben. Zudem verfügt sie über starke Nerven, denn ihre Beziehung wird flugs auf die Probe gestellt durch, nun ja, absonderliche Begebenheiten, beispielsweise den brennenden Hund namens Houdini.

Thomas Pierce
Andrew Owen/ Dumont

Thomas Pierce

Das Debüt des Autors war der 2016 veröffentlichte Erzählband "Hall of Small Mammals", wofür er im gleichen Jahr von der National Book Foundation in die Liste der "5 under 35" gewählt wurde. Sein "Die Leben danach" macht es dem Leser nicht leicht. Immer wieder franst er den Hauptstrang des Buches, die Liebesgeschichte von Jim und Annie, aus, indem er, teilweise gar in unterschiedlicher Typo, über frühere Bewohner Shulas berichtet und Leute, die mit dem Spukhaus zu tun haben oder hatten.

Manchmal werden Situationen unnötig ausgewalzt: Allein neun Seiten braucht Pierce, um zu beschreiben, wie Jim Byrd an einem Gottesdienst der "Kirche der Suchenden" teilnimmt. Eher Pillepalle sind die 16 Seiten, die das protokollartig festgehaltene Gespräch zwischen der schrägen Physikerin Sally Zinker und Jim Byrd einnimmt, nachdem der seinen verstorbenen Vater dank einer Wiedervereinigungsmaschine "getroffen" hat, mittels derer man mit Toten in Kontakt treten kann, sich hernach aber stundenlang übergeben muss.

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Thomas Pierce:
Die Leben danach

Roman

Aus dem Englischen übersetzt von Tino Hanekamp

DuMont Buchverlag; 400 Seiten; 24 Euro

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Tatsächlich offenbart Thomas Pierce jedoch gerade bei den Erklärungen von verquasten Zusammenhängen sein Händchen für locker-flockige Beschreibungen - übrigens allesamt sehr lebendig und wohltuend schnodderig von Tino Hanekamp übersetzt.

Und so bleibt der Leser, vor allem der geduldige, bei "Die Leben danach" am Ball und steuert, nach einem furiosen Beginn und einem langen Mittelteil, auf ein überraschendes Finale zu. Nicht, ohne hernach vielfach zu grübeln, ob so eine lebensverlängernde Maßnahme wie das HeartNet eigentlich eine gute Idee wäre, oder eine per Maschine ermöglichte Wiederbegegnung mit einem Verstorbenen wirklich das Gelbe vom Ei sein kann.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
antimaterie 26.02.2019
1. Blend of ashes
Das Leben mit den Toten erlaubt so schrankenlose Idealisierungen, die das kleine Herz erheben. Nun muss man aber eben auch feststellen dürfen, dass selbst das größte Herz sich erschöpft im Umgang mit den Lebenden und deren inneren Wüsten. Es wird leer und bitter. Aber bevor es soweit kommt, nimmt es Zuflucht bei den Toten. In halluzinierten Ekstasen. Oder in Überführungen in einen durchaus modischen blend of ashes.
neue Legislaturperiode 26.02.2019
2. Frage an antimaterie
Ist das ein Ausschnitt aus dem Buch oder sind das Ihre eigenen Gedanken?
antimaterie 26.02.2019
3. Bitte?
Zitat von neue LegislaturperiodeIst das ein Ausschnitt aus dem Buch oder sind das Ihre eigenen Gedanken?
Was soll diese Frage?
neue Legislaturperiode 26.02.2019
4. Antwort zu 3. Bitte? antimaterie
Ich finde das Buch interessant. Der Satz, die Grenze zwischen Himmel und Erde ist am dünnsten, wenn ein Mensch, der dir nahe stand, gerade gestorben ist, ist ein Satz, der mich in gemachten Erfahrungen bestätigt. Auch, dass Sterben ein Prozess ist, der die Umgebung mit einbezieht, selbst wenn der Tod nicht unmittelbar bevorsteht, kann ich bestätigen. Es entsteht eine sensibilisierte Wahrnehmung auf einer höheren Ebene. Nun dazu würde mich jetzt interessieren, ob blend of ashes ihre Gedanken sind, oder ob sie ein Ausschnitt des vorgestellten Buches, das ich nicht kenne, sind. Es sind Ihre Gedanken. Ich begreife es in diesem Moment. Danke für die (karge) Antwort. Sie hat mich dazu gebracht, mich tiefer einzufühlen.
antimaterie 27.02.2019
5. Im Krematorium des Gelöschten
Zitat von neue LegislaturperiodeIch finde das Buch interessant. Der Satz, die Grenze zwischen Himmel und Erde ist am dünnsten, wenn ein Mensch, der dir nahe stand, gerade gestorben ist, ist ein Satz, der mich in gemachten Erfahrungen bestätigt. Auch, dass Sterben ein Prozess ist, der die Umgebung mit einbezieht, selbst wenn der Tod nicht unmittelbar bevorsteht, kann ich bestätigen. Es entsteht eine sensibilisierte Wahrnehmung auf einer höheren Ebene. Nun dazu würde mich jetzt interessieren, ob blend of ashes ihre Gedanken sind, oder ob sie ein Ausschnitt des vorgestellten Buches, das ich nicht kenne, sind. Es sind Ihre Gedanken. Ich begreife es in diesem Moment. Danke für die (karge) Antwort. Sie hat mich dazu gebracht, mich tiefer einzufühlen.
Wenn das so ist, ist das so. Ich wollte Ihnen gebührend antworten, aber es sollte nicht sein. Ich kann es nicht einmal mehr rekonstruieren. Es war bestimmt von großer Schönheit. Nun ist es Asche. Im Krematorium des Gelöschten.
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