Millennium-Erinnerungen Party like it's 1999?

Rückkehr nach Rheine: Im Roman "Der Abfall der Herzen" rekonstruiert Ex-Muff-Potter-Sänger Thorsten Nagelschmidt den Sommer 1999 - wie ihn westfälische Mittelstadt-Punks erlebten.

Frauen testen Sonnenfinsternis-Schutzbrillen
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Frauen testen Sonnenfinsternis-Schutzbrillen

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Portugiesische Pasteleria integriert im Electro-Klub - das war so die Sorte Gastro-Konzept, die 1999 in Metropolen der letzte Schrei war. Aufgeregte Artikel darüber schickte man schon per E-Mail, nicht mehr per Fax.

Ein bisschen anders sah es da in Rheine aus, westfälisches Mittelzentrum, rund 75.000 Einwohner. Da ging die feierfreudige Jugend in Discos namens Roxy oder Köpi, wahlweise auch in einen Punkschuppen namens Trinkhalle. Und danach prügelte sie sich.

Stadtansicht von Rheine
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Stadtansicht von Rheine

So jedenfalls liest es sich in "Der Abfall der Herzen", dem Roman von Thorsten Nagelschmidt. Der spielt größtenteils in Rheine im Sommer 1999. Nagelschmidt wurde 1976 im Münsterland geboren, er wuchs in Rheine auf. Bei seinem damaligen Freundeskreis entdeckt er "lauter Verschrobenheitsmodule, die über eine handelsübliche Teenage Angst hinausgehen" und findet: "Über jeden von ihnen könnte man ein Buch schreiben, ich würde sie alle lesen wollen. "

Nagelschmidt als Muff-Potter-Sänger
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Nagelschmidt als Muff-Potter-Sänger

Aber das Buch hat Nagelschmidt dann doch lieber über sich selbst geschrieben. Über einen 23-Jährigen, der dort im Kreis Steinfurt die Punkband Muff Potter gründete, der das Fanzine "Wasted Paper" herausgab. Und offenbar einen Brief verfasste, nachdem einer aus seinem Freundeskreis - er nennt ihn Sascha - aufhörte, ihn zu hassen. Jedenfalls erzählt ihm Sascha das Jahre später, im Jahre 2015, am Kreuzberger Tresen. Nagelschmidt kann sich nämlich nicht daran erinnern, diesen offenbar so bedeutsamen Brief geschrieben zu haben.

"Seine Geschichte erzählen, wie nur er sie erzählen kann"

Also stürzt er sich in die Erinnerung an jenen Sommer 1999, um zu rekonstruieren, wie es zu dem Brief an Sascha kommen konnte und was darin gestanden haben könnte. Er liest sich in seinen Tagebüchern von damals fest, tippt ab, sortiert.

Er reist herum, trifft all die Freunde und Bekannten aus Rheine wieder und lässt sich diesen Sommer seines Lebens erzählen und die Arbeit an einem anderen Romanprojekt ruhen: "Wie sehr mich der Roman langweilt, nicht nur mein eigener, sondern die Gattung an sich", heißt es, und es folgt ein Plädoyer für die Sorte Bücher, die in letzter Zeit so gern als Autofiktion bezeichnet werden.

Bücher, in denen "jemand unverkennbar über sich und die Welt schreibt, die ihn umgibt, wo man das Gefühl hat, da will einer seine Geschichte erzählen, da muss einer seine Geschichte erzählen, und zwar so, wie nur er sie erzählen kann."

Joschka Fischer nach dem Farbbeutel-Attentat
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Joschka Fischer nach dem Farbbeutel-Attentat

Was zweierlei mit sich bringt: Zum einen kann man relativ sorglos Erzähler und Autor in eins setzen. Und zum anderen geht es in diesem 1999 nur am Rande um die Dinge, die Leute außerhalb Rheines mit der Jahreszahl verbinden würden. Die ominöse Stimmung vor dem Jahrtausendwechsel, die damals so viele befiel. Der Farbbeutelwurf auf Joschka Fischer. Die totale Sonnenfinsternis - alles kommt vor, nichts davon spielt wirklich eine Rolle, außer als Stichwort für die Freunde:

"Ich kann mich wirklich kaum (...) erinnern. (...)" - "An die Sonnenfinsternis vielleicht?" - "Da habe ich nur ein Bild von Gerhard Schröder im Kopf, mit so 'ner Sonnenfinsternisbrille auf der Nase." - "Das kenne ich auch", sage ich. "Die Titanic hatte das damals auf dem Titel. Schröder holt die Sonnenfinsternis nach Deutschland: Dafür haben sie Geld!" - Hannes lacht. "Wir hatten jedenfalls keine Brillen, daran könnte ich mich erinnern."

Ein Bandbus namens "Transe"

Was aber auch gar nichts macht, weil wir es hier ja nicht mit der "Chronik des Jahres" zu tun haben, sondern mit einem Roman, der äußerst genau die Seelenlage seines Protagonisten schildert (hauptsächlich: Liebeskummer) und den Mikrokosmos um ihn herum. Und darin hat "Der Abfall der Herzen" seine größten Stärken. Dichte Beschreibung, fast schon Ethnografie.

Da geht es um den WG-Sandwichmaker, "Raclettegrill des kleinen Mannes" genannt. Da geht es um die Großraumdisco, wo so viele Drinks bestellt werden, "dass auf meiner Verzehrkarte nur noch eine Reihe Kästchen frei war". Da geht es um den Bandbus, einen Ford Transit mit Spitznamen "Transe", dessen Lenkung so viel Spiel hatte, "dass man hinter dem Lenkrad aussah wie einer dieser quasselnden Herren in den alten Hollywoodstreifen, die unentwegt lenken, auch wenn es nur geradeaus geht". Das ist gut erinnert und schön gesagt.

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Thorsten Nagelschmidt:
Der Abfall der Herzen

S. Fischer, 448 Seiten, 22 Euro

Weniger gelungen ist hingegen der erzählerische Rahmen: Viel Raum nehmen Nagelschmidts Metaüberlegungen ein, in denen er um das richtige Format für seine Erinnerungssuche ringt. Wobei ihm manche Albernheit unterläuft, wie etwa ein überflüssiges Glossar westfälischer Begriffe. Plausibler zumindest ist die Lösung, das Fortlaufen der Handlung nach einem Filmriss des Erzählers durch Zitate der Freunde zu rekonstruieren. Doch insgesamt wirkt der Roman durch diese Bemühungen um ein Erzählen auf mehreren Ebenen aufgebläht.

Lesern, die den Autor schon unter seinem alten nom de guerre Nagel kennen, werden die Stärken und Schwächen des ersten Romans, den er unter dem seriösen, erwachsenen Geburtsnamen veröffentlicht, nicht überraschen: Nagels Tourbus-Erinnerungen "Wo die wilden Maden graben" und seine Reiseberichte "Drive-by Shots" waren auch überzeugender als der stärker fiktionalisiert wirkende Roman "Was kostet die Welt".

Autor Thorsten Nagelschmidt
Harald Hoffmann/ Fischer

Autor Thorsten Nagelschmidt

Doch die erzählerischen Durststrecken im "Abfall der Herzen" steht man locker durch, um mit autobiografischen und subkultursoziologischen Perlen belohnt zu werden. Hier noch eine kleine:

Sogar zwei moppelige Waver zahlten ihre acht Mark Eintritt, das Mädchen hatte einen Sonnenbrand auf der Nase, den sie vergeblich versucht hatte, weiß zu überpudern, "Grufties mit Sonnenbrand", gluckste Hannes, "jetzt habe ich alles gesehen."

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