Vergewaltigungen Ich und mein Täter

Thordis Elva hat ein Buch mit dem Mann geschrieben, der sie vergewaltigt hat - und bricht so mit der eingeübten Rollenverteilung von Täter und Opfer.

Thordis Elva
Thordis Elva

Thordis Elva


Die Isländerin Thordis Elva und der Australier Tom Stranger sitzen in einem Hotel in Berlin-Mitte und machen Werbung für das Buch, das sie gemeinsam geschrieben haben. Sie gehen höflich miteinander um, entschuldigen sich, wenn sie sich ins Wort fallen. Es ist eine professionelle Beziehung.

Was überhaupt nichts Ungewöhnliches wäre, wenn die beiden nicht in ein Verbrechen verwickelt wären: sie als Opfer und er als Täter. Vor über 20 Jahren hat Stranger Elva vergewaltigt. Jetzt fahren sie gemeinsam um die Welt, was wiederum sehr ungewöhnlich ist, denn eine Zusammenarbeit zwischen Opfer und Täter sieht das Drehbuch, das von der Öffentlichkeit allgemeinhin auf Vergewaltigungsfälle angewendet wird, nicht vor.

Was ein Opfer und was ein Täter zu sein hat, ist im öffentlichen Diskurs über sexuelle Gewalt recht klar definiert. Täter sind verabscheuungswürdig und böse. Und Opfer? "Opfer müssen gut und rein und hilflos bleiben, sonst bist du kein echtes Opfer", sagte die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal unlängst der "taz". In ihrem Buch "Vergewaltigung" plädiert sie für einen differenzierteren Blick auf das Opfer-Täter-Schema.

Den Feldversuch zu dieser Forderung liefern Elva und Stranger in ihrem Buch "Ich will dir in die Augen sehen". Es ist die Geschichte einer Konfrontation, eines Treffens in Kapstadt, 20 Jahre nach der Tat. Die Zusammenarbeit der beiden hat für einige Aufregung gesorgt. In England musste eine Podiumsdiskussion auf einem Frauenfestival verschoben werden, weil Aktivistinnen gegen den Auftritt protestierten und eine Petition starteten. Der Vorwurf: Hier werde einem Sexualverbrecher eine Bühne geboten - mehr noch, ihm werde die Möglichkeit gegeben, an öffentlichem Ansehen zu gewinnen, indem er sich als eine Art einsichtiger Vergewaltiger inszeniere.

Der Mythos vom bewaffneten Mann in der dunklen Gasse

Dass Vergewaltigungen nicht nach einem Drehbuch verlaufen, lernte Thorids Elva 1996 mit 16 Jahren, der 18-jährige Austauschschüler Tom Stranger ist damals ihr Freund. Bei einem Schulball trinkt sie zu viel, hat vermutlich eine Alkoholvergiftung. Er bringt sie nach Hause, legt sie ins Bett und hat zwei Stunden lang gegen ihren Willen Sex mit ihr. Am nächsten Tag macht er mit ihr Schluss und fliegt später wieder nach Australien. Sie braucht etwa zwei Jahre, um genau zu begreifen, was in dieser Nacht passiert ist.

Elvas Vorstellungen eines Vergewaltigers waren geprägt von Filmen und Erzählungen. Bewaffnete Männer, die in dunklen Gassen auf einen warten, weil sie ihre Triebe nicht unter Kontrolle haben. Dass der erste Mann, in den sie verliebt war, sie vergewaltigt haben könnte, dafür gab es in ihrem Kopf keinen Referenzpunkt. Auch weil sie sich nicht eingestehen wollte - wie viele Opfer von Vergewaltigungen - dass sie eine Beziehung falsch eingeschätzt und ihr Vertrauen dem Falschen geschenkt hatte.

Dass Elva diese Schuldgefühle überwinden konnte, verdankt sie außergewöhnlichen Umständen. 2005, nach Jahren der persönlichen Krise, schreibt sie ihrem Täter einen Brief, indem sie alle Last und Schuld von sich ablädt. Sie bekommt eine Antwort, die sie nicht erwartet hätte: Ein Geständnis von Stranger und die Einwilligung, alles zu tun, um mit dem Geschehenen einen Umgang zu finden. Es beginnt ein acht Jahre dauernder Mailaustausch, der schließlich in dem Treffen in Kapstadt mündet.

Tom Stranger
privat

Tom Stranger

Diese Kommunikation nennt Elva einen "Verantwortungsprozess". Es geht darum, die Verantwortung für das Geschehene - und alles, was es nach sich zog - dort zu platzieren, wo sie hingehört. Beim Täter. Der nahm, und das ist auch außergewöhnlich, diese Verantwortung an. Weil die Schuldfrage somit geklärt ist, schaffen es die beiden in ihrem Buch, über das Opfer-Täter-Schema hinauszugehen. Beim Treffen in Kapstadt definieren sie ihre Rollen neu: Sie ist die Starke und Mutige, die sich mit dem Thema sexuelle Gewalt auskennt, er ist der Unsichere, undisziplinierte, dessen Selbstbild infrage gestellt wurde. So schaffen sie es, sich anzunähern und über das Geschehene zu sprechen. Und Elva gewinnt etwas von der Macht zurück, die ihr das klassische Opfer-Narrativ verwehrt.

Hierfür gibt es kein Protokoll

Dennoch sind die beiden keine Freunde. Und Elva hat Stranger auch nicht vergeben. Für ihre gemeinsame Arbeit scheinen sie einen gewissen Verhaltensmodus gefunden zu haben: Nicht nur die Rollen sind genau definiert, sondern auch die Sprache. Vor dem Treffen wird Journalisten ein Dokument geschickt mit von den beiden bevorzugten Begriffen: Überlebende statt Opfer, Täter statt Vergewaltiger. Auch Fotografen werden gebeten, sie nur auf gewisse Weise zu inszenieren. Bei Fernsehinterviews soll der Moderator am besten zwischen ihnen sitzen. Klingt alles sehr kontrolliert, aber wie soll man es sonst machen? Es gibt kein Protokoll für diese Art von Zusammenarbeit von Überlebender und Täter - Elva und Stranger schaffen es sich selbst.

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Thordis Elva, Tom Stranger:
Ich will dir in die Augen sehen

übersetzt von Charlotte Breuer und Norbert Möllermann

Knaur; 352 Seiten; 19,99 Euro

Auch wenn "Ich will dir in die Augen sehen" in erster Linie die Geschichte von Elva ist, sie ist Hauptautorin, ihr Name auf dem Cover größer geschrieben, ist doch gerade die Sicht von Stranger interessant. Denn die Perspektive eines Täters wird in vielen Vergewaltigungsfällen ignoriert. Das liegt einerseits an der Schwere des Verbrechens. Aber auch daran, dass Vergewaltigungen noch immer als Frauenthemen verhandelt werden. Als etwas, vor dem sich Frauen schützen müssen - als gehöre es zum Leben halt irgendwie dazu.

Aber Vergewaltigungen werden von Männern begangen, nicht von Monstern. Sie geschehen nicht nur in dunklen Gassen, sondern in Beziehungen, Freundschaften und Ehen. Es liegt eigentlich nahe, verstehen zu wollen, was Täter antreibt. Niemand kann von einem Opfer verlangen, Empathie für seinen Täter aufzubringen, Elva, die es getan hat, verlangt das auch nicht. Aber eine Gesellschaft, die verhindern will, dass Männer zu Tätern werden, sollte sich vielleicht damit beschäftigen. Oder wie Mithu Sanyal sagt: "Unser Umgang mit vermeintlichen Tätern ist allerdings völlig empathielos. Und wir können nicht von Menschen erwarten, dass sie sich für Empathie öffnen, wenn wir sie ihnen - als Gesellschaft - verwehren."

Als Facette des Charakters akzeptieren

Stranger selbst will lange nicht realisiert haben, was er getan hat. Er spricht von einer "Phase der unbewussten Unterdrückung" und einem Unwillen, die besagte Nacht erneut zu durchleben. Als er 2005 den Brief von Elva bekam, erkannte er sich in ihren Beschreibungen wieder. "Es gab keinen Zweifel, das war, was ich getan hatte." In der Folge setzt sich Stranger mit sich auseinander, er ist ein durchschnittlicher middle-class Australier, gebildet, gut erzogen. Er hat sich nie für einen aggressiven Menschen gehalten - noch hat er je daran gedacht, eine Frau zu missbrauchen. Dennoch hat er es getan: "Das muss ich als Facette meines Charakters akzeptieren. Als etwas, zu dem ich fähig bin", sagt er leise.

Müsste er die Frage, warum er vergewaltigt hat, in seinem Satz beantworten, sagt Stranger: "Ich hatte die Einstellung, dass ein junger Mann, der mit einer Frau ausgeht, das Recht auf Sex hat." Er sucht für sich den Grund in toxischen Männlichkeitskonzepten, mit denen auch junge, gut gebildete, westliche Männer aufwachsen. Denen zufolge eine Frau jemand ist, den man haben kann, oder zumindest jemand, dem man keine Empathie entgegen bringt, wenn die eigenen Bedürfnisse von innen heftig anklopfen.

Weder haben Elva und Stranger ein Handbuch für den Umgang mit Vergewaltigungen geschrieben, noch sprechen sie sich für Straffreiheit in Fällen sexueller Gewalt aus. Die öffentliche Dämonisierung von Tätern hält Männer aber sicherlich davon ab, sich mit Vergewaltigungen und ihren Gründen auseinanderzusetzen. Weil kein Mann von sich glaubt, ein Monster zu sein. Monster sind immer die anderen.

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