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Tierische Zusatzstoffe: Das Schweinesystem

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Ob Bier, Zahnpasta oder sogar Zigaretten - in allem stecken kleine Anteile von Schweinen. Wozu ein einziges Tier verwurstet werden kann, hat die Designerin Christien Meindertsma für ihr Buch "Pig 05049" dokumentiert - und ist damit sogar zu höchsten künstlerischen Weihen gelangt.

"Pig 05049": Was alles aus einem Schwein wird Fotos
Christien Meindertsma

Ob Bauern in Sizilien, Indianer in Nordamerika oder Spitzenköche in Frankreich: Stets haben die Menschen versucht, möglichst viel aus einem Tier herauszuholen. Was die moderne Industrie alles aus Schweinen herstellen kann, ist dennoch überraschend. Denn wenn alle Filets und Schnitzel vom Schwein geschnitten sind, wird der Rest keineswegs weggeschmissen oder bloß an Haustiere verfüttert. Haut, Innereien, Knochen: Praktisch alles wird verwertet.

Wo sich selbst kleinste Teile eines Schweins überall wiederfinden lassen, hat die niederländische Designerin Christien Meindertsma recherchiert. Das Ergebnis von drei Jahren Forschungsarbeit ist eine Art Produktkatalog mit 416 Seiten. Am fleischfarbenen Einband befestigt: ein rundes Stück gelbes Plastik mit der Aufschrift "Pig 05049"; eine Ohrmarke, wie sie auch das Schwein getragen hat, nach dem das Buch benannt ist.

Öffnet man es, schaut man gewissermaßen ins Innere des Schweins: Geordnet in die Kapitel Haut, Knochen, Fleisch, Eingeweiden, Blut, Fett und Sonstiges zeigt Meindertsma, was aus dem 103,7 Kilogramm schweren Tier alles wurde. Ob Brot oder Seife, Zigaretten oder Wachsmalstifte - die Chancen stehen hoch, dass Schwein darin steckt. Oder dass zumindest Bestandteile der geschlachteten Tiere bei die Produktion eingesetzt wurden.

Brot, Munition, Rotwein

Beispiel: eine Scheibe Brot. In der Erklärung ist zu erfahren, dass Eiweiß aus Schweinehaaren verwendet wird, um Brotteig aufzulockern. Was nicht heißt, dass jedes Brot zwangsläufig Bestandteile vom Schwein enthält. Doch es ist gut möglich, und Verbraucher bekommen zwar Inhaltsstoffe genannt, aber meist nicht, woraus diese gewonnen wurden - auch wenn das für Muslime und Vegetarier eine wichtige Information sein könnte.

So waren die Recherchen zu dem Buch nicht immer einfach: Etliche Firmen hätten kein Interesse daran gehabt, dass der Einsatz von Schweinebestandteilen bekannt wird, berichtet Meindertsma. Doch immerhin ein Betrieb, der Schweineteile zu Produktionsgrundstoffen weiterverarbeitet, gab bereitwillig Auskunft. So erfuhr Meindertsma von Schweineteilen in Zigarettenfiltern, Patronenhülsen, Rotwein und Eisenbahnbremsen ( siehe Fotostrecke).

Selbst Bier, Fruchtsäfte und Rotwein kann mit Schweinebestandteilen in Berührung kommen: Mit Hilfe von Gelatine lassen sich Schwebeteilchen aus der Flüssigkeit herausfiltern, die sonst für ein trübes Getränk sorgen würden. Trinker deutscher Biere können allerdings aufatmen: Das Reinheitsgebot steht dem Gelatine-Einsatz entgegen.

Staunen und Entdecken

Gerade weil Christien Meindertsma und ihre Co-Autorin Julie Joliat bei der Gestaltung von "Pig 05049" auf nüchterne Sachlichkeit gesetzt haben, ist ihr Kompendium mehr Kunstwerk als politisches Statement, ein Abbild der modernen Welt und der industriellen Massentierhaltung mit seiner Verwertungslogik.

Die Komplexität heutiger Produktionsprozesse entkoppelt das Schwein als Lieferant von wichtigen Bestandteilen vom endgültigen Produkt, so dass "Pig 05049" ein Buch zum Staunen und Entdecken ist. Dermaßen bestechend ist die Idee dahinter, dass das bereits 2007 erschienene Buch dieses Jahr sogar in die Sammlung des Museums of Modern Art in New York aufgenommen wurde.

Für alle Vegetarier - Meindertsma gehört übrigens nicht dazu - hält das Buch übrigens eine fast tröstliche Erkenntnis bereit: Aus dem toten Tier wird neben Schnitzel wenigstens noch allerhand Nützliches gemacht.


Christien Meindertsma: Pig 05049. Flocks; 416 Seiten, 58,50 Dollar.

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Forum - Vegetarismus - lässt sich durch Fleischverzicht die Welt verbessern?
insgesamt 5469 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
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1.
Yagharek, 07.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
Vegatarismus wäre die Ideallösung, aber noch lange nicht umsetzbar. Daher ist es wichtig, die Qualität massiv höher zu setzen und alles Fleisch, was kein Bio-Fleisch ist, gehört verboten. Ich selber habe mich entschieden, nurnoch tierische Produkte zu essen, die mindestens den Bio-Standards erfüllen. Dadurch kann ich mir zwar nicht mehr täglich Fleisch leisten, was aber meiner Figure und meinem Wohlbefinden sehr zu gute kam. Bewußte Ernährung zahlt sich aus.
2. Wirtschaftswachstum und Freßwelle der 50er Jahre
rkinfo 07.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
[QUOTE=sysop;5993063]Die Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? /QUOTE] Sobald arme Länder zu Wohlstand kommen wird auch Fleisch massiv zusätzlich nachgefragt. Boomregionen in China kommen auf +10% Fleischbedarfzuwachs/ Jahr. Das war bei uns in den 50er Jahren nicht anders. Zudem haben wir heute ca. 500 Mill. Menschen die in der Landwirtschaft arbeiten aber mittelfristig kaum von den Paar Kröten für Weizen oder sonstiges Billigstzeug vom Acker leben können. 'Futtermittel' sind natürlich bzgl. Flächen- und Resourchenbedarf äußerst kritisch und könnten 2050 locker 2/3 der verfügbaren Agrarfläche der Welt belegen. Das wäre etwa eine Verdoppelung der heutigen globalen Anbaufläche. Schon eine kritische Sache wenn man den heutigen Billigpreis für Agrarprodukte vom Acker berücksichtigt. Aber die globale Freßwelle kommt mit Sicherheit im Gefolge des globalen Wachstums. Und bei ca. $2 je kg Geflügel, ca. $3 je kg Schweinefleisch und ca. $5 je kg Rindfleisch im Großhandel je kein großer Betrag für die Familien.
3.
Petra Raab 07.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
Absolut! Nur ein paar Gründe: -Wir füttern Millionen von Tier und lassen dadurch Millionen Menschen verhungern -Der Wasserverbrauch für eine fleischliche Ernährung ist zu hoch -Wir benötigen zu viel Fläche für eine fleischliche Ernährung - was uns den Regenwald kostet Ökologische Folgen des Fleischkonsums (http://www.vegetarismus.ch/info/oeko.htm) Die Ausbeutung der Erde (http://www.youtube.com/watch?v=fM8ixs4BHpE)
4. Welt verbessern?
sappelkopp 08.08.2010
Keine Ahnung, ob die Welt besser wäre, wenn wir auf das Fleisch verzichten. Auf jeden Fall hätten wesentlich mehr Menschen etwas zu essen.
5. Mäßigung , Imageverschlechterung und Preiserhöhung
kyon 08.08.2010
Zitat von sysopDie Rechnung scheint klar: Fleischproduktion für den massenhaften Verzehr hat eine ungünstige Ökobilanz, verursacht große Kosten und Schäden. Wie sähe eine Alternative aus? Ist Vegetarismus die Lösung? Oder genügt einfach ein größeres Qualitätsbewusstsein - weniger, besser, gesünder?
Wenn ich den Ausdruck "Vegetarismus" lese, wird mir speiübel, weil sich dahinter ein fanatisches Extrem verbirgt, das wie alles Fanatische grundsätzlich fragwürdig ist. Die vernünftige Lösung wäre Mäßigung, wie von Ihnen am Ende angeboten,z.B. bessere Aufklärung als Beitrag zu einem veränderten Bewußtsein im Umgang mit Nahrungsmitteln, Verschlechterung des Images des Fleischessens und drastische Auflagen in der Fleischproduktion zur Erhöhung der Preise. Was das Problem mit der hungernden Weltbevölkerung angeht, empfehle ich mehr Bildung und weniger Religion zur Reduzierung der Zahl der Menschen, die versorgt werden müssen.
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