Rennradfahrer in totalitärem Staat Ein Männlein wird zum Helden

Crocutanien, totalitärer Staat am Rande Europas: Hier spielt der zweite Roman von Tijan Sila. In "Die Fahne der Wünsche" erzählt er von einem, dessen größte Kunst das Erdulden ist - im Sport wie im Leben.

Radrennfahrer bei der Friedensfahrt 1966 (Symbolbild)
Getty Images

Radrennfahrer bei der Friedensfahrt 1966 (Symbolbild)


Als Ambrosio in seine Heimat zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Seine Mutter ist tot. Die Neubausiedlungen in der Hauptstadt stehen leer. In den Fenstern wehen nur noch Plastikfolien im Wind. Der ganze Traum von "Fortschritt und Brüderlichkeit": ausgeträumt. "Was will man machen? Die Sonne scheint immer noch." So lautet das karge Resümee.

In seinem neuen Roman "Fahne der Wünsche" entwirft Tijan Sila ein untergehendes Dystopia: Crocutanien, irgendwo am Rand Europas. An diesem Nicht-Ort herrscht Totalitarismus. Die Ideologie heißt "Spiroismus". In der Schule lernt Ambrosio so sperrig klingende Tugendbegriffe wie "Werktätigkeit" und "Selbsttätigkeit".

Was genau das bedeutet, ist im Grunde egal. Die Begriffe werden schnell zur Farce: Macht beruht in Crocutanien auf Vetternwirtschaft. Jeder benutzt hier jeden. Statt Freundschaften gibt es Spitzeleien. Für Rebellion gibt es Prügel und ausgeschlagene Zähne. Für Zusammenarbeit: Gebissbrücken aus Gold.

Das Ende Crocutaniens ist in Sicht: Schon auf den ersten Seiten erklärt Ambrosio den Staat im Rückblick zur Totgeburt. Ambrosio ist ein Überlebender. Wie das kam? Manche halten Ambrosio für einen Rebellen. Einen der Mobilen. Freunde nennen ihn den "Unbeugsamen". Ambrosio sagt: "Ich bäumte mich niemals auf." Was ihn zum Erfolg brachte? "Die übernatürliche Leidensfähigkeit meines Körpers".

Der Körper als Werbefläche für Disziplin

Leidensfähigkeit ist durchaus typisch für Tijan Silas Figuren. Schon in seinem Debütroman "Tierchen Unlimited" windet sich die Hauptfigur durch ein System von Unterdrückung. Vor dem Bürgerkrieg in Bosnien flieht er nach Deutschland, dort verprügeln ihn Nazis. Trotzdem dramatisiert Sila seine Figuren nicht einfach platt zu Opfern. Die Stärke seiner Texte liegt vielmehr darin, dass er genau diese Rollenmuster als Teil eines Systems exemplarisch und schon beinahe zwanghaft bis zum Ende durchspielt.

Autor Tijan Sila
Miriam Stanke/ KIWI

Autor Tijan Sila

Ambrosio spielt die Rolle einer Radrennlegende. Mit 16 Jahren wird er zum Profisportler. Politik interessiert ihn nicht. Auf den ersten Blick ist er kein klassischer Athlet. Dürre Arme, dürre Beine. "Rippen wie ein ausgebreitetes Akkordeon und darunter Hüftknochen wie Tschinellen", so die plastische Beschreibung. Seine Trainer nennen ihn "Männlein".

Ambrosio hat nur ein Talent: Er ist "ungewöhnlich gut im Erdulden körperlicher Qualen". Genau damit aber lässt er sich bequem in den Mechanismus Crocutaniens einpassen. Was zunächst wie männliche Härte aussieht, wird zum willigen Erdulden. Ambrosios Körper zu einer Werbefläche für Disziplin, in einem Land voller Disziplinlosigkeit.

Kopfloser Machtkampf

Nach außen hin wirkt Crocutanien gesäubert von allen Lastern. Sex gilt als Mittel zur Fortpflanzung. Alles andere wird in einer Überwachungsakte als "viehische Flut von Sekreten" dokumentiert. Der Ausschank von Alkohol ist streng reglementiert, "winzige, zu Gaststätten verwandelte Garagen und Zeitungskioske". Einziges und letztes Vergnügen: Flipperautomaten. Erst, als auch die verboten werden, kippt etwas in Crocutanien.

Wie es zum Untergang kommt, wird nie ganz klar. Sila lässt die Geschichte aus der Ich-Perspektive Ambrosios erzählen. Und die ist begrenzt auf seine Rolle im System. Auch die Hintergründe des Spiroismus bleiben im Dunkeln. Der Namensgeber und frühere Herrscher Crocutaniens namens Spiro ist tot. Von ihm blieb nur ein Denkmal. Ein Kopf aus Stein liegt noch im Schmuddelviertel der Stadt, vor einem geschlossenen Casino: die Wange nach unten, wie enthauptet. Ein ziemlich kopfloser Machtkampf also.

Zusammen mit Ambrosio fühlt man sich dadurch in dem Roman als Leser manchmal etwas orientierungslos. Selbst an seiner Kindheit meldet Ambrosio Zweifel: "Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich nicht geboren worden, sondern irgendwann einfach da gewesen."

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Tijan Sila:
Die Fahne der Wünsche

Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 22 Euro

Zum Konzept des Romans aber passt das. "Die Fahne der Wünsche, ein rotes Tuch": mit den Worten warnte Kulturtheoretiker Klaus Theweleit noch in den Siebzigerjahren vor einem faschistoiden Männertyp: Theweleit spricht von "nicht-zu-Ende-geborenen" Männern. Kind gebliebenen Erwachsenen, die unfähig zu Beziehungen sind und sich mit "Körperpanzern" von ihrer Umwelt abkapseln. Auch Ambrosio bleibt für den Leser meistens nur an der Oberfläche greifbar. Aus der Rückschau des gealterten Ambrosio lässt sich keine Betroffenheit ablesen. Aber: "Was will man machen?"

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