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Tilman Rammstedt: "Cliffhanger machen erstaunlich viel Spaß"

Ein Interview von

Tilman Rammstedt: Vom Bachmannpreis zum Romanabo Fotos
DPA

Die Schreibblockaden des Tilman Rammstedt sind berüchtigt. Nun zwingt sich der Berliner Schriftsteller dazu, jeden Tag ein Kapitel seines Romans zu schreiben und es im Netz für Abonnenten zu veröffentlichen.

Über Tilman Rammstedts Schreibblockaden redet die Buchbranche seit Langem. Mit dem Projekt "Morgen mehr" will er nun aus der Not eine Tugend machen: Seit dem 11. Januar 2016 schreibt er unter dem Titel "Morgen mehr" täglich ein Kapitel seines nächsten Romans, der schon im Mai in gedruckter Form erscheinen soll. Gegen eine Abogebühr kann man per E-Mail oder Whatsapp mitlesen, wie der Erzähler seine zukünftigen Eltern zusammenbringen will, damit sie ihn zeugen. Das Gespräch fand vormittags in einem Café im Prenzlauer Berg statt, dessen Spezialität selbstgemachtes Birchermüsli ist. Rammstedt trank nur Kaffee und hatte seinen Laptop dabei: Nach dem Interview blieb er noch, um weiterzuschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rammstedt, sind Sie jemand, dem es leichter fällt zu schreiben, wenn er eine konkrete Aufgabe gestellt bekommt?

Rammstedt: Leichter nicht. Aber ich bin dankbar dafür. Denn das Problem beim Schreiben ist ja, wie häufiger im Leben, das Entscheiden. Wenn es keine Aufgabe gibt, wenn es keinen engen Zeitdruck gibt, dann schreibe ich etwas und denke dann: "Ja, oder doch ganz anders?" Und dann schreibe ich das andere und denke: "Ja, oder doch ganz anders?" Dann schreibe ich wieder was anderes. Die Kombination aus klarer Aufgabe und Zeitdruck ist für das Entscheiden ideal. Ich weiß bis heute nicht, ob ich eigentlich schnell oder langsam schreibe. Das werde ich bei "Morgen mehr" nun wohl oder übel herausfinden. Ich wollte mal sehen, was für ein Buch entsteht, wenn ich mir die Zeit fürs ausgiebige Zweifeln einfach nicht nehmen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Idee zu dem Projekt war also Ihre?

Rammstedt: Die Grundidee, ja. Die ist schon Jahre alt. Ich hatte eine Anfrage eines E-Book-Verlags für ein kleines Nebenprojekt und überlegte mir, dort vielleicht jede Woche eine Mini-Geschichte zu schreiben, im Abonnement. Genau das würde meiner Art des Schreibens und der holprigen Entscheidungsfindung zugutekommen, dachte ich mir. Ich erzählte meinem Verleger beim Printverlag, Jo Lendle, davon, und der sagte: "Wenn, dann machen wir das."

SPIEGEL ONLINE: Und so kam es dann auch.

Rammstedt: Er kam immer wieder darauf zurück, vergangenes Jahr sehr entschieden. Dann redeten wir, und es eskalierte: nicht mehr wöchentlich eine Kurzgeschichte, sondern täglich ein Romankapitel.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie sich den ultimativen Druck auferlegt, das tägliche Schreiben unter Beobachtung. Wissen Sie, wie viele Beobachter es eigentlich sind?

Rammstedt: Genau weiß ich es lieber nicht. Vierstellig, sagt der Verlag. Ich hatte eher gedacht, es würden so - knapp hundert.

SPIEGEL ONLINE: Mehr, als Ihnen bei einer Lesung jemals gegenüber gesessen hätten?

Rammstedt: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Und macht das etwas mit Ihnen?

Rammstedt: Schwer zu sagen. Ich habe ja tatsächlich auf Sicht geschrieben, von dem Sonntag an, als es losging. Da war nichts vorgeschrieben, keine Handlungsstränge waren geplant, es gab noch nicht einmal lose Notizen. Ich hatte also gar nicht viel Zeit, mir darüber Sorgen zu machen, wer da jetzt mitliest und was die davon denken. Die Idee war aber, ein Kommentarfeld zu haben. Da hatte ich mir einen kleineren Rahmen vorgestellt. Weil ich immer dachte: Bei der Handvoll Leute, die mitlesen, gibt es dann vielleicht drei, die kommentieren. Jetzt ist es aber schön, wie sich da Persönlichkeiten und Rollen herausbilden. Und es kommen viele Vorschläge für die weitere Handlung, die ich mir interessiert durchlese, mal erfreut und mal verwundert. Aber dabei bleibt es meistens. Das wird kein interaktives Buch.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich herauskristallisiert, zu welchen Zeiten Sie schreiben?

Emoji-Sneakpreview: Wer wollte, konnte einen Vorgeschmack in Bildchen auf das kommende Kapitel abonnieren
Tilman Rammstedt/ Carl Hanser

Emoji-Sneakpreview: Wer wollte, konnte einen Vorgeschmack in Bildchen auf das kommende Kapitel abonnieren

Rammstedt: Ja, aber das muss sich ändern. Bisher ist es so, wie es eigentlich nicht sein sollte, nämlich ziemlich pausenlos. Das Kapitelschreiben ist da wie der Roman als Ganzes im Kleinen: Man schreibt eine halbe Seite in einer Viertelstunde, und dann geht's drei Stunden nicht weiter. Weil ein Satz, der eigentlich gar nicht so entscheidend ist, im Aufbau so wahnsinnig kompliziert ist, dass ich daran ewig sitze. Dann muss ja auch noch das Tages-Selfie gemacht werden, die Emoji-Preview, die man abonnieren konnte, das Einlesen für die Hörfassung - und dann muss ich noch einen gemeinsamen Zeitpunkt mit meinem Verleger finden, der alles mit mir am Telefon durchspricht. Bis ich wirklich fertig mit allem bin, ist es meist Mitternacht. Das zwölf Wochen lang jetzt so machen, wird schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Was an Ihrer Erzählweise bei "Morgen mehr" bisher auffällig war: Es gab fast jeden Tag einen Cliffhanger.

Rammstedt: Ja, das hatte ich mir gar nicht vorgenommen. Doch es macht schon erstaunlich viel Spaß, mit einem Cliffhanger aufzuhören. Dabei bin ich sonst gar kein Autor von plot-driven Romanen und finde nichts mühsamer, als Handlung zu beschreiben. Ich glaube auch nicht, dass es gut wäre, weiterhin so mit Cliffhangern um mich zu schmeißen, es nutzt sich ab und nimmt mir auch die Möglichkeit, die ich mir eigentlich offen halten wollte, auch mal mitten im Kapitel aufzuhören. Meinetwegen auch mitten im Satz.

Porträtmalerei in Ravioli und Sauce: Mit diesem Selfie zum 5. Kapitel nahm Tilman Rammstedt Bezug auf eine Romanstelle und die Diskussion in den Kommentaren dazu.

Selfie zum 2. Kapitel: Rammstedts Roman handelt, so weit man das bisher erkennen kann, davon, dass ein Erzähler seinen zukünftigen Vater und seine zukünftige Mutter zusammenbringen muss, auf dass sie ihn zeugen mögen.

"One Word A Day": Das Selfie zum ersten Kapitel

Elftes Kapitel: Werden die Wörter nun nur noch gewürfelt?

Selfie zum 7. Tag: In der Kommentarspalte ist eine Diskussion um Rammstedts Sofa entbrannt - der Autor reagiert per Selfie.

Wenn Tilman Rammstedt auch an Feiertagen liefert (am Wochenende hat er Pause), werden am Ende 65 Kapitel und 65 Selfies zusammengekommen sein.

SPIEGEL ONLINE: Cliffhanger sind ja kunstformübergreifend eine Strategie des seriellen Erzählens. Über Fernsehserien heißt es schon länger, dass sie die Rolle großer zeitgenössischer Romane übernähmen. Sind Sie Seriengucker?

Rammstedt: Ja, klar, wie jeder. Ich habe sogar mal mittelerfolgreich an der Stoffentwicklung für eine Fernsehserie mitgearbeitet. Diese Überlegung - was ist die ganze Geschichte, was ist die Staffelgeschichte, was ist die Folgengeschichte - ist ja die Hauptarbeit, die da von den Teams gemacht wird. Das wird vorher so konzipiert, das ist der entscheidende Unterschied zu meinem Roman jetzt, bei dem nichts konzipiert ist und das Schreibteam, wenn ich mich nicht verzählt habe, nur aus mir besteht.

SPIEGEL ONLINE: Das war bei den Fortsetzungsromanen im 19. Jahrhundert manchmal anders: Alexandre Dumas hatte einen Hilfsschreiber für "Der Graf von Monte Cristo" oder "Die drei Musketiere". Von Dumas kamen die großen Linien, und der andere hat es dann aufgeschrieben.

Rammstedt: Das wäre fantastisch. Wobei, für mich wäre es besser andersherum: dass jemand anderes die Linien hat und ich es aufschreibe. Den Job hätte ich viel lieber.

SPIEGEL ONLINE: Der wirtschaftliche Aspekt: Es gab im Vorfeld Crowdfunding, jetzt gibt es Abo-Gebühren - wird das mit dem Buchvorschuss verrechnet, oder wie funktioniert das?

Rammstedt: Darüber habe ich mir zufällig gestern Nacht zum ersten Mal Gedanken gemacht. So viel zu meiner Professionalität. Ich habe mit meinem Verlag jedenfalls einen ganz normalen Buchvertrag, der sich auf den gedruckten Roman bezieht, auf den das alles hier ja hinsteuern soll.

SPIEGEL ONLINE: Natürlich berührt diese Form Fragen des Marketing und dessen Verhältnis zur Literatur. Im Pop fällt der Gedanke nicht so schwer, dass das Marketing zur Kunst schon dazugehören kann, aber in der Literatur ist das womöglich anders.

Rammstedt: Völlig zu Recht gibt es Zweifel. Natürlich einerseits: "Was soll das denn für ein Buch werden? Ich möchte ein normales Buch lesen, das in Ruhe geschrieben und in Ruhe lektoriert wurde." Aber ich habe ja nie in Ruhe geschrieben, dann wären meine anderen Bücher viel mehr eine Mogelpackung als dieses.

SPIEGEL ONLINE: Zum anderen?

Rammstedt: Alles, was nach Digitalstrategie klingt, wird ja zu Recht skeptisch beäugt. Dass sich Verlage eine Digitalstrategie überlegen müssen, tut mir ausdrücklich leid für sie, denn es macht bestimmt keinen Spaß, sich Digitalstrategien überlegen zu müssen. Deswegen betone ich auch so, dass die Grundidee von mir stammt. Nicht, weil ich so stolz auf die Idee bin. Sondern weil mir die Vorstellung unangenehm wäre, dass der Verlag gedacht hätte: "Oh, wir müssen unbedingt was Cooles mit dem Internet machen - Tilman, mach doch mal!" Für den Verlag ist das Interessante, neue Formen der Vermarktung, des Vertriebs auszuprobieren. Was ich gut verstehen kann, was aber nicht mein Interesse ist.

SPIEGEL ONLINE: Dass zum, sagen wir mal, Markenkern des Schriftstellers Tilman Rammstedt inzwischen gehört: Das ist der mit den Schreibblockaden - das nervt doch wahrscheinlich?

Rammstedt: Das nervt. Aber ich kann da niemandem einen Vorwurf machen. Wenn ich dieses Projekt mache, das auch damit beschrieben wird, kann ich mich nicht richtig beschweren. Aber es nutzt sich ab. Und ich möchte nicht, dass es kokett wirkt. Beim nächsten Buch will ich, dass zu meinem Markenkern meine fast roboterhafte Zielstrebigkeit gehört.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Autor_Richard_Bergen 01.02.2016
Wow, die Veröffentlichung ist für den 9. Mai terminiert und sie sind noch am Schreiben. Das nennt man Eier haben. Oder erfrischend. Oder wahnsinnig. Macht mich aber auf jeden Fall sehr neugierig.
2.
totalmayhem 01.02.2016
So neu ist die Ide auch wieder nicht. So eine aehnliche Nummer hatte schon mal ein gewisser Stephen King im Jahr 2000 abgezogen. Irgendwann verliess ihn dann die Lust und das Ding wurde nie fertig... und der geneigte Leser (Abonnent) kam sich versch**ssert vor. ;) http://www.nytimes.com/2000/11/29/business/a-stephen-king-online-horror-tale-turns-into-a-mini-disaster.html
3. Klingt richtig aufregend!
ohnefilter 01.02.2016
Hoffentlich wird das bald verfilmt, dann kommt endlich etwas Stimmung in unsere langweilige Welt.
4. ...
Newspeak 01.02.2016
Episodenromane waren wohl früher nicht so unüblich. Hat wohl auch Charles Dickens gemacht. Ob der allerdings seinen Roman schon fertig hatte, und ihn nur in Serie veröffentlicht, kann ich nicht sagen. Das Projekt klingt jedenfalls ziemlich wahnsinnig. Ich kenne auch Schreibblockaden und denke mir dann, daß dies zum Teil auch normale Faulheit ist und zum Teil, daß man selber nicht weiß, was man erzählen möchte. Plus eine schwer zu fassende andere Komponente, die vielleicht mit zuviel Selbstzweifel zu tun hat oder, positiver ausgedrückt, mit der Magie ein leeres Blatt Papier bzw. einen leeren Bildschirm aus dem Nichts bzw. irgendwelchen Gehirnwindungen mit etwas Sinnvollem zu füllen. Woher kommt das überhaupt? Da Verlangen, der Zwang, aber auch der eigentliche Inhalt. Nebenbei. Ich kenne Tilman Rammstedt nicht wegen seiner Schreibblockade. Ich kannte ihn vorher gar nicht. Ich kenne ihn ab jetzt als den wahnsinnigen Typen, der jeden Tag ein Kapitel eines Buchs schreibt. Das Klischee ist also schon am Transzendieren ;).
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