Psychologe mit Unterleibsleiden Der englische Patient

Familien-Malaisen, Muttertod und Anal- und Beckenbodenmassage: Tim Parks' neuer Roman "In Extremis" ist die zu lang geratene Geschichte eines notorischen Verdrängers und seines Leidens an sich selbst.

Schutz vor Unterleibsschmerz
imago

Schutz vor Unterleibsschmerz


Die Geschichte ist klein und eigentlich schnell erzählt - und sie geht so: Der englische Psychologe Thomas Sanders, Ende Fünfzig, schlägt sich seit Jahren mit einem offenbar psychosomatisch motivierten "Unterleibsleiden" herum, das er, von Haus aus ein passionierter Verdränger, mal mehr, mal weniger erfolgreich mit Beckenboden- und Analmassagen in Schach zu halten vermag.

Wann immer den Kerl unliebsame Probleme ereilen, schaltet er allerdings reflexartig auf Durchzug - und prompt kehrt das Ziehen und Zwicken im Unterleib zurück! Und nun, da seine betagte Mutter zuhause in England im Sterben liegt, und Thomas ihr ein letztes, ihn quälendes Bekenntnis zu machen hätte, nämlich dass er seine Frau verlassen hat und nunmehr mit einer deutlich Jüngeren zusammenlebt, quälen ihn Anus und Beckenboden ganz besonders heftig.

Soweit die Zusammenfassung von Tim Parks' neuem Roman "In Extremis". Zu dem Zeitpunkt, da die Ereignisse anrollen, befindet sich sein Protagonist auf einer Psychotherapeuten-Konferenz im niederländischen Amersfoort, wo er einen Vortrag halten soll. "Unter der Dusche spürte ich einen unangenehmen Druck, ein Brennen in der Blase und als Begleiterscheinung einen Stimmungswandel: Gereiztheit. Dann, als ich beim Abtrocknen einen Blick auf meinen Laptop warf, sah ich, dass eine E-Mail von meiner Schwester eingetroffen war, adressiert an meinen Bruder und mich: 'Mums Zustand verschlechtert sich rapide. Kommt lieber sofort.'"

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Tim Parks:
In Extremis

Übersetzt von Ulrike Becker

Kunstmann, 432 Seiten, 24 Euro

Genoss der egozentrische Schmerzensmann eben noch die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Horde mitfühlender, in die eigenen Ideen zur Schmerzensbehebung vertiefter Psychologen, angefangen bei jenem auf Analmassage spezialisierten Dr. Sharp, der ihm einmal entschlossen entgegenhält, "Sie müssen ihren Finger dort hineinstecken, wo es wehtut, weil es ihre diagnostische Pflicht ist!", so zieht es ihn plötzlich jäh nach Hause. Dahin, wo ihn alleine das erwartet, was er bloß die "Besichtigung" nennt: die Begutachtung von "Mutters Leichnam".

Tumber, beratungsresistenter Zauderling

So nimmt die Geschichte vom englischen, an sich selbst laborierenden Patienten nach und nach irrwitzige Ausmaße an, indem Parks, der sich offenbar an einer Art Thomas Bernhardscher Redundanz-Mimikry versuchte, seine bestenfalls Short-Story-große Geschichte sinnlos aufbläst. Was hätte das für eine knapp gefügte Erzählung werden können, nach schräger Woody-Allen-Art, über einen, der nicht raus kann aus seiner zu engen Haut - und sich darum bizarre Analstäbe einführt.

Stattdessen verödet das hier zur langweiligen Beschreibung einer Familie, in deren Zentrum Thomas steht wie ein tumber, beratungsresistenter Zauderling. "Jahrelang hatte ich überlegt, ob ich eine Therapie machen sollte. Jahrelang war die Antwort Nein gewesen. Denn ist es nicht normal, unglücklich zu sein?" Statt nun in der ja jetzt wirklich offenliegenden Seele seines schmerzgebeugten Helden nach Interessantem Ausschau zu halten, setzt Parks uns bloß immer neu darüber in Kenntnis, wie es um die Frequenz von dessen Klo-Gängen und das damit verbundene Innenklima seiner dauererregten Blase bestellt ist.

Autor Tim Parks
Volker Hinz

Autor Tim Parks

Bestach der 1954 in Manchester geborene, seit 1981 in Italien lebende Parks in Romanen wie "Stille" (2006)", "Träume von Flüssen und Meeren" (2009) oder seinem zuletzt erschienenen Eheroman "Thomas und Mary" als Meister der Zwischentöne und der Ökonomie, so krankt sein neues Werk an der Unausgewogenheit von Inhalt und Form. "In Extremis" überzeugt weder als schlüssiges Porträt eines, die Probleme dieser Jahre in sich vereinigenden Psychosomatikers, der im falschen Leben feststeckt, noch als Geschichte eines Mannes, der verstehen lernt, dass wir immer auch das Produkt einer Vorgeschichte sind - in seinem Fall das seiner Mutter und ihrer jahrelang unterdrückten Ängste.

So endet die vorliegende Geschichte, wie sie wahrscheinlich enden muss, nämlich damit, dass die Mutter tot - und der Analstab da ist, wo er seiner Funktion entsprechend hingehört: "Ich band den Gummihandschuh unterhalb des Stoppers fest, schmierte ihn mit zehn Jahre alter Fettsalbe ein, hob und spreizte die Knie, und platzierte den Stab genau dort, wo man ihn platzieren sollte. Vielleicht hatte ich endlich mal was richtig gemacht." Na, bitte!



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