Tim Staffel Wo bitte geht's zur Heimat?

Mit seinem zweiten Roman "Heimweh" liefert der Berliner Autor Tim Staffel erneut eine düstere Geschichte über das Warten auf den Weltuntergang. Seine Figuren schnellen wie Flipperkugeln durch ein Leben aus Alpträumen und Drogen – und suchen doch nur ein bisschen Heimat und Halt.

Von Simone Kaempf


"Heimweh"

"Heimweh"

Kult ist ein Wort, das man einem jungen Autor nur kurz auf die Stirn kleben muss - schon bleibt es haften. Damit ist er automatisch unfehlbarer Experte geworden für Zeitgeist und Lebensgefühl. Der Berliner Tim Staffel wurde im Jahr 1998 auf diese Art und Weise in eine neue Umlaufbahn geschossen. Bis dahin hatte er zahlreiche, aber wenig beachtete Theaterstücke geschrieben. Dann brachte sein erstes Prosawerk "Terrordrom" die Rezensenten zum Beben. Mit Neugier oder Ablehnung reagierte man auf den ungezügelten Hass von Staffels Romanfiguren, die sich von der Riesenmaschinerie des neuen Berlins überrollt fühlten. Der Regisseur Frank Castorf setzte das Prosawerk an der Volksbühne in Szene. Staffel erhielt Kultstatus, die Vermarktungsmaschinerie lief nach einem perfekt inszenierten Drehbuch ab: Als Kolumnist schreibt Staffel seit knapp einem Jahr in der "Zeit" gut portionierte achtzig Zeilen Kurzprosa über sein Leben in Berlin.

Nun lässt Tim Staffel sein zweites Buch folgen. Mit einem misslungenen Banküberfall betritt der Leser Staffels Erzählwelt. Es ist eine mit Gefühlen und Gegenständen karg ausgestattete Zukunftswelt, deren Helden mit alltäglichen Problemen zu kämpfen haben: Geld, Drogen und Mädchen. Der Epileptiker Marvin hat statt seiner verschriebenen Pillen Vitamin E geschluckt. Während eines Banküberfalls erleidet er einen Anfall und wacht im Krankenhaus auf. Mit seinem Begleiter Tizian, einer Art Schutzengel, tritt er die Flucht in einem roten Ford Mustang an. Dieses Auto tauchte schon in „Terrordrom“ auf: Am Ende kauften sich zwei Figuren einen Ford Mustang und flüchteten raus aus der größenwahnsinnigen Großstadt.

Der Moloch Stadt spielt in "Heimweh" keine Rolle mehr. Die Flucht wird zum Topos, an dem man sich aufhält. Auf seiner Suche stößt Cem zu Marvin und Tizian, der für Marvin ebenfalls den guten Freund und Schutzengel spielen will, was natürlich nicht funktioniert. Denn wenn ein neuer Freund kommt, muss ein alter gehen. Wie ein Schauspiel in drei Akten erzählt jeder die Geschichte aus seiner Sicht, wie sie für Dealer Pakete durch die Gegend fahren, von Mascha, die ständig daran arbeitet, ihren Jahrhundertmix zu sampeln, von Lilli, Titti Twister, Nico und den anderen hippen Drogenkonsumenten, die alle der Glauben daran verbindet, nicht von dieser Welt zu sein. Staffels Figuren schießen wie unkontrollierbare Flipperkugeln durchs Leben. Was sie umtreibt ist endlich irgendwo anzukommen, vielleicht in der "Heimat, dem Ort wo noch niemand gewesen ist".

Diese Worte von Ernst Bloch haben ihn sehr berührt, hat Staffel einmal gesagt. Und sie haben ihn zu diesem Buch animiert. Doch was Heimat für Staffel heißt, ist nur erahnbar. Vermutlich ist es ein mythischer Ort, an den man sich nur durch Erinnerung und erlebte Ortskenntnis imaginieren kann. Ein wirklich sinnstiftender Bogen fehlt der Roadmovie-Geschichte von Marvin, Tizian und Cem. Mit kunstloser, manchmal gar zu schnoddriger Sprache verwebt Staffel die Hirngespinste der Erzähler mit ihren Erlebnissen und mit Bruchstücken aus ihren Alpträumen. Karge Dialoge spicken die Geschichte, etwa "Kriege ich dein Sweatshirt, Marvin?" - "Du stinkst nach Fisch." - "Nach frischem Fisch. Das ist ein Unterschied." - "Na gut, was kriege ich von dir?" - "Gib mit deine Hand, Marvin." Immer wieder scheinen die brodelnen Gefühle aus dieser kargen Sprache durchzubrechen. Der Zeiger ist immer am Anschlag. Jedes Wort ist ein Mord, eine Liebesgeschichte oder zumindest ein bisschen Hass. Wie ein seltsam artifizieller Technosong wirkt "Heimweh". Man würde ihn gerne etwas leiser drehen.

Tim Staffel: "Heimweh". Verlag Volk und Welt, Berlin; 257 Seiten; 32 Mark.



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