Timo Blunck und die Achtziger "Popper, das war rebellisch"

Neue Deutsche Welle, Popper-Rebellion, Amour fou: Eigentlich wollte Timo Blunck über sein Leben singen. Doch es gab zu viel zu erzählen. Deswegen gibt es "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?" jetzt auch als Roman.

Elliot Blunck

Ein Interview von


Zur Person
  • Elliot Blunck
    Timo Blunck war Bassist der Hamburger Band Palais Schaumburg, die in den frühen Achtzigern auch international großen Erfolg hatte. Der 55-Jährige Hamburger war außerdem Sänger der Band Grace Kairos und ist mit Detlef Diederichsen zusammen Kopf der Zimmermänner. Darüber hinaus komponiert er Werbemusik und Soundtracks. "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?" ist sein erster Roman. Einen zweiten hat er schon fast fertig geschrieben.

Die meisten Musikermemoiren gleichen einander. Kleine Clubs, dann Stadien. Alkohol, Sex und Drogen. Oft auch späte Läuterung. Für einen anderen Weg entschied sich Timo Blunck, eine der Schlüsselfiguren der Neuen Deutschen Welle, als sie noch Avantgarde war. In "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?" verwandelt er sein Leben in einen Roman - und in ein zeitgleich erscheinendes Album mit zwölf Songs, die so heißen wie die Kapitel im Buch. Gleich zu Beginn des Romans lässt Blunck sein Alter Ego T-Bone Schröder sterben - im März 2018, exakt zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung. An einer Überdosis "Zuviel von allem".

SPIEGEL ONLINE: Herr Blunck, 2014 sind Sie bei einem Auftritt der Zimmermänner wegen eines Darmverschlusses auf der Bühne zusammengebrochen und wären fast gestorben. War das der Moment, der Sie dazu gebracht hat, Ihr eigenes Leben aufzuschreiben?

Blunck: Einen Monat lang kam ich nicht auf den Dampfer, und durch das Nichtstun, das ich so gar nicht kannte, habe ich - auch wenn das total klischeemäßig klingt - angefangen über mein Leben zu reflektieren. Und zu schreiben. Erst einmal Songs, bis ich merkte, dass das Format zu klein für mein Leben war. Ein Song ist wie ein Film, ein Buch wie eine TV-Serie.

SPIEGEL ONLINE: Alles, was Ihr Roman-Ich T-Bone Schröder macht, ist exzessiv: lieben, arbeiten, Drogen nehmen. War Ihr Leben zu wild, um es als Autobiografie zu erzählen? Ist die Romanform eine Art Schutz?

Blunck: Zum einen sind Musikerbiografien fast immer langweilig. Weil die meisten gar nicht alles erzählen, weil sie sich schämen oder nicht trauen. Bei mir kommt noch dazu, dass ich nicht mal sonderlich bekannt bin. Deshalb habe ich mich darauf konzentriert, was mich interessant macht, und das ist zum Teil meine Geschichte als Musiker, aber auch meine obsessive Liebe zu der Frau, die im Buch "Sophia" heißt. Die Romanform gibt mir eine gewisse Freiheit. Ich kann verdichten, das macht es schneller.

SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Künstler, die im Buch vorkommen, sind alle hinter Pseudonymen verborgen, oder?

Blunck: Ja, die Geschichten, die ich erzähle, sind ja potenziell rufschädigend. Und ich wollte keine Probleme bekommen wie Maxim Biller damals. Außerdem wollte ich nicht, dass das Buch nur nach Promifaktor gelesen wird: Ach, so war das mit Soundso, so ist der wirklich.

SPIEGEL ONLINE: Teilweise machen Sie das aber doch, die internationalen Stars treten mit Klarnamen auf. Einmal bügeln die Musiker von Depeche Mode Ihre Hemden. Und wie war das mit Brigitte Nielsen, die eines Tages verkatert und mit einem Mann im Schlepptau, den sie als Prinz von Nepal vorstellt, in Ihrem Londoner Studio auftaucht?

Blunck: Genau so. Ich habe einen Song für sie produziert, und sie ist beim Singen eingeschlafen.

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Timo Blunck:
Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?

Roman

Heyne Verlag; 464 Seiten; 22 Euro

SPIEGEL ONLINE: 1982 sind Sie mit Palais Schaumburg in der gerade eröffneten Hacienda in Manchester aufgetreten. Kurze Zeit darauf wurden Sie aus der Band geworfen. Warum?

Blunck: Downsizing. Weniger Musiker, mehr Income. So wie im Buch. Tatsächlich wurde aus dem Quintett ein Trio, der Drummer sang und der Keyboarder übernahm den Bass-Part mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer hat Sie das getroffen?

Blunck: Das war schmerzhaft. Ich kann mit vollem Ernst sagen: Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere mit 19. In Zürich Songs aufnehmen, in New York ein Album mischen, mit Depeche Mode touren, das ist ganz schön geil... und als das zu Ende war, wusste ich nichts Besseres zu tun, als dem Wunsch meines Vaters zu entsprechen und Medizin zu studieren. Eine Niederlage, schließlich habe ich gegen meinen Vater rebelliert, indem ich Musiker wurde und nicht Arzt oder Anwalt. Zwei Jahre später konnte ich das dann wirklich wahr werden lassen, weil ich entdeckte, dass man mit Musik für Werbeclips Geld verdienen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie sahen damals aus wie ein Popper - war nicht Punk die natürliche Form der Rebellion, wenn man im gehobenen Mittelstand in Hamburg-Niendorf aufwuchs?

Blunck: Für mich nicht: Meine Mutter war eine Achtundsechzigerin, deshalb war es viel rebellischer, als Popper herumzulaufen. Mit Button-Down-Streifenhemd, Schlips und Pennyloafers durch den Garten zu stolzieren, wo meine Eltern und ihre Freunde nackt rumlagen, das war das Größte. Die sagten dann immer: Euer Sohn ist so ein Spießer. Und ich so: Yes!

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NDW-Musiker Blunck: Sex, Beat und Jingles

SPIEGEL ONLINE: Und wie sind Sie bei Palais Schaumburg gelandet?

Blunck: Ich habe Thomas Fehlmann in der Punkkneipe Marktstube getroffen, und der suchte einen Bassisten. Konnte ich zwar nicht, aber das war egal damals.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich den schnellen internationalen Erfolg von Palais Schaumburg?

Blunck: Da gilt das Klaus-Nomi-Theorem: Je schräger, je besser. So gefiel es den Amerikanern und Engländern. Auch, dass wir auf Deutsch gesungen haben, passte dazu. In England hatten wir vor Kurzem eine Art Revival, wurden auf einmal wieder in den Londoner Clubs gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dann vor einigen Jahren noch einmal mit Palais Schaumburg auf Tour gegangen...

Blunck: Ja, aber dann bin ich schnell wieder ausgestiegen, weil ich keine Lust habe, nur die Musik von vor über 30 Jahren aufzuführen. Ich geh doch nicht hin wie die Fehlfarben, die sich hinstellen und ihr Album "Monarchie und Alltag" von früher aufführen - das ist eine kreative Bankrotterklärung.

SPIEGEL ONLINE: Das passt zum Musealisierungsprozess von Punk und Neuer Deutscher Welle, der mit dem Buch "Verschwende deine Jugend" angefangen hat und mit Ausstellungen wie "Geniale Dilettanten" weitergeführt wird, oder?

Blunck: Ja, wobei ich kein Problem damit habe, im Museum zu landen. Immerhin haben wir damals etwas gemacht, das relevant war. Und Picasso hängt auch im Museum.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gefühl, Ihre Jugend verschwendet zu haben?

Blunck: Nicht unbedingt, aber in gewisser Weise habe ich das Gefühl, mein Talent vergeudet zu haben. Ich habe mich entschieden, Kinder großzuziehen und deshalb Werbemusik gemacht. Und auch wenn ich jetzt einen genialen Payoff habe und meine Söhne das Wichtigste für mich sind - vielleicht hätte ich früher anfangen müssen zu schreiben. Andererseits war ich früher ein ziemlicher Idiot.

SPIEGEL ONLINE: Neben der Musik steht eine amour fou im Mittelpunkt des Buchs. Eine ziemlich radikale Liebesgeschichte mit Orgien in New Orleans, einem Dreier in einem Hamburger Hotelbadezimmer und wüsten, auch physischen Auseinandersetzungen.

Blunck: Ja, Sophia, wie sie im Buch heißt, stammt aus Baton Rouge und ist die Mutter meiner Kinder. Unsere Beziehung war eine nicht enden wollende Katastrophe. Aber ich bewundere sie dafür, dass sie keine Scham kennt, sich alles traut. Ein Tornado, der durchs Leben fegt - und wehe dem Mann, der in ihren Strudel gerät.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben auch die Beziehung, die Sie mit Anfang 50 mit einer 17-Jährigen hatten. Haben Sie keine Angst, als dirty old man abgestempelt zu werden?

Blunck: Vielleicht, aber es ist genau so passiert. Und ich gehe in diesem Buch volles Risiko, mache mein Herz ganz weit auf. Es geht nicht darum zu sagen: Seht her, der Alte bringt es noch mit 50. Ich zeige ja auch, dass ich wusste, wie daneben das alles war.

SPIEGEL ONLINE: Riskant in Zeiten der #MeToo-Debatte?.

Blunck: Bei #MeToo geht es um Machtmissbrauch. Der findet in meinem Buch nicht statt.

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fletcherfahrer 02.03.2018
1. Popper rebellisch?
Wohl eher unbeliebt. "Alle woll'n dasselbe, Popper in die Elbe!" hieß es doch damals.
krause.bettina 02.03.2018
2.
Zitat von fletcherfahrerWohl eher unbeliebt. "Alle woll'n dasselbe, Popper in die Elbe!" hieß es doch damals.
Also bei uns in Südniedersachsen waren die Popper die Angepassten und zukünftigen BWL-Studenten ('Schnarchnasen'). Die PUNKER waren die Rebellen.
andreasbln 02.03.2018
3. Popper ? Rebellen
na ja vielleicht im Verhältnis zu seinen Hippie-Eltern plausibel... zum Rest der Gesellschaft einfach nur blasiert oder jedenfalls ein Ego-Thema... erinnere gut, Klassenfahrt 10. Klasse mit dem Zug an den Bodenseee an 1981. Irgendwo Mannheim oder Stuttgart stieg ein Popper ein... der ganze Waggon johlte in einer Art la Ola Welle wo er vorbeikam... Poppertolle, He wore a tie like Richard Gere, Anzug, Lackschuhe..... herrje war das ein Spaß. Aber die "ich scheiß auf die anderen" Attitüde hatten sie mit Punkern gemein. Hauptsache den anderen zeigen, was man von ihnen hält. Aber Popper waren eher so eine lästige Randerscheinung.... ohne wirklich Inhalt
pulverkurt 02.03.2018
4. Genau so...
Zitat von krause.bettinaAlso bei uns in Südniedersachsen waren die Popper die Angepassten und zukünftigen BWL-Studenten ('Schnarchnasen'). Die PUNKER waren die Rebellen.
... sah es auch in Münster aus. Popper wurden von allen (außer den Poppern) als angepaßt und oberflächlich angesehen. "Haut die Popper platt wie Whopper"!
angst+money 02.03.2018
5.
Tja, viele Punks waren halt doch meistens Altrocker vom Dorf, die sich immerhin die Haare geschnitten hatten. Da waren die bösen Popper intelligenter und innovativer. Wobei, "Palais Schaumburg" lief damals bei uns unter Punk.
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